Goodbye Glencore: Darum könnte Rio Tinto die Übernahme diesmal gebacken kriegen
Rio Tinto spricht nicht zum ersten Mal mit seinem halb so grossen Rivalen Glencore über einen Schulterschluss. Doch im Unterschied zum letzten (nie offiziell bestätigten) Flirt vor einem Jahr könnte es dem australisch-britischen Konzern dieses Mal zur Hochzeit und zum Sprung an die Spitze der Rangliste der wertvollsten Bergbaukonzerne reichen. Geteilt wird die Erwartung offensichtlich von vielen Investoren.
Seit dem 8. Januar, dem Tag bevor die beiden Konzerne ihre Sondierungsgespräche publik gemacht hatten, sind die Glencore-Aktien am London Stock Exchange um 20 Prozent auf gegen 500 Pence gestiegen. Auch die ebenfalls in London gehandelten Rio-Tinto-Titel notieren inzwischen fast 7 Prozent über dem Kurs vom 8. Januar, obschon die Papiere unmittelbar nach Bekanntwerden der Übernahmeverhandlungen mehr als 3 Prozent verloren hatten.
Entfesselte Aktienkurse
«Die Chancen für eine erfolgreiche Transaktion sind hoch», sagt ein Glencore-Insider. Seine Prognose ist relevant. Viele hochrangige Mitarbeitende und hoch bezahlte Trader in der Glencore-Zentrale in Zug sind auch Aktionäre ihres Unternehmens. Den grössten Anteil mit knapp 10 Prozent hält nach wie vor der frühere CEO Ivan Glasenberg.
Vor Jahresfrist hatte sich der Glencore-Aktienkurs noch deutlich unter 400 Pence bewegt – zu wenig, als dass sich Glasenberg und seine Mitaktionäre für einen Verkauf hätten erwärmen können. Ben Davis, Bergbau-Analyst bei der Royal Bank of Canada erwartet, dass Rio Tinto am 5. Februar ein Gebot in Höhe von 530 Pence pro Glencore-Aktie beziehungsweise von 64 Milliarden Pfund abgeben wird. Die Schätzung dürfte nicht nur einer Investitionsrechnung entsprungen sein.
530 Pence war der Preis, zu dem Glencore im Frühjahr 2011 die ersten Aktien im Publikum platzierte. Zwar hat Glencore seine Aktionäre seit dem Börsengang mit Gewinnausschüttungen in zweistelliger Milliardenhöhe überschüttet. Doch erfahrungsgemäss stellt der Emissionspreis bei einem IPO eine Art rote Linie dar, unter der die Aktionäre ihre Titel nur hergeben, wenn es nicht mehr anders geht.
So düster sieht es bei Glencore aber gar nicht aus. Der Konzern könnte gut auch ohne Rio Tinto weitermachen. Am Kapitalmarkttag von Anfang Dezember in London hat CEO Gary Nagle erklärt, wie er sich das vorstellt: Weiterhin möglichst hohe Erträge aus dem Kohlegeschäft herauspressen und mit diesen den Ausbau der Kupferproduktion finanzieren. So würde Glencore den seit 2024 anhaltenden Rückgang der eigenen Kupferproduktion rasch ausgleichen und bis 2029 zum fünftgrössten, bis 2035 sogar zum grössten Kupferproduzenten der Welt aufsteigen.
Alte Minen
Und allein um Kupfer drehen sich auch die Übernahmepläne von Rio Tinto. Das rote Metall mit seinen vielen besonderen Eigenschaften steckt in jedem elektrischen Gerät und wird mit der Energiewende und dem Siegeszug der künstlichen Intelligenz immer wichtiger. Die Internationale Energieagentur rechnet bis 2050 mit einem globalen Bedarf von 40 Megatonnen – über 50 Prozent mehr als bisher.
Wer im weltweiten Bergbaubusiness künftig noch eine wichtige Rolle spielen will, muss über namhafte Reserven, vor allem aber über signifikante Produktionskapazitäten von Kupfer verfügen. Doch während die Nachfrage steigt, bleibt das Angebot gering. 2021 erreichte die weltweite Kupferproduktion ein 15-Jahrestief. Viele Minen sind alt. Die Kupferkonzentration pro Tonne geschürfter Erde ist im Vergleich zu früheren Jahren vielerorts dramatisch gesunken.
Neue Investitionen sind nötig, aber so teuer wie noch nie. In Collahuasi in Chile, einer der wichtigsten Kupferminen im Glencore-Portefeuille, belaufen sich die Investitionen für eine zusätzliche Tonne Kupfer auf über 24'000 Dollar. Glencore will die Kupferproduktion bis 2029 um rund 250'000 Tonnen steigern. Die Aktionäre ahnen, dass es für sie in Zukunft weniger zu verteilen geben könnte.
Immerhin: Die Rio-Tinto-Aktien sind im Gleichklang mit dem Kupferpreis auf ein Allzeithoch gestiegen. Der hohe Aktienkurs und die tiefen Zinsen helfen, die Übernahme zu finanzieren. Doch ob die Rechnung einer solchen Mega-Transaktion für Rio Tinto wirklich aufgehen kann, werden die Aktionäre erst in einigen Jahren mit Bestimmtheit wissen.
Klar ist nur: Synergien, dieses alchemistische Zauberwort, mit dem grössenwahnsinnige Firmenchefs ihre nicht selten heillos überzogenen Akquisitionsideen den Aktionären zu verkaufen trachten, können für Rio-Tinto-Chef Simon Trott nicht als Schlüsselargument herhalten. Nach den Berechnungen von RBC-Analyst Ben Davis Simon müssten die Synergien 17 Milliarden Dollar betragen, um einen Übernahmepreis von umgerechnet 86 Milliarden Dollar zu rechtfertigen. So viele Einsparungen können die Zusammenlegung von Hauptsitzen, die Konsolidierung von Schmelzwerken und andere radikale Massnahmen nie und nimmer bringen.
Rio Tinto und Glencore brauchen ein anderes Motiv, den Schulterschluss zu wagen. Es geht um die Sicherung der Kupfer-Reserven, des vermutlich wichtigsten Rohstoffs der kommenden Jahrzehnte. Beiden Konzernen geht es darum, im Bergbaugeschäft relevant zu bleiben und das Geschehen in dieser Industrie langfristig mitgestalten zu können.
Clash der Kulturen
Glencore hat sich mit seinem starken Bekenntnis zum Kohlegeschäft in den vergangenen Jahren selbst ins Abseits manövriert. Und auch Rio Tinto, der weltgrösste Produzent von Eisenerz, muss den Fokus nun stärker auf das wichtigere Kupfergeschäft lenken, um bei den Investoren erste Wahl zu bleiben. Sollten Glencore und Rio Tinto zusammenkommen, dürfte sich der Konzern schnell ein schärferes Profil geben wollen.
Während Zug im Wettbewerb um den Sitzstandort wenig Chancen gegen Melbourne und London hätte, stünden die Aussichten gut, dass das wichtige Trading von Glencore auch unter der Ägide von Rio Tinto eine Zukunft in der Schweiz haben würde. Das scheint jedenfalls die Erwartung zu sein, wie sie die Händler am Glencore-Sitz in Baar derzeit haben.
Offen ist allerdings die Frage, wie gut Rio Tinto und Glencore kulturell zusammenfinden könnten. Glencore wurde 1974 vom Rohstoffhändler Marc Rich als Handelsunternehmen gegründet und hat sich 2013 mit der Übernahme von Xstrata in den Bergbau eingekauft. Rio Tinto wurde 1873 als Bergbauunternehmen gegründet und ist bis dato auch das geblieben. Wie gut sich Rio-Tinto-Chef Simon Trott mit den Glencore-Händlern verstehen kann, wird man erst wissen, wenn es tatsächlich zu der Übernahme kommt. (aargauerzeitung.ch)
