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Vice ist bankrott – diese 5 Videoreportagen werden bleiben

Vice ist bankrott – diese 5 Videoreportagen werden nicht in Vergessenheit geraten

15.05.2023, 20:0616.05.2023, 15:56
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So beschreibt sich das Medienportal Vice auf seinem YouTube-Kanal. Damit könnte jedoch bald Schluss sein: Das Unternehmen Vice Media hat am Montag Insolvenz angemeldet.

1994 in Kanada ursprünglich als Magazin gegründet, wuchs Vice zu einem immer grösseren Unternehmen heran und zog mit seinen provokativen und unbeschönigten Beiträgen vor allem ein junges Publikum an. Grosse Popularität erreichten sie insbesondere ab 2006, als sie ihren Schwerpunkt auf Videoreportagen setzten.

Ihr Ansatz galt in der Medienbranche damals als revolutionär, doch der Glanz dieser Zeiten scheint mittlerweile verblasst zu sein: Vice ist bankrott. Wie es jetzt konkret weitergeht, ist noch nicht bekannt. Am wahrscheinlichsten ist wohl die Übernahme von Vice durch die Fortress Investment Group und den Soros Fund Management. Bei beiden Investoren hat Vice Schulden angehäuft.

Auch wenn die Zukunft von Vice in den Sternen steht, ihre Videoreportagen haben bei vielen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Hier sind 5 davon.

Die kannibalischen Warlords aus Liberia

Diese Reportage, die 2006 erschien, wurde in Liberia, Westafrika, gedreht. Ein Land, das sich zwischen 1989 und 2003 14 Jahre im Bürgerkrieg befand. Vice-Reporter suchten Warlords, die zu dieser Zeit aktiv waren und bereit waren, über diese Zeit zu sprechen. Einer, der einwilligte, war General Butt Naked.

Wieso sich der Warlord so nennt, erfährt man direkt in den ersten 30 Sekunden des Beitrags. Zur Vorbereitung vor Kämpfen hätten viele seiner Männer jeweils das Blut von unschuldigen Kindern abgelassen und getrunken. Er habe sich dadurch unantastbar gefühlt, weshalb er nackt in die Kämpfe gezogen sei. Es ist der Einstieg in eine Dokumentation, welche die Hölle auf Erden zeigt.

Ein Junge, kaum ein Teenager, der Kokain raucht und damit prahlt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Mit Blut befleckte Bordelle, in denen sich Frauen für einen Dollar verkaufen, um Essen auf den Tisch zu bringen. Ein ganzer Strand, der in der Hauptstadt als Toilette benutzt wird, weil es nirgends in der Nähe fliessendes Wasser gibt.

Ein Junge in Liberia raucht Kokain.
«Wir rauchen, um wachsam zu sein», sagt der Mann, der dem Jungen die Drogen und das Feuerzeug hinhält.Bild: screenshot vice

Der Blick in die Vergangenheit ist ebenso düster: Menschenfleisch zu essen, sei während der schlimmsten Zeiten des Krieges üblich gewesen, erzählt der ehemalige Warlord Rambo gegenüber Vice. In der Dokumentation wird nicht davor zurückgeschreckt, am Boden liegende Leichen oder einen Soldat mit einem Herz in der Hand zu zeigen.

Im Dokumentarfilm werden Filmausschnitte aus Kriegszonen gezeigt, in der auch Leichen zu sehen sind.
Vice zeigt in seinen Reportagen oft sehr grafisches Material, wie etwa hier einen Milizsoldaten, der vor Leichen posiert.Bild: screenshot vice

Und was macht General Butt Naked heute? 1996 konvertierte er zum Christentum und ist seither als evangelischer Pfarrer aktiv.

Ugandas Moonshine-Epidemie

Kaliro ist ein kleines Dorf, 40 Kilometer von der ugandischen Hauptstadt Kampala entfernt. Dort wollten Vice-Reporter 2012 dem «Waregi» auf die Spur gehen. Der schwarzgebrannte Schnaps, der auf Deutsch übersetzt Kriegs-Gin heisst, wird dort rege getrunken. Dies, obwohl bekannt ist, dass der billige Fusel zu Blindheit oder gar dem Tod führen kann.

Fast 70 Prozent der Bevölkerung trinken nur lokal produzierten Alkohol. Viele Menschen verdienen deshalb ihr Geld durch den Verkauf von Alkohol. So auch eine Frau in Kaliro. Sie macht Waregi aus Bananen, doch Leute in der Stadt nutzen auch Zuckerrohrabfälle aus Fabriken.

Der Vice-Reporter nimmt an einem Fest teil, bei dem bereits um 16 Uhr nachmittags Waregi ausgeschenkt wird. Mittrinken tun alle: ob Frau, ob Mann, ob jung, ob alt. Sogar Kindern werden gefüllte Becher hingehalten. Die Dokumentation verdeutlicht, wie Armut und fehlende Perspektiven viele Menschen in die Sucht treiben.

Frauen geben einem Kleinking in Uganda "Waregi", selbstgebrannter Alkohol, zum Trinken.
Frauen, die selbst alle Flaschen gefüllt mit Waregi in der Hand halten, und eine, die einem kleinen Kind einen Becher mit dem Alkohol zum Trinken hinhält.Bild: screenshot vice

«Der Atem des Teufels»

Diese Reportage wurde 2007 veröffentlicht. Sie folgt der Droge Burundanga in Kolumbien – auch Atem des Teufels genannt. Die Droge wird aus der Engelstrompete gewonnen, beinhaltet Scopolamin und raubt dem Konsumenten den freien Willen, ohne dass dieser jedoch das Bewusstsein verliert. Ein Drogendealer erklärt gegenüber Vice, wie die Droge einem nichtsahnenden Opfer ins Gesicht geblasen und dieses damit so gefügig «wie ein Kind» gemacht werden könne. Es sei die perfekte Droge für Verbrechen, erklärt Toxikologin Miriam Gutierrez. Das Opfer könne sich nach dem Rausch an nichts mehr erinnern, weshalb solche Zwischenfälle kaum gemeldet würden.

Kolumbianischer Drogendealer erzählt von der Droge Burangada.
Der Drogendealer erzählt Vice, dass er einst mit einem Freund eineinhalb Früchte der Pflanze gegessen habe und 17 Tage im Rausch gewesen sei. Sein Freund sei im Rausch stecken geblieben. Bild: screenshot vice

Im Rahmen der Reportage sprechen die Reporter mit einem weiblichen Opfer, dem die Droge wohl ins Getränk gemischt worden war. Im Rausch habe sie dem Täter alles angesparte Geld ihres Partners sowie dessen Kameras, die sich in ihrer gemeinsamen Wohnung befunden hatten, übergeben. Ein anderes männliches Opfer wurde in einem Stripclub von zwei Frauen unter Drogen gesetzt. Am nächsten Tag sei er zusammengeschlagen in einem Park aufgewacht, erzählt er. Erinnern kann er sich an nichts. Sicherheitskameras zeigen aber, wie er zu einem Bankautomaten lief und Geld abhob, während zwei Personen auf ihn warteten.

Vice spricht auch mit einer Prostituierten, die offen zugibt, ihre männlichen Kunden unter Rausch zu setzen. Sie beraube Menschen auf diese Weise bereits seit sie 15 Jahre alt sei, gibt die 21-Jährige zu. So sei das Leben auf der Strasse. Zudem sage sie sich, dass ihr Leben nutzlos sei, weswegen sie tun könne, was sie wolle.

Zuletzt erzählt ein weiteres männliches Opfer, welches auf diese Weise von zwei Prostituierten und einem Zuhälter ausgeraubt worden war. Wie der Mann Vice erzählt, habe er sich bei ihnen gerächt und sie alle drei brutal ermorden lassen.

Krokodil – Russlands tödlichste Droge

Für die 2011 erschienene Reportage reiste eine Vice-Reporterin nach Novokuznetsk, eine Stadt im russischen Sibirien. Gemäss Vice sollen in der verfallenen ehemaligen Industriestadt zu diesem Zeitpunkt 20 Prozent der Menschen heroinabhängig gewesen sein. Gleich zu Beginn zeigt der Beitrag einen verlassenen Wohnungsblock, in dem drei junge drogensüchtige Männer leben. Sie alle sind Anfang 20. Willig lassen sie sich beim Injizieren der Drogen filmen.

In einem weiteren verlassenen Gebäude findet die Reporterin nicht nur unzählige Spritzen, sondern auch Tropikamid. Augentropfen, die kurz nach den Drogen ebenfalls injiziert werden, um den Effekt zu verstärken. Tropikamid ist ein Hauptbestandteil der damals in der Region relativ neuen Droge Krokodil, findet die Reporterin heraus. Den Namen erhält die Droge durch eine Nebenwirkung, wonach sich die Haut bei der Injektionsstelle wie Krokodilschuppen abzulösen beginnt. Zudem fresse die Droge die Konsumenten von innen auf und könne zur Fäulnis von Gliedmassen führen, erzählt ein Mitarbeiter einer privaten Entzugsklinik. Die Droge kann einfach selbst hergestellt werden, denn alle Bestandteile können in der Apotheke gekauft werden. Es gibt kein Gesetz, das das verbietet.

Vom Staat angebotene Entzugskliniken gibt es keine. Die Lücke füllen deshalb kleine private Organisationen sowie diverse christliche Organisationen und Kirchen. Ohne jegliche staatliche Unterstützung versuchen sie, gegen die Drogen-Epidemie zu kämpfen und Leben zu retten. Der Kampf scheint erfolglos: Jeden Tag sterbe in der Stadt jemand an einer Überdosierung, erklärt ein Bestattungsunternehmer gegenüber Vice.

Zuletzt besucht Vice eine Mutter, die mit ihrem Sohn und ihrem Enkel zusammenlebt. Krokodil hat bei beiden Männern bleibende Schäden hinterlassen. Während der Sohn kaum noch sprechen und laufen kann, kann sich der Enkel zumindest noch ein bisschen ausdrücken. Geistig präsent scheint jedoch keiner der beiden zu sein.

Zwei Russen, die von der Droge Krokodil langfristigen Schaden erlitten haben
Die beiden Männer hätten die Droge in ihrer Wohnung gekocht und konsumiert, berichtet die Mutter. Sie habe sie nicht davon abhalten können.Bild: Vice Screenshot

Interview mit einem Kannibalen

2011 hat Vice ein Interview mit Issei Sagawa veröffentlicht. Der Japaner hatte am 11. Juni 1985 eine niederländische Studentin ermordet, die mit ihm in Paris Literaturwissenschaft studierte. Im Interview mit Vice erzählt er im Detail, wie er zunächst versucht hatte, in ihr Gesäss zu beissen, ihm dies aber nicht gelungen sei. Aus diesem Grund habe er sich ein Metzgermesser besorgen müssen. Während der folgenden zwei Tage habe er regelmässig ihr Fleisch konsumiert und seine Lieblingsstücke im Kühlschrank aufbewahrt. Vice zeigt im Video nicht nur die Fleischstücke auf Tellern, sondern auch die verstümmelte Leiche des Opfers – Renée Hartevelt.

Weiter erzählt Sagawa im Interview davon, wie behütet er aufgewachsen sei und wann seine ersten kannibalistischen Sehnsüchte begonnen hätten. Er erinnert sich auch an seine Festnahme in Paris und daran, wie er als unzurechnungsfähig eingestuft und in eine psychiatrische Vollzugsanstalt geschickt worden sei. Lange blieb er aber nicht da: Zwei Jahre später wurde er nach Japan abgeschoben. Dort glaubten japanische Psychiater festzustellen, dass Sagawa zum Tatzeitpunkt doch schuldfähig war, weshalb sie ihn aus der Anstalt entlassen mussten. Am 13. August 1985 kam Sagawa nach nur 15 Monaten im psychiatrischen Krankenhaus wieder auf freien Fuss.

Issei Sagawa
Issei Sagawa in Frankreich. Bild: Tumblr

Er begann Interviews zu geben und Bücher und Artikel zu schreiben, um damit Geld zu verdienen, erzählt er gegenüber Vice. Lukrativ schien das Geschäft zumindest auf lange Frist nicht gewesen zu sein. Im Interview gibt er zu, seit fünf Monaten keine Miete mehr bezahlt zu haben, und fügt an, dass er sich umbringen werde, sollte er rausgeschmissen werden. So weit kam es allerdings nicht.

Sagawa starb am 24. November 2022 im Krankenhaus an den Folgen einer Lungenentzündung.

Wetten, dass dir mindestens eine Doku von Vice im Gedächtnis hängen geblieben ist, obwohl du sie bereits vor Jahren gesehen hast?

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26 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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heitere_fahne
15.05.2023 20:45registriert März 2020
Die Vice Dokus haben in einer relativ "ruhigen" Zeit in der westlichen Welt sehr gut funktioniert. Heute sieht man zu viele ähnlich verrückte Sachen in den täglichen News, somit sind ihre Reportagen wohl weniger spannend geworden. Auch der sehr offen gelebte Drogenkonsum in einigen Videos ist heute viel akzeptierter (bspw. LSD), als er es vor zehn Jahren war.

Ich habe mir kurz einige Ausschnitte der Sagawa Doku angeschaut. Widerlich und unanständig, dass sogar unzensierte Fotos der Leiche gezeigt werden. Das arme Opfer und ihre Familie...
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Seth
15.05.2023 21:00registriert November 2018
da gibts vieles mehr von Vice. 2014 - wahnsinnig packende und interessante Einblicke hinter die Front auf der Krim! Und immer wieder Reportagen aus den wildesten Regionen. Was mir auch geblieben ist, war die Reportage über die Öl-Räuber in Nigeria. Das war unglaublich düsterer Stoff! Und dann das ganze Zeug das auf HBO rauskam auch teils sehr interessant!
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Micha Schläpfer
15.05.2023 20:41registriert Juni 2015
"Cannibal warlords of Liberia" ist mir damals durch Mark und Bein gegangen, und auch andere Reportagen sind mir noch im Kopf. Habe Achtung vor dem Mut, nicht weg zu schauen.
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