Junge Republikaner hadern mit Trump – doch offen Kritik üben wollen sie nicht
Jesse Green ist ein Trump-Wähler, wie er im Buche steht. Der konservative Jurist arbeitet für die Family Foundation, die sich für «Familien in Kentucky und die Werte der Bibel einsetzt», wie auf der Internetseite der gemeinnützigen Organisation nachzulesen ist. Zweimal hat Green für Donald Trump gestimmt, und wäre der 26-Jährige ein paar Monate älter, dann hätte er den heutigen Präsidenten auch 2016 unterstützt.
Doch nun ist der junge Mann enttäuscht. Von der Wirtschaftslage und von der Republikanischen Partei, die ihre Wahlversprechen gebrochen habe. «Ich möchte ein Haus besitzen. Ich möchte eine Familie gründen», sagt er. Aber derzeit liege das finanziell nicht drin.
«Zukunft sieht nicht gut aus»
Für diese Entwicklung macht Green auch den Präsidenten verantwortlich. Im Wahlkampf 2024 versprach Trump, sich in seiner nächsten Amtszeit auf die Innenpolitik zu konzentrieren und auf militärische Abenteuer im Ausland zu verzichten, wie sich Green erinnert. Damit begeisterte der Republikaner auch viele junge Wähler.
Dann, kaum im Amt, «begann seine Regierung einen neuen Krieg und bombardierte ein neues Land», den Iran. Weil sich die USA solche Interventionen finanziell nicht leisten könne, werde der Iran-Krieg auf dem Buckel der jungen Amerikaner ausgetragen, sagt Green.
Green äussert diese erstaunlich offene Kritik am Präsidenten an einem Ort, an dem Trump immer noch wie ein Volksheld gefeiert wird: an einem Fest einer Lokalsektion der Republikanischen Partei in den lieblichen Hügeln von Kentucky, weitab von der nächsten Grossstadt. Hier ist man eigentlich unter sich; im kleinen Verwaltungsbezirk Owen County wurde Trump im November 2024 von mehr als 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler unterstützt.
Aber natürlich können auch eingefleischte Republikaner Meinungsumfragen lesen. Und diese zeichnen ein düsteres Bild. Bei der Parlamentswahl in sechs Monaten droht der Trump-Partei ein Debakel. Viele Wählerinnen und Wähler sind unzufrieden mit dem Präsidenten. Seit Beginn des Iran-Kriegs sind Trumps Zustimmungswerte landesweit unter die 40-Prozent-Marke gefallen. So negativ bewerteten die Amerikaner den Präsidenten noch nie in seiner zweiten Amtszeit.
«Was bringt es, wenn man sich mit Donald Trump anlegt?»
Am Fest der Republikaner in einer umgebauten Scheune, unterbrochen von Gebeten, patriotischer Musik, Politikerreden und Barbecue, ist deshalb in engagierten Diskussionen auch Kritik am Präsidenten zu vernehmen.
Wobei: Kritik ist ein zu starkes Wort, hat Trump an der Basis doch viele Fans. Auch Green unterstützt den Präsidenten noch immer. «Einwände» passt deshalb vielleicht besser. Und selbst diese Bedenken werden häufig nur verschlüsselt vorgebracht. Ein Mann erwähnt einen parteiunabhängigen Bekannten, der sich kürzlich über die steigenden Benzinpreise beschwert habe. Dabei nickt er zustimmend. Eine Frau spricht über einen Nachbarn, der beanstandet habe, dass jeder Restaurantbesuch jeweils ein Loch in den Geldbeutel reisse. Das stimme schon, sagt sie.
Felicia Rabourn, eine konservative Lokalparlamentarierin, hat es da einfacher. Die 35-Jährige betont gleich zu Beginn des Gesprächs mit dem ausländischen Journalisten, dass sie nur Vorbehalte an Trump wiederhole, «die ich von meinen Wählern direkt erhalten habe». Sie will sich nicht exponieren.
Die Liste, die Rabourn vorträgt, ist dennoch überraschend lang. Einige Menschen in ihrem ländlichen Wahlbezirk sagten, der Präsident «könnte mehr machen» — eine Anspielung auf unerfüllte wirtschaftspolitische Wahlversprechen. Andere hätten es satt, dass amerikanische Steuergelder ins Ausland fliessen würden. Auch habe es kürzlich ein Bild in den sozialen Medien gegeben, auf dem der Präsident so dargestellt wurde, als verspottete er Jesus Christus, sagt Rabourn.
Ihre persönliche Meinung über diese Kontroverse, und all die anderen Debatten, die Trump fast täglich vom Zaun bricht, verrät sie allerdings nicht. Schliesslich will die Lokalpolitikerin wiedergewählt werden. Stattdessen sagt Rabourn:
Massie macht Witze über virtuelle Trump-Attacken
In Kentucky ist das keine rhetorische Frage. Der Abgeordnete, der Owen County im Repräsentantenhaus in Washington vertritt, heisst Thomas Massie. Er ist einer der letzten republikanischen Amtsträger in der Hauptstadt, der dem Präsidenten mit einer gewissen Regelmässigkeit öffentlich entgegenhält – so kritisiert Massie den Iran-Krieg in scharfen Worten.
Auch verlangt er seit Monaten die Veröffentlichung sämtlicher Ermittlungsakten über den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. «Ich kann dem Präsidenten nicht zustimmen, wenn seine Regierung Pädophile beschützt», pflegt er zu sagen.
Am Parteifest der Republikaner ist Massie einer der Ehrengäste und hält eine launige Rede. Der 55-Jährige macht gar Witze über Trump, der ihn oft online beleidigt. Nachdem er seine Gattin vorgestellt hat, sagt Massie lachend: «Ich bin nicht der Einzige, der vom Präsidenten angegriffen wird. Sie wurde schon zwei Mal attackiert.»
Im Gespräch mit CH Media wird aber rasch klar, dass es auch für Massie eine rote Linie gibt, die der Ingenieur und Staatskritiker nicht überschreiten will. Also vermeidet er direkte Kritik an der Person Donald Trump. Der Präsident sei in seinem Wahlbezirk beliebt, betont der Abgeordnete stattdessen. Auch unterstreicht er, dass er Trump in neun von zehn Abstimmungen im Repräsentantenhaus unterstütze.
Das genügt dem Präsidenten aber nicht. Deshalb will er Massie in den vorzeitigen Ruhestand schicken: In den Vorwahlen, die auf Mitte Mai angesetzt sind, unterstützt Trump einen parteiinternen Kontrahenten des Abgeordneten. Umfragen prognostizieren ein knappes Rennen.
Massie sagt dazu: Seine Kandidatur für eine achte Amtszeit richte sich nicht gegen Trump. Stattdessen kritisiert Massie «die gesamte Regierung», die sämtliche wichtigen Positionsbezüge über den Haufen geworfen habe, mit denen die Republikaner 2025 an die Macht zurückgekehrt seien. Unter seinen Wählerinnen und Wählern seien diese Wahlversprechen beliebt. Und weil er als Abgeordneter nicht für den Präsidenten arbeite, setze er sich nun dafür ein, dass die Zusagen umgesetzt würden.
«Wir werden sehen, ob das funktioniert», sagt Massie. Ganz sicher scheint er sich nicht zu sein. Aber am Parteifest in Owen County kommt seine Botschaft gut an – vielleicht auch, weil Massie den Republikanern vormacht, wie man sich von einer übermächtigen Figur wie Trump emanzipieren kann. Die anwesenden Parteifreunde jedenfalls spenden ihm herzlichen Beifall.
Sein Kontrahent in den Vorwahlen hat sich derweil entschuldigen lassen. (aargauerzeitung.ch)
