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Nord-Stream-Lecks sorgen für Ärger – eine Übersicht in 5 Punkten

This satellite photo from Planet Labs PBC shows a large disturbance in the sea can be observed off the coast of the Danish island of Bornholm, Monday Sept. 26, 2022 following a series of unusual leaks ...
Eines der Lecks im Satellitenbild.Bild: keystone

Die EU tobt, Russland dementiert – das Nord-Stream-Drama in 5 Punkten

28.09.2022, 19:3328.09.2022, 22:35

Was ist passiert?

Insgesamt drei Lecks waren – nach einem ersten Druckabfall in der Nacht zum Montag – sowohl in einer der Röhren von Nord Stream 2 wie auch in beiden Röhren der Nord-Stream-1-Pipeline entdeckt worden.

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Eines der Lecks der Nord Stream 2.Bild: keystone

Der dänischen Regierung zufolge sind die Lecks nicht auf einen Unfall zurückzuführen. Die Behörden seien zu der eindeutigen Bewertung gekommen, dass es sich um absichtliche Taten handle und nicht um ein Unglück, sagte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Dienstagabend.

Wo befinden sich die Lecks?

Dänische Behörden lokalisierten die Lecks in der Nähe der Ostsee-Insel Bornholm, teils in dänischen, teils in schwedischen Gewässern. Wegen der Gefahr für die Schifffahrt richteten dänische Behörden Sperrzonen ein.

Die dänische Insel Bornholm.quelle: google maps

Nach Angaben der dänischen Energiebehörde können Schiffe den Auftrieb verlieren, wenn sie in das Gebiet hineinfahren. Zudem bestehe möglicherweise eine Entzündungsgefahr. Ausserhalb der Zone gebe es keine Gefahr, auch nicht für die Einwohner von Bornholm und der kleinen Nachbarinsel Christiansø.

Der dänische Verteidigungsminister Morten Bødskov sagte in Brüssel, da so viel Gas in den Leitungen sei, könne es eine oder zwei Wochen dauern, bis ausreichend Ruhe in dem Gebiet eingekehrt sei, um die Lecks in etwa 80 Metern Tiefe untersuchen zu können. Er betonte, dass sich die Vorfälle in internationalen Gewässern ereignet hätten und es sich nicht um kritische Infrastruktur seines Landes handle.

Wie reagiert der Westen?

Die Europäische Union hält Sabotage als Ursache für wahrscheinlich und hat mit Gegenmassnahmen gedroht. «Alle verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass diese Lecks das Ergebnis einer vorsätzlichen Handlung sind», erklärte der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell am Mittwoch im Namen der 27 Mitgliedstaaten. Jede vorsätzliche Störung der europäischen Energieinfrastruktur sei völlig inakzeptabel und werde «mit einer robusten und gemeinsamen Reaktion beantwortet werden». Die EU liess jedoch offen, wen sie verantwortlich macht.

Zuvor hatte bereits EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter geschrieben, dass sie Sabotage für möglich halte. Auch EU-Ratschef Charles Michel sprach von einem Sabotageakt.

FILE - European Commission President Ursula von der Leyen speaks during joint press conference with Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy in Kyiv, Ukraine, Thursday, Sept. 15, 2022. Von der Leyen wa ...
Ursula von der LeyenBild: keystone

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sprach ebenfalls von Sabotage. In einem Gespräch mit dem dänischen Verteidigungsminister Morten Bødskov sei es um «die Sabotage» der Pipelines gegangen, schrieb Stoltenberg am Mittwoch auf Twitter. Zudem hätten sie über den Schutz der kritischen Infrastruktur in den Nato-Staaten gesprochen.

epa10173154 NATO Secretary General Jens Stoltenberg attends a joint press conference with US Secretary of State Blinken after a meeting at NATO headquarter in Brussels, Belgium, 09 September 2022. EPA ...
Jens StoltenbergBild: keystone

Bereits am Dienstag war in Polen, Schweden, Dänemark und Russland ein Anschlag auf die europäische Gasinfrastruktur als Ursache für die als beispiellos geltenden Schäden an beiden Pipelines für denkbar gehalten worden. Auch aus Sicht deutscher Sicherheitskreise sprach vieles für Sabotage. Sollte es sich um einen Anschlag handeln, würde angesichts des Aufwands nur ein staatlicher Akteur infrage kommen, hiess es.

Borrell nannte in der Erklärung keinen Verdacht, wer hinter einem möglichen Sabotageakt stecken könnte. Der Spanier sagte jedoch, dass man über die Schäden an den Pipelines sehr besorgt sei. «Diese Vorfälle sind kein Zufall und gehen uns alle an.» Man werde jede Untersuchung unterstützen, die darauf abziele, Klarheit über die Vorgänge zu erlangen. Zudem werde man Schritte unternehmen, um die Energiesicherheit robuster zu machen.

In der Ukraine gab es Vorwürfe, Russland habe die Pipelines gezielt sabotiert, um die Energiekrise in Europa zu verschärfen und Panik vor dem Winter auszulösen.

Was sagt Russland?

Der Kreml hat Vorwürfe einer angeblichen Verantwortung Russlands für die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 als «dumm und absurd» zurückgewiesen. «Es ist ziemlich vorhersehbar und vorhersehbar dumm und absurd, solche Annahmen zu treffen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch nach Angaben der Agentur Interfax.

Peskow erklärte, dass Russland nicht an einem Ende des Gasflusses durch die Nord-Stream-Pipelines interessiert sei. Die Schäden seien auch für Russland ein grosses Problem. Beide Stränge von Nord Stream 2 seien mit Gas gefüllt. «Dieses Gas kostet viel Geld, und jetzt entweicht es in die Luft.»

President Vladimir Putin’s spokesman Dmitry Peskov speaks to The Associated Press in Moscow on Tuesday, April 5, 2016. Peskov says the Russian leader has no connection whatsoever to offshore accounts  ...
Dmitri PeskowBild: AP/AP

Des weiteren hat die russische Generalstaatsanwaltschaft nach eigenen Angaben wegen der mutmasslichen Sabotage an den Pipelines Nord Stream 1 und 2 ein Verfahren wegen internationalen Terrorismus eingeleitet. «Nicht später als am 26.09.2022 wurden im Bereich der Insel Bornholm vorsätzliche Handlungen zur Beschädigung der auf dem Ostseeboden verlegten Gasleitungen Nord Stream 1 und Nord Stream 2 verübt», teilte die russische Generalstaatsanwaltschaft am Mittwoch auf ihrem Telegram-Kanal mit.

Moskau begründete den Schritt damit, dass mit der Beschädigung der Pipelines «Russland erheblicher wirtschaftlicher Schaden zugefügt» worden sei. Gazprom hat bis Ende August durch die Pipeline Nord Stream 1 Gas nach Europa gepumpt, diese Lieferungen dann aber unter Verweis auf technische Probleme, die sich wegen Sanktionen angeblich nicht lösen liessen, eingestellt. Die Bundesregierung nannte die Begründung vorgeschoben und vermutete politische Beweggründe hinter dem Lieferstopp.

Nord Stream 2 war ebenfalls mit russischem Gas befüllt. Moskau hat die Pipeline in den vergangenen Monaten immer wieder als möglichen Ersatz für Nord Stream 1 angeboten, allerdings wurde die Leitung von Deutschland nicht zertifiziert. Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gilt eine Inbetriebnahme als ausgeschlossen.

Einem russischen Medienbericht zufolge könnte ein US-Hubschrauber an den Lecks in den beiden Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 beteiligt sein. «Der Mehrzweck-Helikopter MH-60R Strike Hawk hat neun Stunden lang – von 19:30 Moskauer Zeit am Sonntag dem 25. September bis 4:30 Uhr Moskauer Zeit am Montag dem 26. September über der Ostsee gekreist; etwa 250 Kilometer von der dänischen Insel Bornholm entfernt, wo der Gasaustritt festgestellt wurde», schrieb die Internetzeitung lenta.ru am Mittwoch unter Berufung auf Daten von Flightradar. Der Kampfhubschrauber könne unter anderem auch Unterwasserziele bekämpfen, betonte das als kremlnah geltende Medium.

Wie geht es weiter?

Kremlsprecher Peskow sagte, bevor irgendwelche Aussagen gemacht würden, müssten Untersuchungen an den Lecks abgewartet und festgestellt werden, ob es sich um eine Explosion oder nicht gehandelt habe. Er hatte sich bereits am Dienstag alarmiert gezeigt – und ebenfalls Sabotage nicht ausgeschlossen.

Peskow forderte zur Aufklärung der Vorfälle eine Beteiligung Russlands. Die Situation erfordere «einen Dialog und die operative Zusammenarbeit aller Seiten», um die Ursache der Lecks so schnell wie möglich aufzuklären und den entstandenen Schaden zu schätzen. «Im Moment sehen wir den absoluten Mangel an einem solchen Dialog.»

A large disturbance in the sea can be observed off the coast of the Danish island of Bornholm Tuesday, Sept. 27, 2022 following a series of unusual leaks on two natural gas pipelines running from Russ ...
Bild: keystone

Russland fordert wegen der Lecks an den Nord-Stream-Gaspipelines zudem eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Sitzung werde für Donnerstag erwartet, teilte der Vizechef der russischen UN-Vertretung in New York, Dmitri Poljanski, am Mittwoch auf seinem Telegram-Kanal mit. Auch die Sprecherin des russischen Aussenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte, Russland wolle im Zusammenhang mit den «Provokationen» um die Ostsee-Pipelines eine Sicherheitsratssitzung beantragen.

Nach den drei Lecks in Nord-Stream-Pipelines ist nach Angaben der dänischen Energiebehörde bereits mehr als die Hälfte des Gases aus den betroffenen Leitungen entwichen. Voraussichtlich am Sonntag sollen die Leitungen demnach leer sein, wie Behördenchef Kristoffer Böttzauw bei einer Pressekonferenz am Mittwoch sagte. Nach Berechnungen der Behörde entspricht die Klimabelastung des Gasaustritts etwa einem Drittel der gesamten Klimabelastung Dänemarks in einem Jahr.

(rst/sda/dpa)

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175 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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pontian
28.09.2022 18:33registriert Januar 2016
Russland weiss, wer es getan hat. Es waren eindeutig die Ukrainer! Beweis dafür ist, dass neben dem Loch in der Pipeline ukrainische Pässe, Sims-Karten (die vom Spiel…) sowie Nazisymbole gefunden wurden!
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G. Laube
28.09.2022 18:30registriert April 2020
Peskow: «Im Moment sehen wir den absoluten Mangel an einem solchen Dialog.»

Ja, Herr Peskow, wundert Sie das wirklich?

Wieso nur kommt mir immer dieses Emoji 🤡in den Sinn, wenn ich ein Foto von Peskow sehe? 🤔
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Haarspalter
28.09.2022 20:46registriert Oktober 2020
Natürlich wüsste Peskow es nicht, wenn Russland es getan hätte.

Es ist ja nicht so, dass ihm als Sprecher alle geheimen Details einer Spezialmission anvertraut würden und ihm am Schluss dann gesagt wird:
So, Dmitri, jetzt weisst Du alles. Der Presse darfst Du aber nichts davon erzählen, gell!?

Wenn es Russland war, weiss nur Putin, Schoigu, die Befehlskette und das involvierte Kommando etwas davon.
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