International
Wirtschaft

Warum die Klimaschutz-Pläne weltweit nicht ausreichen

«Unsägliches menschliches Leid»: 11'000 Wissenschaftler warnen vor «Klima-Notfall»

05.11.2019, 18:0005.11.2019, 21:20
Mehr «International»

Faktencheck: Die 9 beliebtesten Aussagen der Klimaskeptiker

1 / 12
Faktencheck: Die 9 beliebtesten Aussagen der Klimaskeptiker
Wir unterziehen 9 beliebte Aussagen von Klimaskeptikern dem Faktencheck. Ausführlichere Antworten und Quellen findest du hier.
quelle: epa / christos bletsos
Auf Facebook teilenAuf X teilen

Kurz vor der nächsten Weltklimakonferenz haben Experten unter die Lupe genommen, was die Staaten bisher im Rahmen des Paris-Abkommens versprechen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Forscher warnen in einem Appell vor «unsäglichem menschlichem Leid».

Die Pläne der meisten Staaten im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens reichen einem neuen Bericht zufolge nicht aus, um die schneller werdende Erderwärmung zu bremsen.

Fast drei Viertel der 184 Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen, die Länder eingereicht haben, sind demnach nicht ehrgeizig genug. Gemessen am Ziel, den Ausstoss bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, seien nur die 28 EU-Staaten gemeinsam und sieben weitere Länder auf Kurs, heisst es in der am Dienstag vorgestellten Auswertung von fünf Autoren, von denen vier auch schon für den Weltklimarat IPCC gearbeitet haben.

epa07964257 A firefighter works at containing the Maria fire spreading in the hills near Ventura, North West of Los Angeles, California, USA, 01 November 2019. Media reports say that the fire that bro ...
Ein Feuerwehrmann kämpft gegen die Brände in Kalifornien: In Zukunft werden wir immer mehr Dürren erleben.Bild: EPA

Warnung vor «Klima-Notfall»

Zeitgleich warnen mehr als 11'000 Wissenschaftler aus 153 Ländern in einer gemeinsamen Erklärung vor einem weltweiten «Klima-Notfall». Wenn sich das menschliche Verhalten beim Treibhausgasausstoss und anderen den Klimawandel begünstigenden Faktoren nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei «unsägliches menschliches Leid» nicht mehr zu verhindern, heisst es darin.

«Wissenschaftler haben eine moralische Pflicht, die Menschheit vor jeglicher katastrophalen Bedrohung zu warnen», sagte Ko-Autor Thomas Newsome von der University of Sydney. «Aus den vorliegenden Daten wird klar, dass wir einem Klima-Notfall gegenüberstehen.»

Im Pariser Abkommen haben sich fast alle Staaten der Welt das Ziel gesetzt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad und möglichst 1.5 Grad zu begrenzen, um katastrophale Folgen wie Hitzewellen und Dürren, extreme Regenfälle und den Anstieg der Meeresspiegel zu begrenzen. Ginge es weiter wie bisher, läge der Anstieg Ende dieses Jahrhunderts wohl bei gut drei Grad.

So sieht es aus, wenn gegen 100'000 fürs Klima demonstrieren

1 / 19
So sieht es aus, wenn gegen 100'000 fürs Klima demonstrieren
Gegen 100'000 Menschen strömten laut Organisatoren am Samstag nach Bern, um vor den Wahlen für mehr Klimaschutz zu demonstrieren.
quelle: jan hostettler / jan hostettler
Auf Facebook teilenAuf X teilen

Es ist schon lange klar, dass die nationalen Klimaschutz-Pläne in der Summe nicht ausreichen, um den Klimawandel einzudämmen. Alle fünf Jahre sollen sie deshalb nachgeschärft werden, so dass die Weltgemeinschaft insgesamt immer ehrgeiziger wird. 2020 ist es soweit, dann sollen neue Pläne auf den Tisch.

Industriestaaten in der Pflicht

Es ist festgelegt, welcher Staat welchen Anteil erbringen muss. Allgemein gilt, dass reiche Industriestaaten und solche, die historisch betrachtet viel zum Klimawandel beigetragen haben, mehr Verantwortung übernehmen sollen. Die nächste Klimakonferenz findet in der ersten Dezemberhälfte in Madrid statt.

«Die Zusagen sind schlicht viel zu wenig und zu spät», kommentierte Co-Autor Robert Watson, bis 2002 im Vorstand des Weltklimarats, den von der US-Organisation Universal Ecological Fund veröffentlichten Bericht zu den Klimaschutzzielen. «Sogar wenn alle freiwilligen Klima-Zusagen voll umgesetzt werden, erreichen sie nur die Hälfte dessen, was notwendig ist, um die Beschleunigung des Klimawandels im nächsten Jahrzehnt zu begrenzen.»

China, Indien, USA und Russland im Fokus

Besonders im Fokus der Autoren stehen vier Nationen, die zusammen mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgase ausstossen: China, Indien, die USA und Russland.

Das bevölkerungsreichste Land China hat einen Anteil von rund 27 Prozent – und die Emissionen von Kohlendioxid (CO2) und anderen Klimagasen dort nähmen wegen des Wirtschaftswachstums weiter zu, heisst es im Bericht. Zugesagt hat Peking bisher nur, dass sie nicht im gleichen Masse zunehmen sollen wie das Bruttoinlandprodukt. Das gelte auch für Indien, das einen Anteil von sieben Prozent am globalen Treibhausgas-Ausstoss habe.

Die USA haben sich inzwischen auch offiziell aus den internationalen Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel verabschiedet: Die US-Regierung habe ihre Kündigung für das Klimaabkommen von Paris eingereicht, teilte Aussenminister Mike Pompeo am Montag mit. US-Präsident Donald Trump hatte den Ausstieg in die Wege geleitet.

Die ursprünglichen Zusagen der Vereinigten Staaten mit ihrem Anteil von gut 13 Prozent am globalen Treibhausgas-Ausstoss bewerten die Autoren des Berichtes noch als «in der Schwebe» – aber die aktuelle Politik reiche nicht aus. Russland, dessen Anteil bei knapp fünf Prozent liege, habe noch gar keine Pläne eingereicht.

EU auf Kurs – Schweiz vorbildlich

Die 28 Staaten der EU haben gemeinsam einen Anteil von neun Prozent – und sind dem Bericht zufolge mit ihren Plänen auf Kurs. Bis 2030 könnte der CO2-Ausstoss 58 Prozent unter dem Wert von 1990 liegen. Daneben werten die Autoren nur noch Island, Liechtenstein, Monaco, Norwegen, Moldawien, die Schweiz und die Ukraine als Länder, deren aktuelle Zusagen zum jetzigen Zeitpunkt ausreichen.

«Obwohl global seit 40 Jahren verhandelt wird, haben wir weiter gemacht wie vorher und sind diese Krise nicht angegangen», sagte William Ripple, der den Zusammenschluss der gut 11'000 Wissenschaftler mit seinem Kollegen Christopher Wolf von der Oregon State University in den USA anführt. «Der Klimawandel ist da und er beschleunigt sich rascher als viele Wissenschaftler erwartet hatten.» (aeg/sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Greta Thunberg: Das furchtlose Mädchen von Davos
1 / 28
Greta Thunberg: Das furchtlose Mädchen von Davos
Sitzstreik für das Klima: Greta Thunberg am 25. Januar 2019 am WEF in Davos.
quelle: ap/ap / markus schreiber
Auf Facebook teilenAuf X teilen
300 Millionen Menschen in ihrer Existenz bedroht
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
62 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Nachbarino
05.11.2019 18:21registriert März 2018
11000 Wissenschaftler aus 153 Ländern sind sich einig. Aber Köppel, Trump uvm. wissen es natürlich besser.
560129
Melden
Zum Kommentar
avatar
Cirrum
05.11.2019 18:33registriert August 2019
Und auch jetzt wird nicht passieren bis es zu spät ist.. am besten man diskutiert noch ein paar Jahre drüber... das CO2 ist lange nicht das einzige Problem..
28158
Melden
Zum Kommentar
avatar
Domino
05.11.2019 18:33registriert Januar 2016
Gibts irgend eine Quelle zu den 11‘000 Wissenschaftlern?
19373
Melden
Zum Kommentar
62
Grossbritannien kündigt grosse Militärhilfe an +++ Selenskyj pocht auf mehr Luftabwehr
Die aktuellsten News zum Ukraine-Krieg im Liveticker.
Zur Story