Vance besser geschützt als Trump? 4 Behauptungen zum Dinner-Angriff im Faktencheck
Nachdem am Samstag in Washington in der Nähe von Präsident Donald Trump Schüsse fielen, ist eine heftige Debatte ausgebrochen. Wir haben vier Thesen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.
These 1: Der Secret Service hat versagt
Cole Allen, ein schwer bewaffneter Mann aus Kalifornien, wurde am Samstag überwältigt, bevor er in einem Festsaal des «Washington Hilton» ein Blutbad unter hochrangigen Politikern und Medienschaffenden anrichten konnte. Agenten des Secret Service überwältigten den 31-Jährigen, der an ihnen vorbeigesprintet war. Alles verlief also nach Plan. «Sie haben so professionell reagiert», lobte Präsident Donald Trump am Sonntag die Sicherheitskräfte.
Das stimmt. Weil Allen sich dazu entschied, die Gala erst nach Beginn der Feierlichkeiten zu attackieren, wurde ausser einem Secret-Service-Agenten niemand verletzt. Ein genauer Blick auf den Tatort in einem Zwischengeschoss des «Washington Hilton» zeigt allerdings auch: Allen wurde gestoppt, als er sich nur noch wenige Meter vom Festsaal entfernt befand. Er war zwar zu diesem Zeitpunkt eine Etage höher, aber hätte nur noch eine Treppe hinunterrennen müssen, um sich Zutritt zur Journalisten-Gala zu verschaffen. Weil Allen sich ein Zimmer im riesigen Hotel gebucht hatte, konnte er die Secret-Service-Agenten anscheinend überraschen.
Das ist wohl letztlich das grosse Problem von Anlässen, an denen derart prominente Gäste wie Trump und Vance teilnehmen: Die Sicherheitskräfte können einen privaten Versammlungsort in der amerikanischen Hauptstadt zwar rigoros bewachen, aber nicht vollständig abriegeln. Für die Journalisten-Gala am Samstag galt im Gegensatz zur Amtseinführung Trumps 2025 nicht der höchste Sicherheitsstatus.
These 2: JD Vance wurde schneller gerettet als Trump
Als der Secret Service am Samstagabend den Festsaal evakuierte, hatte Vizepräsident JD Vance das bessere Team an seiner Seite. Nachdem er aus dem Raum bugsiert worden war, vergingen fast 10 Sekunden bis zur Evakuierung seines Chefs. Präsident Trump begründete dies in einem Fernsehinterview damit, dass er unbedingt im Raum habe bleiben wollen.
Erst als die Personenschützer darauf bestanden hätten, dass er den Festsaal verlassen müsse, habe er sich überzeugen lassen. Dabei schien er auch zu stolpern. Der Secret Service habe darauf bestanden, dass er sich bücke, sagte Trump.
Das mögen die faulen Ausreden eines 79-Jährigen sein, dessen Evakuierung nicht unbedingt würdevoll aussah. Wahr daran ist, dass die Personenschützer von Trump und Vance unabhängig voneinander agieren. Das Team des Präsidenten habe gewusst, dass der potenzielle Todesschütze bereits überwältigt worden sei, sagte am Montag die gut informierte Journalistin Carole Leonnig. Weil die Türen des Festsaals geschlossen waren und bewacht wurden, sei keine Panik ausgebrochen.
These 3: Mit einem Ballsaal im Weissen Haus wäre das nicht passiert
Trump nutzte bereits am Samstag die Gelegenheit, um für sein Lieblingsbauvorhaben in Washington die Werbetrommel zu rühren: Die Schiesserei zeige, «warum wir den Ballsaal haben müssen», sagte er. Trump will das Weisse Haus um einen riesigen Festsaal erweitern, dort, wo früher der East Wing (Ostflügel) stand. Das Projekt ist derzeit rechtlich blockiert, auch weil der Präsident niemanden fragte, bevor er den Startschuss zu den Bauarbeiten gab.
Der Präsident sagt nun, dass ein grosser Versammlungsraum auf dem gut bewachten Gelände des Weissen Hauses zwingend notwendig sei – um die Sicherheit künftiger Präsidenten zu gewährleisten. Das ist ein gutes Argument. Der geplante Festsaal ist allerdings vor allem deshalb umstritten, weil Trump das Projekt eigenhändig in Auftrag gab und es in den Augen vieler Menschen überdimensioniert wirkt. Auf diese Gegenargumente ging der Präsident nicht ein.
Bei der Journalisten-Gala, an der am Samstag mehrere Tausend Menschen teilnahmen, handelt es sich übrigens um einen privaten Anlass. Trump, Vance und weitere Kabinettsmitglieder waren als Gäste der White House Correspondents' Association geladen. Ob dieser Verein von Korrespondenten Interesse daran haben würde, die jährliche Gala auf dem Gelände des Weissen Hauses durchzuführen, scheint Trump nicht zu interessieren.
These 4: Der Täter hatte es auf Christen abgesehen
Die «New York Post» veröffentlichte bereits am Sonntag ein Bekennerschreiben des mutmasslichen Attentäters. Darin listet Cole Allen die Gründe auf, warum er am Samstag Vertreter der Regierung Trump ins Visier nehmen wollte: Er sei nicht mehr länger bereit, «einem Pädophilen, Vergewaltiger und Landesverräter» zu gestatten, «meine Hände mit seinen Verbrechen zu beschmutzen.»
In einer ersten Stellungnahme sagte Trump zudem, Allen hasse Christen. Dies geht so aus dem Manifest nicht hervor. Vielmehr schrieb der 31-Jährige, er könne nicht verstehen, wie Christen mit Bezug auf die Bergpredigt den Verzicht auf Vergeltung einfordern könnten. Er wolle sich jedenfalls nicht zum Mittäter machen, indem er «den Unterdrücker» gewähren lasse. Sein Gerechtigkeitsgefühl wird ihm vor Gericht nichts nützen. Allen drohen viele Jahre Haft. (aargauerzeitung.ch)
