Russlands Angriffe bei –20 Grad lösen humanitäre Krise aus
Nach einem der schlimmsten russischen Angriffe dieses Winters schien am Dienstag wenigstens die Sonne über Kiew. Aber Wärme brachte sie kaum. Selbst tagsüber steigen die Temperaturen in weiten Teilen der Ukraine aktuell nicht über minus 12 Grad, nachts beisst der Frost gar mit bis zu minus 20 Grad. Und der Kreml scheint auf diese Witterung nur gewartet zu haben.
Mehr als 300 Kamikazedrohnen haben die Kremltruppen in der Nacht abgefeuert, zudem «eine erhebliche Zahl ballistischer Raketen und Marschflugkörper», wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag mitteilte.
Besonders schwer traf es erneut die Hauptstadt, in der die Russen gezielt Stromkraftwerke und die Wärmeversorgung attackierten. 70 Prozent der Stadt seien inzwischen ohne Strom, so der Energieversorger Ukrenergo. Und fast 6000 mehrstöckige Wohnhäuser sind nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko wieder von der Wärme- und Wasserversorgung abgeschnitten.
Putin will den Durchhaltewillen der Ukrainer brechen
Ein Grossteil der Häuser war gerade erst wieder an die Versorgung angeschlossen worden. Schon am 9. Januar hatten die Russen mit solcher Wucht zugeschlagen, dass weite Teile der Hauptstadt von Strom, Wasser und Wärme abgeschnitten waren. Getroffen wurden aber auch die Städte Dnipro im Zentrum des Landes sowie Odessa im Süden. Nach Angaben von Ukrenergo gibt es Stromausfälle derzeit in «mehreren Regionen» der Ukraine.
Das Kalkül des Kremls hinter den jüngsten Angriffen ist so offensichtlich wie zynisch: Die Angriffe auf die zivile Infrastruktur mitten im tiefsten Winter sollen eine humanitäre Krise auslösen, möglichst viele Menschen in die Flucht treiben und die Moral der Ukrainer im Abwehrkampf gegen den russischen Überfall brechen. Schon in den vorherigen Kriegswintern hat die russische Armee versucht, die zivile Infrastruktur der Ukraine zu zerstören. Doch so nah wie in diesem Winter sind die Russen ihrem Ziel bisher nicht gekommen.
«Bisher definitiv der härteste Kriegswinter»
Das bestätigt auch der in Kiew lebende Journalist Denis Trubetskoy. «Russland hat auch in den vergangenen Wintern immer stark die Zivilbevölkerung angegriffen, aber dies ist bisher definitiv der härteste Kriegswinter, nicht nur in Kiew», erklärt Trubetskoy im Gespräch mit t-online. Besonders kritisch sei die Lage auch im östlichen Charkiw, der zweitgrössten Stadt des Landes, nicht weit von der Front entfernt. Dort würden die Russen die Infrastruktur auch mit Kurzstreckendrohnen angreifen.
Doch bei der Stromversorgung sei die Lage in Kiew sogar noch schwieriger, berichtet Trubetskoy. In der Hauptstadt hätten sich die Menschen schon fast daran gewöhnt, 18 bis 19 Stunden am Tag keinen Strom zu haben. «Und der Grossteil der Menschen in der Stadt rechnet auch nicht damit, dass die Stromversorgung vor dem Ende des Krieges wieder vollständig hergestellt wird.» In seinem Teil der Stadt sei wenigstens die Heizung nicht ausgefallen.
Dauerfrost könnte Wohngebäude beschädigen
«In anderen Stadtteilen ist die Lage noch krasser, selbst das Parlament kann nicht tagen, weil das Gebäude ebenfalls von der Wärmeversorgung abgeschnitten ist», so Trubetskoy. Wie muss es dann erst den Menschen gehen, die nun auch in ihren Wohnungen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ausharren? «Das frage ich mich ehrlich gesagt auch. In Jacke schlafen zu gehen, ist für viele gerade ganz normal».
In den sozialen Medien berichten Ukrainer von den Zuständen in ihren Wohnhäusern und tauschen Tipps zum Warmhalten aus. Auf manchen Bildern ist zu sehen, wie sich Eis an den Innenseiten von Wohnungsfenstern bildet. Durch den Dauerfrost im Innern drohen an vielen Wohngebäuden dauerhafte Schäden, beispielsweise durch geplatzte Wasserrohre. Dieses Foto soll zeigen, wie sich in einem Kiewer Treppenhaus nach einem Rohrbruch bei minus sechs Grad ein Eispanzer gebildet hat:
Bislang flüchten die Menschen nicht aus Kiew
Um irgendwie Wärme zu erzeugen, bauen sich viele Betroffene in ihren Wohnungen improvisierte Heizgeräte. In Chats geteilte Anleitungen zeigen Teelichter in Grillschalen, darüber Backsteine oder Wassereimer, die die Wärme aufnehmen sollen. Doch die improvisierten Öfen sind nicht sicher und erhöhen die Brandgefahr. Nach Angaben der Feuerwehr hat es in den vergangenen Tagen schon Feuer gegeben, weil Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten wurden. In anderen Fällen sollen Menschen an Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sein, weil sie Generatoren in Innenräumen laufen liessen.
Schutz vor der bitteren Kälte können die Menschen auch in Wärmezelten suchen, die von den lokalen Behörden aufgestellt wurden. Journalist Trubetskoy berichtet auch von grosser Solidarität unter den Kiewern. «Viele Geschäfte in der Stadt haben Generatoren laufen für die Stromversorgung. Nach grossen Angriffen wie heute lassen sie die Menschen ihre Geräte aufladen und schenken auch Tee aus», berichtet er. «Die Menschen versuchen klarzukommen, wie es gerade geht.»
Nach dem schweren russischen Angriff am 9. Januar hatte Bürgermeister Klitschko die Menschen in Kiew aufgerufen, bei Freunden oder Verwandten ausserhalb der Stadt Unterschlupf zu suchen. Grössere Fluchtbewegungen aus Kiew heraus hat Denis Trubetskoy bislang aber nicht feststellen können. «Ich finde das ziemlich bemerkenswert. Es zeigt die mentale Stärke der Menschen und dass sie sich innerlich gut auf diesen Winter vorbereitet haben», sagt er. «Putin will uns mit seiner psychologischen Kriegsführung in die Knie zwingen, aber das gelingt ihm nicht.»

