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Korrespondent Charlie D'Agata sagt gegenüber CBS News: «Das ist nicht Irak oder Afghanistan, sondern eine relativ zivilisierte, europäische Stadt.»
Korrespondent Charlie D'Agata sagt gegenüber CBS News: «Das ist nicht Irak oder Afghanistan, sondern eine relativ zivilisierte, europäische Stadt.»

«Sie sehen aus wie wir» – die rassistische Rhetorik westlicher Medien

Westliche Journalisten berichten über ukrainische Flüchtende, die aus einem «zivilisierten Land» kommen, «blonde Haare und blaue Augen» hätten. An dieser Rhetorik wird nun Kritik laut.
02.03.2022, 18:0604.03.2022, 05:54

Die Bilder aus dem Krieg in der Ukraine wühlen auf. Bombardierte Wohnhäuser, Menschen, die mit Sack und Pack ihre Heimat verlassen, junge Männer, die Molotowcocktails basteln, in ihren Augen die Ungewissheit, ob sie die nächsten Tage überleben werden. Das lässt niemanden kalt.

Auch nicht die Journalistinnen und Journalisten, die rund um die Uhr Bericht erstatten. Auffällig ist, dass immer wieder der Vergleich mit kriegsversehrten Ländern wie Irak, Syrien oder Afghanistan fällt. Darüber, dass es nun aber ein «zivilisiertes» Land treffe, zeigen sich Medienvertreter besonders erschüttert. Diesmal seien es nicht Syrer, die zu Fuss kommen, sagt der französische Journalist Philippe Corbe im BFM TV, Frankreichs meistgesehenem Nachrichtensender. «Es sind Europäer, die dieselben Autos fahren wie wir, um ihr Leben zu retten.»

Ein Journalist schreibt im britischen Telegraph: «Sie sehen aus wie wir. Das macht es so schockierend.» Krieg sei nicht etwas, das verarmten, fernen Bevölkerungen zustösst. Es könne jedem passieren. Dies seien Menschen, die Netflix schauen und einen Instagram-Account hätten.

Der Auslandskorrespondent Charlie D'Agata sagt in einer Live-Schaltung mit CBS-News, einem der grössten Fernsehsender in den USA: «Das ist nicht Irak oder Afghanistan, sondern eine relativ zivilisierte, europäische Stadt.»

Auf Al Jazeera berichtet ein Journalist, bei den Flüchtenden handle es sich um wohlhabende Menschen der Mittelschicht, nicht um Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder um Menschen aus Nordafrika. «Sie sehen aus wie jede europäische Familie, die nebenan wohnen könnte.»

David Sakvarelidze, der ehemalige Generalstaatsanwalt der Ukraine, sagt während eines Interviews mit dem britischen Fernsehsender BBC: «Es ist sehr emotional für mich, weil ich sehe, wie Europäer mit blauen Augen und blonden Haaren getötet werden.» Der Journalist im Studio lässt diese Aussage unwidersprochen stehen.

International wird nun heftig Kritik an solchen Aussagen geübt. Westlichen Medien wird rassistische Doppelmoral vorgeworfen. Das AMEJA, ein Netzwerk arabischer und nahöstlicher Journalisten, schreibt in einem Statement, diese Art von Berichten spiegle die im Westen weit verbreitete Mentalität wider, Tragödien in gewissen Teilen der Welt zu normalisieren. «Das entmenschlicht und macht die Kriegserfahrungen dieser Leute zu etwas Erwartbarem.»

Angefeuert wird die Kritik von Berichten über schwarze Personen, die auf der Flucht aus der Ukraine diskriminiert werden. Dabei handelt es sich vorwiegend um afrikanische und indische Studenten. In einem BBC-Video berichtet die Studentin Jessica, wie schwierig es war, aus dem Land zu flüchten. Sie habe nicht in einen Bus steigen dürfen, der die Leute an die polnische Grenze brachte. Der Platz sei nur Ukrainer vorbehalten gewesen.

In einem anderen Video beschreibt eine indische Studentin, wie ukrainische Grenzpolizisten ausländische Personen zurückschickten und dabei gar Warnschüsse in die Luft abgaben.

Die deutsche Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal schreibt in einem Statement unter einem Instagram-Video: «Es sollte eigentlich keine Flüchtenden der ersten oder zweiten Klasse geben, aber wir wissen, dass es sie gibt, wie auch dieses Video zeigt.»

Afrikanische Studenten, die an Grenzen und Bahnsteigen aufgehalten werden, einzig und allein, weil sie schwarz sind, da gebe es nichts zu beschönigen. Es helfe der Sache auch nicht, wenn einige Journalisten und Staatschefs davon sprechen, die Geflüchteten aus Europa wären «zivilisierter», so Tekkal. «Nicht die Menschen sind unzivilisiert, sondern wir gehen unzivilisiert mit ihnen um, wenn wir Unterschiede machen.» Sie fordert deshalb volle Unterstützung für das ukrainische Volk und alle Geflüchteten in Not.

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300 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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blablahochzwei
02.03.2022 18:30registriert Juli 2021
Zwei Korrekturen:

Die korrekte Übersetzung von "they seem so like us" ist allerdings "sie scheinen uns so ähnlich zu sein" und nicht "sie sehen aus wie wir", was doch noch ein entscheidender Unterschied ist und auch die kulturellen Aspekte einbezieht.

Weiter war es kein westlicher Journalist der von blauen Augen und blonden Haaren gesprochen hat, wie fälschlicherweise in der Unterschrift behauptet wird.

Aber es sollte selbstverständlich jeder das Recht auf ein faires Asylverfahren haben, egal von wo er oder sie herkommt.
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Subjekt
02.03.2022 18:43registriert Januar 2022
"They seem so like us" heisst nicht "Die sehen so aus wie wir".

😑
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Uno
02.03.2022 18:28registriert Oktober 2019
Kann man diese Debatte später führen, es ist Krieg, es sterben Menschen in der Ukraine. Diese Debatte liebt Putin, weil sie uns im Westen entzweit. Ein sehr falsches Timing für diesen Artikel.
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