Am 21. Juni wurde Oppositionspolitiker Sergej Tichanowski überraschend aus der Haft entlassen und aus Belarus abgeschoben. Kurz zuvor hatte der Sonderbeauftragte des US-Präsidenten Keith Kellogg in Minsk vorgesprochen. Die Haftentlassung sei «aus humanitären Gründen» erfolgt, liess das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko anschliessend mitteilen.
Tichanowski hatte versucht, an den Präsidentschaftswahlen in Belarus im August 2020 teilzunehmen, wurde jedoch festgenommen und später zu 18 Jahren Haft verurteilt. An seiner Stelle kandidierte seine Ehefrau Swetlana Tichanowskaja. Lukaschenko wurde zum Sieger erklärt, was zu Protesten von Zehntausenden führte, die Lukaschenko Wahlbetrug vorwarfen.
Nach fünf Jahren im Gefängnis analysiert Sergej Tichanowski gegenüber CH Media die Proteste in Minsk im Jahr 2020, bewertet die Beziehungen zwischen Putin und Lukaschenko und bedankt sich persönlich bei Donald Trump für seine Freilassung. Das Interview mit ihm musste schriftlich geführt werden. Zuletzt hielt sich Tichanowski in Warschau auf, er lebt aber seit seiner Freilassung in Litauen und reist Anfang September in die USA.
Wie fühlen Sie sich gerade?
Sergej Tichanowski: Jetzt fühle ich mich deutlich besser, mache eine Reha und habe schon angefangen, mich zu regenerieren. Nach dem Gefängnis wog ich nur noch 79 Kilo, ich hatte stark abgenommen – insgesamt 56 Kilo. Das war eine enorme Belastung für meinen Körper. Jetzt nehme ich langsam wieder zu, treibe Sport, jogge morgens, nehme Vitamine und Medikamente ein. Aber die Folgen der Haft sind geblieben.
Welche Folgen?
Im Gefängnis bekam ich ein Magengeschwür, von dem ich erst nach meiner Entlassung erfuhr, und es traten Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System auf – Tachykardie, Arrhythmie, ständige Krämpfe aufgrund der Kälte und des Schlafens auf den eisernen Gefängnisbetten. Bis heute leide ich unter Schlafstörungen und nervöser Anspannung.
Während Ihrer langen Haftzeit wurde über Sie fast nichts bekannt. Wie sah Ihr Tagesablauf dort aus? Womit mussten Sie sich beschäftigen?
Im Gefängnis ist alles minutengenau geregelt, und jede Abweichung gilt als Verstoss. Aufstehen um 6 Uhr morgens, schlafen gehen um 22 Uhr abends. Obligatorische Gymnastik, mehrmals täglich Putzen – wer das nicht rechtzeitig erledigt, kommt sofort in Einzelhaft in die Strafzelle.
Man musste den ganzen Tag arbeiten, und körperliche Übungen waren nur abends und zu bestimmten Zeiten erlaubt. Das Essen ist karg – Brei auf Wasserbasis, verdorbenes Sauerkraut, ein wenig Graupen oder Kartoffelpüree. In der Zelle ist es noch schwerer: keine Spaziergänge, keine Matratze, kein Kissen. Tatsächlich war der gesamte Tagesablauf so gestaltet, dass man in ständiger Angst vor Bestrafung lebte. Jede Kleinigkeit konnte mit einer Strafzelle enden.
Wurden Sie misshandelt?
Ja, meine Rechte wurden ständig verletzt. Tatsächlich haben politische Gefangene in Belarus überhaupt keine Rechte, die formell für Gefangene gelten. In der Kolonie und im Gefängnis wurde ich in Isolationshaft gehalten: ohne Briefe, ohne Anrufe, ohne Besuche, sogar ein Treffen mit einem Priester wurde mir nicht gestattet. Jeder noch so kleine «Verstoss» wurde mit Strafisolation bestraft – manchmal dafür, dass ich meine Übungen nicht nach dem Zeitplan gemacht oder nicht zum richtigen Zeitpunkt geputzt hatte.
In der Isolationszelle gab es weder Matratze noch Kissen, weder Papier noch Uhr – absolute Isolation. Psychologischer Druck war das wichtigste Mittel: ständige Drohungen, dass ich im Gefängnis sterben würde, dass meine Haftstrafe immer wieder verlängert werden würde. So versuchten sie mich zu brechen – durch Entzug von Informationen, Kontakten, grundlegenden Dingen und Hoffnung.
Wie kam es zu Ihrer Freilassung?
Meine Freilassung wurde schrittweise und unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorbereitet. Bereits im August 2024 kam ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft zu mir und versicherte mir, dass die Angelegenheit geklärt sei: «Schreiben Sie ein Gnadengesuch – und Sie kommen frei.» Ich sah, dass er auf diese Weise viele politische Gefangene auf der Liste abging und jeden davon überzeugte. Er versuchte mich fast drei Stunden lang zu überzeugen, aber ich lehnte ab. Das machte mir deutlich, dass ein Prozess zur Freilassung in Gang gesetzt worden war.
Was passierte dann?
Später, im Januar 2025, kamen wieder verschiedene Leute mit denselben Vorschlägen. Und schon im Frühjahr wurde klar, dass Verhandlungen auf hoher Ebene stattfanden. Schliesslich wurde mir im Juni 2025 unerwartet gesagt, ich solle innerhalb weniger Minuten meine Sachen packen. Man stülpte mir einen Sack über den Kopf, legte mir Handschellen an und übergab mich den KGB-Leuten. Mir wurde klar: Entweder würden sie versuchen, mir mit Gewalt ein Geständnis abzuringen, oder sie bereiteten doch meine Freilassung vor.
Es stellte sich heraus, dass man uns auf den Austausch vorbereitete: Zuerst brachte man uns in das Untersuchungsgefängnis des KGB, wo wir die Nacht verbrachten. Am Morgen setzte man uns dann in Busse, brachte uns zur Grenze und übergab uns der amerikanischen diplomatischen Vertretung. So kam es zur Freilassung von 14 politischen Gefangenen im Rahmen der Vereinbarungen zwischen den USA und Minsk.
Genau fünf Jahre sind vergangen, seit es im August 2020 in ganz Belarus Proteste gegen die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen gab. Wie blicken Sie heute auf diese Proteste?
Ich wurde noch vor Beginn der Proteste festgenommen, daher habe ich sie selbst nicht gesehen und konnte nicht einmal richtig erfahren, was genau damals geschah. Aber eines ist klar: Es war ein friedlicher Protest und keine «farbige Revolution» oder eine «Umwälzung», wie es in der staatlichen Propaganda dargestellt wird. Ich persönlich wollte zeigen, dass es für einen ehrlichen Menschen unmöglich ist, sich als Präsidentschaftskandidat zu registrieren und die Wahl zu gewinnen. Mein Fall hat das bewiesen: Ich wurde nicht registriert.
Ihre Frau aber schon!
Swetlana wurde nur registriert, weil der Diktator der Meinung war, dass eine Frau nicht in der Lage sei, die Wahl zu gewinnen. Aber sie hat gewonnen. Denn die demokratischen Kandidaten hatten sich zusammengeschlossen, ihr ihre Unterstützung gegeben, und die Mehrheit stimmte dann für sie.
Dachten Sie jemals daran, dass sich Ihre Frau gegen das Regime Lukaschenko durchsetzen könnte?
Im Gefängnis habe ich Tausende von Briefen erhalten, viele schrieben, dass meine Freilassung nur noch eine Frage von ein oder zwei Monaten sei. Diese Briefe gaben mir Hoffnung, ich versuchte, sie aufzubewahren, es waren etwa 4000 bis 5000, ich wollte ein Buch veröffentlichen. Aber all das wurde vom KGB beschlagnahmt. Damals schien es, als würde das Regime von Lukaschenko bald fallen. Aber es stellte sich heraus, dass es nicht möglich ist, die Situation allein durch Proteste, allein durch das Hinausgehen auf die Strasse, zu ändern.
Was fehlte denn?
Heute denke ich, dass Russland der entscheidende Faktor war. Moskau hat eine harte Haltung zur Unterstützung von Lukaschenko eingenommen. Der Westen hingegen hat keine solche Position eingenommen – es gab weder eine Strategie noch eine klare Botschaft. Für den Westen kam der Protest überraschend. Letztendlich kam es zu keiner Spaltung der belarussischen Eliten: Russland hat sie zusammengehalten, und der Westen konnte keinen Einfluss nehmen.
Also eine verpasste Chance?
Der Protest von 2020 war riesig, und der Wunsch nach Veränderung war nicht nur beim Volk, sondern auch bei Beamten und Sicherheitskräften da. Viele Vertreter des Systems haben für Viktor Babariko gestimmt. Das heisst, es gab Potenzial für eine Spaltung der Eliten. Es war eine Chance, aber sie wurde vertan.
In Belarus gibt es derzeit immer noch mehr als 1500 politische Gefangene. Ist Lukaschenko bereit dazu, weitere freizulassen?
Lukaschenko ist bereit, politische Gefangene freizulassen, aber nur so, wie es bei mir der Fall war – nämlich mit einem Sack über dem Kopf ins Ausland abgeschoben. Das haben mir Mitarbeiter des KGB persönlich gesagt.
Was also müsste getan werden?
Wir müssen aktiv mit unseren westlichen Partnern – den europäischen und amerikanischen – zusammenarbeiten. Wir müssen ihnen unsere Position, unsere Vorschläge und Informationen vermitteln. Ich bin überzeugt, dass gerade durch einen solchen Dialog Lösungen erreicht werden können, die zur Freilassung aller politischen Gefangenen und zur Beendigung der Repressionen in Belarus führen.
Wir unterscheiden sich politische Gefangene von den übrigen Insassen im Strafvollzug von Belarus?
Politische Gefangene haben in Belarus keinerlei Rechte. Normale Gefangene haben zumindest formal noch gewisse Möglichkeiten – Besuche, Briefe, Telefonate, Zugang zu medizinischer Versorgung, Einkäufe im Laden. Aber politische Gefangene haben nicht einmal das. Ihnen werden alle nur denkbaren Menschenrechte vorenthalten. Tatsächlich bleibt ihnen nur das «Recht», im Gefängnis zu sitzen, karge Mahlzeiten zu erhalten und gelegentlich zu schlafen – wobei auch der Schlaf durch ständige Kontrollen und Isolation gestört wird. Selbst Serienmörder und Vergewaltiger haben bessere Haftbedingungen als politische Gefangene.
Sie haben die Druckversuche auf Ihre Person erwähnt.
Das Schlimmste ist, wenn der Druck über die Familie ausgeübt wird. Die Behörden nutzen sogar Kinder aus: Sie können sie wegnehmen und als Mittel zur Erpressung einsetzen. Und das ist eine Folter, die nicht jeder aushalten kann. Wenn es mir nicht gelungen wäre, meine Kinder rechtzeitig ins Ausland zu bringen, bin ich mir nicht sicher, ob ich diesen Druck ausgehalten hätte.
Wie stark beeinflusst Wladimir Putin Belarus politisch und wirtschaftlich?
Putin übt einen absoluten politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf Belarus aus. Im Grunde genommen ist er der einzige Partner des Lukaschenko-Regimes. Und jede Veränderung in Russland wird unweigerlich zu gravierenden Veränderungen in Belarus führen. Es ist nicht sicher, dass das Lukaschenko-Regime im Falle einer Krise in Russland überhaupt bestehen bleiben würde.
Hat Lukaschenko überhaupt noch Spielräume gegenüber Moskau?
Putin hat die vollständige Kontrolle über Lukaschenko. Jedes Wort Putins ist für ihn ein Befehl. Lukaschenko hat längst die Souveränität und Unabhängigkeit seines Landes aufgegeben. Manchmal gibt er vor, unabhängig zu sein, aber das ist eine Täuschung – alle Entscheidungen werden in Moskau getroffen.
Welche Methoden wendet Lukaschenko an, um sich an der Macht zu halten?
Lukaschenko hat immer verschiedene Methoden angewendet, um an der Macht zu bleiben. Zu Beginn hat er seine politischen Gegner ermorden lassen. Es gibt Zeugen für diese Verbrechen: Menschen wurden entführt, ihnen wurde ein Sack über den Kopf gezogen, sie wurden in den Wald gebracht und mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet. Später erkannte er, dass solche Morde zu auffällig sind und nicht vergessen werden.
Deshalb änderte er seine Taktik: Er sperrte seine Gegner ins Gefängnis, übte Druck auf ihre Familien aus und benutzte sie dann als Verhandlungsmasse gegenüber dem Westen. Im Jahr 2010 sperrte er alle ein, die er konnte, und erpresste den Westen mit der Freilassung politischer Gefangener. Dann tauschte er sie gegen eine Lockerung der Sanktionen ein. Heute macht er dasselbe. Er hat bereits enorme Erfahrung damit.
Gibt es einen Unterschied zwischen Lukaschenkos Herrschaft in Belarus und Putins Herrschaft über Russland?
Bei beiden handelt es sich um Diktaturen, die auf der Unterdrückung der Opposition, der Kontrolle der Gesellschaft und dem Einsatz von Repressionen als wichtigstem Instrument der Macht beruhen. Der Unterschied liegt lediglich in der Form der Darstellung. Putin hat lange versucht, den Anschein von Demokratie zu erwecken, während Lukaschenko sich nicht einmal besonders darum bemüht hat.
Vergleicht man jedoch das Ausmass der Repressionen, so ist diese in Belarus viel härter und umfassender. Man hat den Eindruck, dass Putin in vielerlei Hinsicht von Lukaschenko gelernt hat. Belarus ist für den Kreml zu einem Testfeld geworden: Zuerst werden hier Gesetze und Methoden erprobt – sei es die Rentenreform oder neue Druckmechanismen – und dann werden sie auf Russland übertragen.
Russische Patrioten träumen davon, dass Belarus eines Tages zu Russland gehören wird. Halten Sie das für möglich?
Belarus kann nur unter einer Bedingung Teil Russlands werden – wenn dies mit Gewalt geschieht. Andernfalls ist dies unmöglich. Alle Umfragen und Forschungen zeigen: Die Belarussen wollen nicht Teil der Russischen Föderation sein. Sie wollen sowohl mit dem Osten als auch mit dem Westen befreundet sein. Aber natürlich nicht mit dem Putin-Regime. Eine Zusammenarbeit ist nur mit einem demokratischen Russland möglich, das die Unabhängigkeit seiner Nachbarn respektiert.
Im August hat Donald Trump mit Lukaschenko telefoniert. Was glauben Sie, mit welchen Folgen?
Ich kenne die Details ihres Gesprächs nicht, aber ich kann vermuten, dass die Hauptthemen der Krieg in der Ukraine, Sanktionen und das Schicksal politischer Gefangener waren. Lukaschenko nutzt politische Gefangene immer als Verhandlungsmasse und hat höchstwahrscheinlich versucht zu verhandeln. Für Trump hingegen bleiben die Ukraine und das Kräftegleichgewicht in der Region vorrangig.
Möglicherweise betrachtete er Lukaschenko als einen Kanal, um Einfluss auf Putin auszuüben, oder als Druckmittel in den Verhandlungen. Eines kann ich jedoch mit Sicherheit sagen: Trump versteht es, Deals abzuschliessen, und wenn er einen Vorteil für die USA sieht, wird er Druck auf Lukaschenko ausüben. Darin könnte ein gemeinsamer Nenner liegen – Lukaschenko möchte an der Macht bleiben, Trump könnte dies nutzen, um Menschen freizulassen.
Welche Rolle spielte der US-Präsident bei Ihrer Freilassung?
Ich persönlich möchte Präsident Donald Trump und seiner Regierung ganz herzlich für meine Rettung danken. Ohne ihre Bemühungen hätte ich noch 15 Jahre im Gefängnis verbringen müssen – und das hätte ich einfach nicht überlebt. Ich bin Trump und den amerikanischen Diplomaten dankbar, dass ich heute frei bin.
Wie schätzen Sie die derzeitige Linie von Donald Trump bezüglich des Ukraine-Kriegs ein?
Hier kann ich keine tiefgreifende Analyse liefern, da ich nicht so tief in die Weltpolitik eingedrungen bin und nicht über alle Informationen verfüge. Aber von aussen betrachtet ist zu erkennen, dass Donald Trump ernsthafte Versuche unternimmt, sein Verhandlungstalent einzusetzen. Manchmal lobt er, manchmal übt er Druck aus, aber er handelt immer im Interesse des amerikanischen Volkes. Was das bringen wird, wird die Zeit zeigen. Aber mich beeindruckt die Tatsache, dass er wirkt und nicht stillsteht. Ich bin selbst ein Mann der Tat und schätze das.
Viele Analysten sagen, er stehe im Ukraine-Krieg eindeutig aufseiten Russlands.
Ob Donald Trump wirklich helfen will, der Ukraine, kann ich nicht sagen – das ist eine Frage an Trump selbst. Trump hat immer nicht Russland, sondern China als seinen Hauptgegner betrachtet. Sowohl früher als auch heute hat er sich aktiv gegen China gestellt. Ich denke, er will Russland in dieser Strategie als Druckmittel gegen Peking einsetzen.
Was planen Sie für die nächsten Monate, welche Aufgaben stehen Ihnen bevor?
Bald werde ich mich mit der belarussischen Diaspora in den USA und Kanada treffen, um mit unseren Landsleuten zu sprechen, ihre Probleme und Vorschläge anzuhören. Ich möchte der amerikanischen Regierung unsere Forderungen nach Freilassung der politischen Gefangenen und Beendigung der Repressionen in Belarus übermitteln. Und natürlich möchte ich mich mit Belarussen in den USA treffen, um mit ihnen darüber zu sprechen, wie wir den Tag näher bringen können, an dem wir alle gemeinsam in ein freies und demokratisches Belarus zurückkehren werden.
Ich freue mich für ihn, dass er frei ist, und trotzdem habe ich das Gefühl, da stinkt etwas, wenn letztlich Lukaschenko, Putin und Trump involviert waren.
Der Nobelpreis kann es kaum erwarten, gewonnen zu werden! 😅