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Nach dem Blutbad in Las Vegas müssen Opfer mit Versicherungen um jeden Cent kämpfen



Einen Monat liegt das monströse Verbrechen von Las Vegas nun zurück. Über den Attentäter weiss man heute fast alles – bis auf sein Motiv. Ermittler und Angehörige sind frustriert, viele Überlebende kämpfen verzweifelt.

Die perfekte Hülle ist längst wieder geschlossen. In kaltem Gold steht das «Mandalay Bay» in der Sonne von Las Vegas. Die beiden eingeschlagenen Hotelfenster gibt es nur noch auf Bildern.

epa06240348 Curtains blow out of broken windows on a high floor in the Mandalay Bay hotel facing thescene of the mass shooting at the Route 91 Harvest festival on Las Vegas Boulevard in Las Vegas, Nevada, USA, 02 October, 2017.  Police reports indicate that a gunman firing from an upper floor in the Mandalay Bay hotel killed more than 50 people and injured more than 500 before he reportedly killed himself as police made their way to his hotel room.  EPA/PAUL BUCK

Die beiden eingeschlagenen Hotelfenster gibt es nur noch auf Bildern. Bild: EPA/EPA

Warum?

Hier eröffnete Stephen Paddock in der Nacht zum 2. Oktober das Feuer auf gut 20'000 Gäste eines gegenüberliegenden Festivals, 120 Meter entfernt, mit – in Amerika – handelsüblichen Schnellfeuerwaffen. 58 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Warum Paddock das tat, bevor er sich selbst erschoss, weiss bis heute niemand.

Stellvertretend für viele Hinterbliebene sagt Gus Castilla zu CNN: «Es hat überhaupt keinen Sinn. Warum, warum ist das alles passiert? Das ist die grosse Frage: warum?» Castillas Tochter Andrea starb im Kugelhagel. Ihr wurde in den Kopf geschossen.

FILE - In this Tuesday, Oct. 3, 2017, file photo, personal belongings and debris litters the Route 91 Harvest festival grounds across the street from the Mandalay Bay resort and casino in Las Vegas. On Sunday, Oct. 1, 2017, gunman Stephen Paddock carried out the deadliest mass shooting in modern U.S. history, leaving Americans try to come to terms with yet another mass murder. (AP Photo/Marcio Jose Sanchez, File)

Stephen Paddock eröffnete in der Nacht zum 2. Oktober das Feuer auf gut 20'000 Gäste eines gegenüberliegenden Festivals. Bild: AP/AP

Shootings an der Tagesordnung

Es ist sehr selten, dass nach einem so monströsen Verbrechen so wenig, genau genommen nichts, über das Motiv bekannt ist. «Eigentlich weiss man 24 bis 48 Stunden nach so einer Tat immer einigermassen über das Motiv Bescheid», sagt Ex-Ermittler Art Roderick US-Medien.

Sogenannte Shootings, bei denen mehrere Menschen von Kugeln getötet werden, sind in den USA an der Tagesordnung. Las Vegas aber war das folgenreichste Verbrechen der jüngeren US-Geschichte.

FILE - This undated file photo provided by Eric Paddock shows his brother, Las Vegas gunman Stephen Paddock. Police initially said Stephen Paddock stopped firing on the music festival concert crowd below to shoot through his door and wound a Mandalay Bay security guard who was outside. On Monday, Oct. 9, 2017, they said the guard actually was wounded before Paddock started the massacre. (Courtesy of Eric Paddock via AP, File)

Über Stephen Paddock weiss man heute fast alles – bis auf sein Motiv. Bild: AP/Courtesy of Eric Paddock

Zahlreiche Spuren

Weit über 1000 Spuren gingen die Ermittler nach. Sie wissen, dass Paddock professionell spielte, dass er sich einmal rühmte, bester Video-Pokerspieler der Welt zu sein. Oft zockte er nachts und schlief am Tag.

Er war vermögend, das Geld stammte vom Spielen und aus Immobiliengeschäften. Er hing wohl keiner politischen oder religiösen Ideologie an, galt als verschlossen bis unfreundlich, war Buchhalter bei Lockheed Martin und Sohn eines Bankräubers und besass eine Pilotenlizenz. Und er mochte wohl das gedämpfte Gepränge von Luxushotels und Casinos.

Dutzende Gewehre

All das aber hilft bei der Frage nicht weiter, warum Paddock zwei Dutzend Gewehre in zehn Koffern in das «Mandalay Bay» schleppte, Zimmer 32135, dazu Stative, Zielfernrohre. Zwei Mal half ihm sogar ein Hotelangestellter mit dem Lastenaufzug.

Vor mehr als 20 Jahren erwarb Paddock erste Waffe, ab Oktober 2016 dann schlagartig mehr. Er kaufte in Nevada und Utah, in Texas und Kalifornien. Passierte jeden Check, wurde nie auffällig, keine Überprüfung ergab einen Verdacht.

200 Mal in der Stadt gesichtet

In den Tagen bevor der 64-Jährige vom 32. Stock aus den Abzug ziehen und etwa zehn Minuten lang nur zum Nachladen loslassen sollte, wurde Paddock laut Sheriff Joe Lombardo von der Polizei in Las Vegas 200 Mal in der Stadt gesehen. Die Innenstadt von Las Vegas ist eine fast komplett videoüberwachte Zone, Paddock war immer allein unterwegs.

In und vor seiner Ecksuite platzierte Paddock schliesslich selbst Kameras, um während der Tat den Gang einsehen zu können, blockierte eine Tür. Diese wollte Sicherheitsmann Jesus Campos kontrollieren. Er war einer der ersten, die in der Nacht von Paddocks Kugeln getroffen wurden. Ob Paddock danach weiter aus dem Fenster schoss, darüber gehen die Darstellungen auseinander.

Gegen den Willen der Polizei veröffentlichte Fotos zeigen den toten Paddock auf dem Boden seines Zimmers. Notizen liegen auf einem sechseckigen Tisch: Berechnungen der Kugelflugbahn, um aus der Weite und der Höhe nicht zu tief zu zielen. Angeblich hatte er Leuchtspurmunition erwogen.

Panik und Verzweiflung

Bis heute möchte man sich nicht vorstellen, was sich unten auf dem ungeschützten Platz des Route 91 Harvest Festivals genau abgespielt hat. Zeugenaussagen und Videos legen Zeugnis ab, der Ton der Endlossalven erzeugt bis heute Gänsehaut.

Menschen in Auflösung und Panik, woher kommen nur diese Schüsse, um sie herum fallen Besucher einfach um. Es gibt herzzerreissende Geschichten, echte Helden und grenzenlosen Mut. Und bei vielen Überlebenden nackte Verzweiflung.

Verletzte ringen mit Versicherungen

Die «New York Times» hat mit vielen gesprochen, die heute mit den Versicherungen um jeden Cent ringen. Die daran scheitern, in ein Leben danach zu finden. Die einen Rollstuhl bräuchten und ein anderes Badezimmer und einen Pfleger, aber am unbarmherzigen Gesundheitssystem dieses Landes zerschellen.

Von all denen, die angeschossen oder in der Panik auf dem Platz verletzt wurden, liegen noch heute mehr als drei Dutzend im Spital.

Kaum Konsequenzen

Las Vegas ist keine Stadt für das Erinnern. Für viele ist es der perfekte Ort, um zu vergessen.

Welche Konsequenzen hat diese Tat? Nach Lage der Dinge nicht viele. Möglicherweise wird ein Plastikteil stärker reguliert werden, mit dem man, wie Paddock, eine bereits rasend schnell feuernde Waffe zu einer Art Maschinengewehr umrüsten kann. Ob diese «bump sticks» aber wirklich verboten werden, ist offen.

Sogar eine Angeschossene sagt der «New York Times» aus dem Rollstuhl heraus, sie mache Paddock verantwortlich und niemanden sonst, nicht das Hotel und auch nicht die Waffenindustrie. «Ich habe nichts gegen Waffen», sagt Kim Gervais. «Nur gegen ihn.»

«Die Waffenlobby hat Ihre Eier in einer Geldscheinklammer»

Video: watson

Wie ein nächstes Mal verhindern?

Kurz wurden in der Stadt der Spieler für die Hotels, in Wirklichkeit bis ins letzte konfigurierte Kleinstädte, schärfere Sicherheitsmassnahmen diskutiert, etwa Metalldetektoren wie an Flughäfen. Das galt dann rasch als nicht durchsetzbar.

Am zweiten Abend nach den Schüssen sagt eine Bedienung tief im Bauch des MGM Grand leise und unter Tränen: «Was sollen wir denn jetzt nur machen? Was kann man gegen solche Menschen tun? Wie ein nächstes Mal verhindern?» Vier Wochen später stellen sich dieselben Fragen. Beantwortet sind sie nicht. (whr/sda/dpa)

Mehr als 50 Tote bei Angriff in Las Vegas

Video: srf

Schiesserei in Las Vegas

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Schiesserei in Las Vegas
quelle: epa/las vegas news bureau / bill hughes/las vegas news bureau/ handout
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