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Kein Kampf gegen Windmühlen, aber fast. Bagger vs. gestrandetes 400-Meter-Containerschiff.
Kein Kampf gegen Windmühlen, aber fast. Bagger vs. gestrandetes 400-Meter-Containerschiff.
Bild: keystone
Interview

Tanker-Kapitän Zubanovic: «Die hatten keine Chance»

25.03.2021, 18:0226.03.2021, 17:37

Noch immer versperrt das 400-Meter-Containerschiff «Ever Given» den Suezkanal. Wie konnte es dazu kommen? Und wie ist es, den Suezkanal zu durchfahren? Welche Sicherheitsmassnahmen gibt es? Wir haben mit dem langjährigen Tankerkapitän Maksimilijan Zubanovic gesprochen. Er befährt seit über einem Jahrzehnt die Weltmeere als Kapitän eines Gastankers und durchquerte dabei diverse Male den Suezkanal.

Herr Zubanovic. Sind Sie nervös, wenn sie den Suezkanal befahren? Wie man jetzt sieht, kann man mit einem Fehler die Weltwirtschaft empfindlich treffen.
Maksimilijan Zubanovic:
Es ist eine Stresssituation. Natürlich. Aber man gewöhnt sich daran.

Wie muss man sich so eine Durchfahrt vorstellen?
Es ist eine Ganztagesoperation. Man fährt in Gruppen. Sogenannten Convoys. Um in einem Convoy aufgenommen zu werden, sollte man den Ankerplatz um ca. 3.00 Uhr morgens erreichen. Dann dauert es zwischen 12, 14 oder sogar 16 Stunden, bis man durch ist. Wie schnell es geht, hängt vom Verkehr, dem Zeitplan und den Wartezeiten auf den Bitterseen ab.

Auf den Bitterseen (rote Markierung) können die riesigen Schiffe bequem kreuzen. Manchmal aber heisst das stundenlanges Warten.
Auf den Bitterseen (rote Markierung) können die riesigen Schiffe bequem kreuzen. Manchmal aber heisst das stundenlanges Warten.

Und Sie stehen die ganze Zeit auf der Brücke?
Nein. Auf der Brücke lösen sich der Kapitän und der erste Offizier ab. Sie sind diejenigen, welche über die nötigen Befugnisse verfügen, das Schiff zu managen. Doch auch sie müssen vorgeschriebene Ruhezeiten einhalten.

Eine Suez-Kanal-Durchquerung im Zeitraffer

Bei einer Durchfahrt des Suezkanals ist es Pflicht, einen Lotsen der Suez Canal Authority an Bord zu haben. Das macht auch Sinn. Die Lotsen kennen die lokalen Verhältnisse besser als die Kapitäne. Und für jeden der vier Abschnitte gibt es eigene Lotsen.

Also hatte auch die gestrandete «Ever Given» einen Lotsen?
Ja. Aber die Verantwortung bleibt beim Kapitän.

Wie beurteilen Sie den Vorfall mit der «Ever Given»?
Laut Nachrichten stieg der Motor aus. Ich habe aber andere Informationen.​

Gehen wir zuerst auf die Theorie ein, dass der Motor ausstieg.
Stirbt der Motor, schalten sich sogleich Notaggregate ein, welche die allerwichtigsten Systeme wie das Kommunikationssystem oder die Beleuchtung am Leben erhalten – und auch Teile der Steuerung. Doch diese reichen in einer solchen Situation nicht aus. Die Querstrahlsteueranlage zum Beispiel funktioniert nicht mehr. Wenn der «Ever Given» tatsächlich der Motor ausgestiegen ist, dann lautet meine Einschätzung: Die hatten keine Chance.

Hätten Schlepper den Unfall vermeiden können?
Schlepper sind immer in der Nähe. Aber im Unterschied zu Tankern, bei denen die Ladung als gefährlich eingestuft wird, haben Container-Schiffe keine wirklich enge Schlepper-Begleitung.

Wieso nicht?
Das hat wirtschaftliche Gründe. Wenn auch Containerschiffe von Schleppern begleitet werden sollten, dann verteuert sich die sowieso schon kostspielige Durchfahrt. Das wiederum wirkt sich auf die Konsumentenpreise der Güter aus. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt. Der Suezkanal muss preislich zur Route um Afrika konkurrenzfähig sein. Und je teurer eine Durchfahrt wird, desto interessanter wird der Weg ums Kap der Guten Hoffnung.

Ein Satellitenbild der «Ever Given» vom 24. März 2021. An ein Durchkommen ist nicht zu denken.
Ein Satellitenbild der «Ever Given» vom 24. März 2021. An ein Durchkommen ist nicht zu denken.
Bild: keystone

Nochmals zurück zur «Ever Given». Wie lauten Ihre Informationen?
Jedes Schiff, das den Suezkanal befahren will, wird vorher auf seine Fahrtauglichkeit geprüft. Deshalb ist es kaum vorstellbar, dass es gleich danach zu einem technischen Defekt kommt. Sollte der Kapitän den Kontrollbehörden etwas verschwiegen haben, wäre das kriminell. Aber: Sie müssen wissen, dass heute alle Schiffe mit einer Art Blackbox ausgerüstet sind. Bei uns heissen diese Systeme VDR. Sie zeichnen sämtliche Vorgänge auf. Es lohnt sich also nicht, Dinge zu verschweigen.

Der Motor ist also vermutlich nicht ausgefallen?
Laut meinen Informationen war der Motor okay, aber es kam zu ausserordentlich starken Windböen. Der Effekt dieser Böen ist, dass das Schiff zu schlingern beginnt. Aus diesem Schlingern heraus entwickelt sich ein Driften. Wie bei einem Auto.

Hätte der Unfall vermieden werden können?
Ich habe gehört, der Kapitän sei erfahren. Wichtig in solchen Situationen ist aber auch ein guter Lotse. Lotsen kennen die örtlichen Gegebenheiten besser und es ist eigentlich immer ratsam, auf sie zu hören.

Haben Sie noch weitere Insider-Informationen?
Es sieht so aus, als sei der Plan, das Schiff bis am Sonntag oder Montag aus dem Weg zu schaffen. Wie das geschehen soll, weiss ich nicht. Es steckt ziemlich übel fest. Doch schauen sie nur auf den Ölpreis. Er ist heute bereits um über 6 Prozent gestiegen.

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Video: watson/jah
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