International
Ukraine

So wird Putins Vergeltungsschlag in Russland gefeiert

«Lauf, Selenskyj, lauf»: So wird Putins Vergeltungsschlag in Russland gefeiert

Präsident Putin rechtfertigt die Explosionen in der Ukraine als «Kampf gegen Terrorismus». Derweil sprechen Propagandisten in Russlands Staatsfernsehen vom Beschuss des Nachbarlandes wie von einem spontanen Naturphänomen.
11.10.2022, 05:0311.10.2022, 07:49
Inna Hartwich, Moskau / ch media
Mehr «International»

Wladimir Putins knapp dreiminütiger Auftritt läuft immer und immer wieder. In den Nachrichtensendungen des russischen Staats-TV, in den Talk-Shows. «Auf Anregung des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs erfolgte heute morgen ein Massenschlag auf die Ukraine», sagt Russlands Präsident am Montagmittag vor seinem Sicherheitsrat.

Russian President Vladimir Putin chairs a Security Council meeting via videoconference in St. Petersburg, Russia, Monday, Oct. 10, 2022. (Gavriil Grigorov, Sputnik, Kremlin Pool Photo via AP)
Russlands Präsident Wladimir Putin spricht vor seinem Sicherheitsrat zu den Raketenangriffen auf ukrainische Städte.Bild: keystone

Es ist seine menschenverachtende Erklärung der Zerstörung und des Tods im Nachbarland. Seine Rechtfertigung der «gesetzten Ziele».

«Lauf, Selenskyj, lauf. Wir haben dich gewarnt, dass wir noch nicht richtig begonnen haben.»
Ramsan Kadyrow

Er spricht, wie seit Februar bereits, von «hochpräzisen Luft-, See- und landgestützten Langstreckenwaffen», die die «Energieinfrastruktur, militärische Kommandosteuerungen und Kommunikationseinrichtungen» vernichtet hätten.

Und er droht wieder einmal: «Wenn die Terroranschläge auf dem Territorium Russlands fortgesetzt werden, werden die Antworten hart sein und in ihrem Ausmass dem Niveau der Bedrohung für die Russische Föderation entsprechen.» Irgendeinen Zweifel daran, so sagt Putin, solle niemand haben.

«Lauter gute Nachrichten»

Die Falken in seinem Regime feiern. «Lauter guter Nachrichten seit diesem Morgen», schreibt etwa Sergej Axjonow, der sich mit dem Titel schmückt, Gouverneur der Krim zu sein. «Die Russen kommen! Endlich!», teilt Kirill Stremoussow, Putins Statthalter im besetzten Cherson, in den sozialen Netzwerken mit.

«Ich hoffe ja, dass es keine einmalige Aktion war, sondern ein neues System der Kampfführung. Weiter so!», feuert der Militärberichterstatter der staatlichen Zeitung «Komsomolskaja Prawda», Alexander Koz, in seinem Telegram-Kanal geradezu an.

Flame and smoke rise fron Crimean Bridge connecting Russian mainland and Crimean peninsula over the Kerch Strait, in Kerch, Crimea, Saturday, Oct. 8, 2022. Russian authorities say a truck bomb has cau ...
Die Brücke über die Strasse von Kertsch wurde am Wochenende durch eine Explosion zerstört. Sie verbindet die besetzte Halbinsel Krim mit dem russischen Festland und gilt deshalb als wichtige Nachschubroute.Bild: keystone

Putins Vergeltungsschlag für die Zerstörung der Krim-Brücke am Samstag, deren Verantwortung dieser beim «Terrorregime in Kiew» sieht, wie er sagt, stimmen die russischen Kriegstreiber höchst zufrieden. «Lauf, Selenskyj, lauf. Wir haben dich gewarnt, dass wir noch nicht richtig begonnen haben», höhnt der Tschetschenienführer Ramsan Kadyrow, den Putin erst vor wenigen Tagen zum Generaloberst ernannt hatte.

«In der Ukraine müssen sie in Angst leben. Wir dürfen die Terroristen nicht verwöhnen. Sieben Monate haben wir sie verschont. Das reicht!»
Sergej Mironow, Parteichef «Gerechtes Russland»

Der Chef der Partei «Gerechtes Russland», Sergej Mironow, schreibt: «In der Ukraine müssen sie in Angst leben. Wir dürfen die Terroristen nicht verwöhnen. Sieben Monate haben wir sie verschont. Das reicht!» Und Tigran Keossajan, der Ehemann von Putins Chef-Propagandistin Margarita Simonjan, sieht durch die jüngste Ernennung des Generals Sergej Surowikin zum Chef der russischen Truppen in der Ukraine einen «echten goldenen Herbst gekommen».

Dem einstigen Syrien-Kommandeur Surowikin warfen russische Menschenrechtlerinnen bereits in Tschetschenien Kriegsverbrechen vor.

Russische Bomben als Wetterphänomen

Noch in den Morgenstunden, als in Kiew, Odessa, Lwiw, ja der gesamten Ukraine, Bomben auf Strassen und Menschen niedergehen, gibt sich das russische Staatsfernsehen stumm. Kein Wort von «lang erwarteten Antwort-Schlägen zur Vernichtung des terroristischen Nazi-Regimes» in der Ukraine, wie es wenige Stunden später auf allen Kanälen zu hören ist.

Die Mittagsnachrichten zeigen denn verwackelte Aufnahmen, zeigen brennende Autos, viel Rauch. Die Nachrichtensprecherin weist auf Bilder der Zerstörung in der Ukraine hin – und spricht mittels Passivkonstruktionen. «In Kiew donnerte es», «Seit den Morgenstunden kam in der Ukraine etwas angeflogen», «Es gab Einschläge hier, Einschläge dort, wirklich ernsthafte Treffer».

Explosion in der Innenstadt von Kiew.
Auch die Hauptstadt Kiew wurde von den russischen Truppen erneut mit Raketenangriffen attackiert.

Dass russische Truppen dafür verantwortlich sind, sagt sie nicht. Es klingt, als seien Kiew wie viele andere ukrainische Städte von unsichtbaren Ausserirdischen überfallen worden. Als seien russische Bomben eine Art Wetterphänomen, das für verheerende Zerstörungen sorge.

In einer späteren «Sondersendung» der Talk-Show «Die Zeit wird es zeigen» im Ersten Kanal freuen sich die beiden Moderatoren über die «beeindruckenden Aufnahmen» aus der Ukraine. «Wir haben schon oft gesagt, dass die Terroristen zu vernichten seien, nun hat auch der Präsident ein Machtwort gesprochen», sagt der Moderator.

«Wir sind nicht schuld an alledem.»
Russische TV-Moderatorin

Sein Gast, ein «Politologe», beschuldigt – ganz in Putin-Manier – den Westen für die Eskalation. Die USA könnten lediglich «zündeln und verraten», Europa sei das «Schicksal der Ukraine absolut egal».

Eine angebliche Journalistin aus Frankreich erklärt, wie europäische Medienmacherinnen «Pakete von ideologischen Handbüchern» erhielten und die Ereignisse in Russland und der Ukraine «nicht wahrheitsgemäss an ihre gutgläubigen Leser und Zuschauer» weitergäben. «Die russische Armee ist stark», tönt wieder der «Politologe», die Moderatorin ist ganz seiner Meinung. «Aber schuld sind wir an all dem nicht.» (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Russische «Vergeltung» – mehrere Raketeneinschläge treffen Stadtzentrum von Kiew
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
62 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Jakob Meier
11.10.2022 06:22registriert November 2020
Ekelhaft!
1718
Melden
Zum Kommentar
avatar
Luna Merlin
11.10.2022 06:54registriert Dezember 2021
Widerlich. Sowas kann ich fast gar nicht lesen. Mehr gibt es für mich hier nicht zu sagen.
1297
Melden
Zum Kommentar
avatar
Globias
11.10.2022 07:00registriert Juni 2016
Lauf, Vladi, lauf!
Spätestens nächsten Frühling bist du fällig. Obwohl, eine "hübsche" Oktoberrevolution wäre doch was. Damit hätte dein Land ja eine gewisse Erfahrung.
1209
Melden
Zum Kommentar
62
Mann in Hongkong mit Affenvirus infiziert – Intensivstation
In Hongkong hat sich ein Mann mit einem gefährlichen Virus infiziert – offenbar durch den Kontakt mit einem Affen. Welche Folgen die Erkrankung haben kann.

Der Kontakt mit einem Affen ist einem Mann in Hongkong zum Verhängnis geworden. Der 37-Jährige war bereits im März in das Yan-Chai-Krankenhaus eingeliefert worden. Er hatte Fieber und verlor immer wieder sein Bewusstsein. Die Ärzte brachten ihn umgehend auf die Intensivstation, sein Zustand gilt als kritisch, berichtet das Hongkonger Gesundheitsministerium.

Zur Story