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Holding a Chilean flag, a protester braces against a water canon sprayed from a police truck amid a march by students and union members in Santiago, Chile, Monday, Oct. 21, 2019. Protesters defied an emergency decree and confronted police in Chile’s capital on Monday, continuing disturbances that have left at least 11 dead and led the president to say the country is “at war.” (AP Photo/Miguel Arenas)

Bild: AP

Schweizer in Chile: «Wir haben Morddrohungen erhalten»

In Chile brodelt es zurzeit. Nachdem die konservative Regierung rund um Präsident Sebastian Piñera letzte Woche die Preise für U-Bahn-Tickets erhöhte, brachen alle Dämme. Demonstrationen, Strassenschlachten, Plünderungen, tausende Soldaten, elf Tote. Ein Schweizer berichtet.



Noé Mühlemann hat sich vor drei Jahren aufgemacht, um Südamerika zu bereisen. Seit zwei Jahren lebt der Schweizer nun in Chile, er hat sich der Liebe wegen dort niedergelassen. Mittlerweile ist er verheiratet und erwartet gemeinsam mit seiner Frau Zwillinge.

Die Freude über den Nachwuchs wird momentan aber getrübt. Mühlemann wohnt in Santiago, der Hauptstadt Chiles, und erlebt die Strassenschlachten hautnah mit. Der 23-Jährige übt Kritik an der Regierung und der Gewalt, die das Militär und die Polizei an den Tag legt – und erhält deswegen bereits Morddrohungen.

Noé, wie ist die Stimmung gerade in Santiago?
Angespannt, gerade aber ziemlich ruhig. Am Abend sind die Strassen fast leer, seit der Ausgangssperre trauen sich nicht mehr viele Menschen raus. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht, auch Autos sind fast keine zu sehen. Protestieren lässt es sich jedoch auch von Zuhause aus: Dabei werden die Pfannen aus den Küchen geholt und darauf rumgeschlagen. Das hört man dann wieder in der ganzen Stadt.

Bild

Noé Mühlemann aus Bern. Bild: facebook

Hier kannst du nachlesen, woher die Proteste kommen:

Was kriegst du persönlich mit von den Protesten?
Ich habe gesehen, wie Polizisten wahllos demonstrierende Studenten verprügelt haben. Die waren zum Teil noch minderjährig. In der Metro habe ich zudem gesehen, wie Sicherheitskräfte auf die Studenten geschossen haben – mit Bleimunition, nicht Gummischrot. Ansonsten gibt es tausende Videos auf Facebook, die ganz klar belegen, dass die Sicherheitskräfte ausser Kontrolle sind. Demonstranten werden überfahren und es wird auf offener Strasse auf sie geschossen.

Achtung: Dieses Video ist nichts für zarte Gemüter

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Video: facebook/Maitte Paz Fernandez

Wie stehst du zu den Demonstrationen?
Ich bin voll auf der Seite der Bevölkerung. Ich bin zwar eher von pazifistischer Natur. Mit Liebe und Reden erreicht man meiner Meinung nach viel mehr als mit Gewalt. Trotzdem verstehe ich die Leute, die die Schnauze voll haben. Es sind bereits 11 Personen gestorben, das Militär schiesst mit scharfer Munition auf die Bevölkerung. Die Demonstranten haben höchstens Steine, die sie schmeissen.

Schiessende Sicherheitskräfte

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Video: Facebook

Du teilst auch selbst viele Videos davon auf Facebook.
Ja, meine Frau und ich wollen auf das Fehlverhalten der Polizei und des Militärs aufmerksam machen. Dafür sammeln wir die Videos im Netz und teilen sie, damit möglichst viele Menschen sehen, was hier abgeht. Wir haben deswegen vor ein paar Tagen Morddrohungen erhalten. Leute haben angerufen und gesagt, dass sie meine Frau töten werden, falls sie nicht aufhört, diese Videos zu teilen. Es verschwinden zurzeit sehr viele Leute spurlos. Zu viele.

Was macht ihr dagegen?
Wir haben uns bereits beim Schweizer Aussendepartement gemeldet. Auch beim Schweizer Konsulat in Santiago werden wir uns melden. Ich hoffe, dass ein mögliches Verschwinden unsererseits so bemerkt würde.

So sehen die Proteste in Chile aus:

Es gibt auch Berichte über Krawallmacher und unzählige Plünderungen auf Seiten der Demonstranten. Ganze Einkaufshäuser werden angezündet.
Das stimmt zum Teil. Es gibt gewisse schwarze Schafe. Ich habe aber auch schon gesehen, dass den Plünderern von den anderen Demonstranten die Waren wieder weggenommen und ins Feuer geworfen wurden. Überhaupt: Der Anteil an Krawallmachern und Plünderern ist verschwindend klein im Vergleich zu den restlichen Protestierenden.

Sind es tatsächlich Demonstrierende, die diese Einkaufshäuser anzünden?
Von den Sicherheitskräften werden Videos veröffentlicht, auf denen zu sehen ist, wie Demonstrierende Brände legen. Damit wollen sie das riesige Militäraufgebot legitimieren, weil es ja so aussieht, als wäre die Situation ausser Kontrolle.

Santiago brennt

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Video: watson

Die Preiserhöhung für die U-Bahn wurde bereits am Samstag von der Regierung zurückgezogen. Trotzdem halten die Proteste an. Wird aus Chile jetzt ein zweites Hongkong?
Die Proteste werden bestimmt noch eine Weile anhalten. Die Preiserhöhung war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Seit Jahren wird alles immer teurer hier, ohne dass die Leute mehr Geld verdienen. Die Strompreise sind dieses Jahr bereits drei Mal gestiegen. Die Renten sind mies, die Universitäten teuer. Wasser wird von grossen Konzernen illegal aus Flüssen abgezapft.

Die Leute sehen nun, dass die Proteste doch etwas bringen. Das illegale Abzapfen des Wassers ist schon seit geraumer Zeit ein Problem. Nach nur einem Tag Demonstration sind nun plötzlich wieder Flüsse aufgetaucht, die seit Jahren kein Wasser mehr geführt haben.

Die Leute haben also Blut geleckt.
Genau. Nun wollen sie mehr: Mehr Frauenrechte, bessere Renten. Sie prangern mittlerweile sämtliche Missstände im Land an und werden nicht aufgeben, bis Präsident Piñera das Gespräch mit ihnen sucht.

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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • El Mac 22.10.2019 21:57
    Highlight Highlight Hier die Facts zu den Toten:
    - 15 Tote bis jetzt.
    - 11 Tote in der Hauptstadt. 9 während Plünderungen. Zwei durch Militärangehörige, beide sitzen in Untersuchungshaft. Von den 9 sind 8 verbrannt in diversen Supermärkten. Einer hat sich hinter einer elektrischen Anlage versteckt und ist durch einen Stromschlag gestorben.
    - Einer in La Serena ist durch einen Schuss während einer Plünderung gestorben. Täter wurde noch nicht identifiziert.
    - Coquimbo: ein Toter während einer Plünderung durch einen Schuss. Täter unbekannt.
    - Ein Toter durch Unfall mit Militärfahrzeug. AdA in Untersuchungshaft.
  • tinutinu40 22.10.2019 20:14
    Highlight Highlight Mit den Infos welche auf Social Media geteilt werden, bitte etwas kritischer sein. Sowohl von rechter wie von linker Seite werden teilweisebewusst Falschmeldungen und aus dem Kontext gerissene Videos geteilt, um den Hass zu schüren. Das mit den Flüssen wurde bereits als Falschmeldung identifiziert.
  • OrbiterDicta! 22.10.2019 16:29
    Highlight Highlight Ich hoffe andere Lateinamerikanische Länder folgen dem Beispiel welches die Chilenische Bevölkerung macht. Es ist an der Zeit, dass die Ausbeutung dieser Länder, die Korruption und dergleichen endlich ihr Ende finden.
    Wahlen funktionieren aufgrund der Korruption selten wie sie sollten (z.B. kann man sich in Kolumbien für 10 CHF eine Stimme kaufen) , daher sehe ich solche Proteste leider als eine der einzigen Lösungen.
    Es ist an der Zeit, dass die Bevölkerung von den Reichtümern ihrer Länder profitieren können.
    • Pana 22.10.2019 16:39
      Highlight Highlight Das ist, leider, richtig. Ich sehe bei gewissen Ländern auch keinen anderen Ausweg. Die Korruption hier zerstört Länder, manche schneller als andere.
    • Fruchtzwerg 22.10.2019 17:42
      Highlight Highlight Chile steht auf dem Welt-Korruptions-Index allerdings verhältnismässig gut da (Platz 27). Verglichen mit anderen Lateinamerikanischen Ländern sowieso...
    • chicadeltren 22.10.2019 17:59
      Highlight Highlight In der Schweiz kannst du dir auch Stimmen kaufen, man nennt es hier einfach Wahlversprechen wie z.B. mehr Kinderzulagen, höhere Renten etc. Wird einfach dann nicht von den Parteien, sondern (unfreiwillig) von den Steuerzahlern finanziert.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Sapientia et Virtus 22.10.2019 16:20
    Highlight Highlight Die schweigende Mehrheit hat ein Recht auf Sicherheit und Eigentum. Da brauchen sie keine Ausländer, die die Plünderer und Brandstifter unterstützen. Wenn die Leute nicht friedlich demonstrieren können und wollen, ist scharfe Munition als letztes Mittel berechtigt.
    • karl_e 22.10.2019 17:42
      Highlight Highlight Du wünschst dir offenbar sapientiam et virtutem (für Nicht-Lateiner: Weisheit und Tugend) eines Pinochet zurück. Damals herrschte Ruhe, Friedhofsruhe.
    • Sapientia et Virtus 22.10.2019 17:53
      Highlight Highlight @karl_e: Nein, ich wünsche mir keine Diktatur. Aber wenn die Freiheit und Sicherheit der Bürger nicht gewährt bleibt, ist es das kleinere Übel, wenn "Aktivisten" (sprich Randalierer) verschwinden!
    • Juliet Bravo 22.10.2019 18:14
      Highlight Highlight Soso, und die Tausenden, die 1973 friedlich und demokratisch Salvador Allende gewählt haben und dann ermordet wurden oder spurlos „verschwunden“ sind?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Mein Name ist Hase 22.10.2019 16:10
    Highlight Highlight @Noe
    Meine Hochachtung für deinen Mut!!
    Bitte sei vorsichtig.
  • Caprice 22.10.2019 16:06
    Highlight Highlight Dieser Beitrag wurde gelöscht. Bitte formuliere deine Kritik sachlich und beachte die Kommentarregeln.
  • Matthias Rutishauser 22.10.2019 16:02
    Highlight Highlight Chile, das Land der Chicago-Boys Experimente und der Pinochet Mentalität. Allex privatisiert und verkauft. Lebenswert für die reichen 10% und Touristen. Und wer aufbegehrt, der verschwindet...
    • chicadeltren 22.10.2019 18:00
      Highlight Highlight Zumindest das reichste Land Südamerikas. Aber man kann es natürlich auch vie Venezuela machen...
    • FrancoL 22.10.2019 18:41
      Highlight Highlight @Chica; Man kann natürlich auch immer das andre Extrem als Totschalgargument bringen, ist nicht sehr hilfreich, aber wenn es Dir Freude macht . . . .

      Nur so kommt man nicht weiter und den ärmeren Schichten in Chile ist nicht geholfen.
    • who cares? 22.10.2019 19:18
      Highlight Highlight @chiadeltren der ganze Reichtum nützt den normalen Leuten nichts, wenn er nur den reichsten paar Prozent zugute kommt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • cannon1886 22.10.2019 15:53
    Highlight Highlight Noé, finde es super, dass du dich das traust. Pass bitte auf dich und deine Familie auf. Lg von einem Ex-Gymer-Gspändli
  • malu 64 22.10.2019 15:40
    Highlight Highlight Pass bloß auf, junger Mann! In Chiles Staatsaparat und Militär, hat es noch Leute aus Pinochets Zeiten. Diese Schrecken vor nichts zurück.
    • Jetzt LIVE dazugeschaltet 22.10.2019 16:00
      Highlight Highlight Hierzu auch: Colonia Dignidad

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