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Wie ein Ehepaar den mRNA-Impfstoff entwickelte– «Wir sprechen nie über etwas anderes»

Noch gab es keine 1000 Fälle, doch schon im Januar 2020 startete ein damals unbekanntes Ehepaar den Kampf gegen Corona. Ugur Sahin und Özlem Türeci haben in neun Monaten einen Covid-Impfstoff entwickelt. Ein Porträt.
06.12.2021, 22:0507.12.2021, 07:22
Bruno Knellwolf / ch media
Bild: Getty Images

Der grosse Applaus macht das Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin etwas verlegen. Das Publikum der TV-Sendung «Kölner Treff» will nicht mehr aufhören zu klatschen. Deshalb fragt die Moderatorin: «Tut das gut?». Eine gute Frage, denn der Wettlauf um die Entwicklung des Covid-Impfstoffs war von grosser Dramatik und vielen Widerständen geprägt.

Ganz ruhig antwortet die Ärztin Özlem Türeci:

«Es ist ein ganz wundervolles Gefühl, dass man so viel positive Unterstützung bekommt aus dem Publikum und auch ausserhalb. Weil das ist das, was uns angetrieben hat. Dass wir etwas tun, was den Menschen zu gute kommt.»

Grosse öffentliche Auftritte sind nicht die Sache des deutsch-türkischen Ehepaars. Doch an diesem Tag im September dürfen sich die beiden ins Goldene Buch der Stadt Köln eintragen lassen und die Ehrendoktorwürde der Universität Köln entgegen nehmen.

Die erste Covid-Impfung an Maggie Keenan

Innerhalb von nur neun Monaten haben sie mit ihrer Mainzer Firma Biontech einen mRNA-Impfstoff entwickelt: Am 8. Dezember 2020 krempelt die 90-jährige Maggie Keenan ihren T-Shirt-Ärmel hoch und wird in Coventry als erster Mensch mit dem Biontech-Wirkstoff geimpft.

Die dafür verwendete Spritze hat heute als medizin-historisches Exponat einen Platz im Londoner «Science Museum». Unmittelbar neben der Lancette, die Edward Jenner 1796 als erster für eine Impfung gegen Pocken benutzt hatte. Diesen Platz hat sich ein bis dahin wenig bekanntes Ärztepaar aus Deutschland gesichert, das sich seit vielen Jahren damit beschäftigt hatte, mit einem kleinen Molekül eine medizinische Revolution einzuleiten – mit mRNA.

Am 24. Januar 2020 sitzt der 55-jährige Ugur Sahin wie immer einmal in der Woche mit Frau und Tochter in seinem Lieblingslokal in Mainz bei einem Vietnamesen. Dort liest Sahin eine kleine «Spiegel»-Meldung aus der Millionenstadt Wuhan. Eine neuartige Form einer Atemwegsinfektion breite sich aus, rund fünfzig Fälle liessen sich zum Huanan Seafood Market zurückverfolgen, wo Fledermäuse, Murmeltiere und Schlangen verkauft werden.

Seit vielen Jahren an einer mRNA-Krebstherapie geforscht

Zwar forscht das Wissenschafts-Ehepaar vornehmlich für die Krebsbehandlung, doch auch an Impfstoffen gegen Grippe, Aids und Tuberkulose arbeiteten Forscher ihrer 2008 gegründeten Firma Biontech. Tage zuvor hatte Sahin an einem Biotechnologie-Kongress in San Francisco über die Fortschritte seiner Krebstherapie referiert und in Boston über den Kauf einer Krebs-Immuntherapie-Firma verhandelt.

Jetzt nach dem Essen beim Vietnamesen studiert Sahin die Fachzeitschriften und erkennt, dass sich das Coronavirus von Mensch zu Mensch überträgt und sich im Lauffeuer verbreitet. Aufhorchen lässt ihn ein Detail. Ein siebenjähriges Mädchen trug das Virus in sich, hatte aber keine Symptome. Sars-CoV-2 ist ein stiller und heimlicher Angreifer.

Nun studiert Sahin die Ausbreitungsmuster der Infektionskrankheiten Sars und Mers und erkennt, dass sich gerade ein Albtraumszenario abspielt. «Mir wurde sofort klar, dass es zwei Szenarien gibt: entweder eine sich äusserst rasch verbreitende Pandemie, bei der innerhalb weniger Monate Millionen Menschen sterben. Oder eine sich länger hinziehende Epidemie, die etwa sechzehn bis achtzehn Monate dauern würde», erzählt Sahin im Buch «Projekt Lightspeed».

Beide vertrauen auf den Instinkt des anderen

Gegen eine länger hinziehende Epidemie sieht er eine Chance, einen Impfstoff dagegen zu entwickeln. Bereits am Samstag, 24. Januar 2020, fassen die beiden den Entschluss, das mit ihrer seit Jahren entwickelten mRNA-Technologie zu versuchen. Die Frei-, Sam- und Sonntage gelten bei der Familie rituell als Wissenschaftstage. «Wir sprechen eigentlich nie über etwas anderes», sagt die Tochter.

Schon 1990, als sich das Paar kennenlernte, zitierte der junge Arzt aus wissenschaftlichen Publikationen und prognostizierte die Entwicklungen der Medizin. Anscheinend hat sich Türeci anfangs über die Vorhersagen geärgert. Doch die Ärztin und Immunologin verfasste später mit ihrem Ehemann Hunderte wissenschaftlicher Artikel, entwickelte Patente und rief zwei gemeinnützige Organisationen ins Leben. Beide vertrauen dem Instinkt des anderen, auch als sie die heutige Zwei-Milliarden-Dollar-Firma Biontech gründeten.

Ihr Ehemann habe eine grosse Trefferquote, wenn es darum gehe, aus komplizierten Daten und Situationen Schlussfolgerungen abzuleiten, sagt Özlem Türeci. So nun auch beim Coronavirus. Bereits am Sonntagabend, dem 26. Januar hat Sahin ein Design von acht Impfstoffkandidaten skizziert. Noch bevor er sich wie jede Woche zur Zerstreuung mit seiner Familie einen Marvel-Film anschaut, hat er seinen Experten bei Biontech die Gensequenz des neuen Virus geschickt, damit sich diese auf die Lagebesprechung am Montag vorbereiten können.

Beiden ist klar, dass es ohne eine Portion Glück nicht gelingen wird, einen Impfstoff zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt weiss man nicht, ob das Virus überhaupt auf einen Wirkstoff ansprechen wird. Und normalerweise dauert die Entwicklung viel zu lange, um eine Pandemie einzudämmen. Doch davon lassen sich die beiden nicht beirren.

Die «Immunsystemflüsterer» und die Biochemikerin Katalin Karikó

Für die Entwicklung des Covid-Impfstoffs brauchen die «Immunsystemflüsterer», wie sie sich selbst bezeichnen, neben grossem Fachwissen, viel Mut, Überzeugungskraft vor allem ein gutes Team. Zu diesem gehört auch die ungarisch-amerikanische Biochemikerin Katalin Karikó, welche mit ihrer Forschung den Weg für die Herstellung mRNA-basierter Impfstoffe geebnet hat.

Allein hätte die Firma Biontech zudem eine weltweit anzuwendende Impfung nicht stemmen können. Entscheidend ist deshalb, dass Sahin die US-Pharmafirma Pfizer von seiner mRNA-Impfung überzeugen kann, welche die notwendigen Mittel für die Produktion des Impfstoffs hat.

Viele Schlüsselmomente prägen die Impfstoff-Entwicklung. Die anfänglichen Unwägbarkeiten, die Testphasen, das Schmieden von Allianzen, die erste Studie am Menschen. Einer der wichtigsten Momente ereignet sich am Sonntag nach Trumps Wahlniederlage.

Am 8. November 2020 ist das ansonsten nicht aus der Fassung zu bringende Paar unruhig wie sonst nie. An diesem Tag wird sich herausstellen, ob ihr mRNA-Impfstoff funktioniert. Die Tochter erzählt, die Eltern seien den ganzen Tag angespannt gewesen und man habe nicht wirklich miteinander gesprochen.

Um 20 Uhr kommt der Anruf aus den USA. Auf der anderen Seite sitzt Albert Bourla, CEO von Pfizer. Die Sekunden bevor Bourla das Ergebnis verkündet, erscheinen der Familie Sahin/Türeci wie eine Ewigkeit. Dann sagt der Pfizer-CEO: «Es funktioniert. Es funktioniert sogar fantastisch».

Weniger als zehn Monate, nachdem Türeci und Sahin im selben Wohnzimmer, die Möglichkeit diskutiert haben, einen mRNA-Impfstoff gegen einen damals noch namenlosen Erreger zu entwickeln, wird ihr Impfstoff mit einer Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent bewertet.

Gewinn für personalisierte Krebstherapie einsetzen

Der Wert des seit 2019 börsenkotierten Biotech-Unternehmens geht in luftige Höhen. Lange Jahre waren die Finanzen knapp. Nun wollen Türeci und Sahin die Gewinne für ihr ursprüngliches Ziel einsetzen, für eine mRNA-Krebsimpfung, eine personalisierte Krebstherapie. «Wir haben nun erstmals die Möglichkeit, die Vision des Unternehmens voll auszuleben», sagt Sahin. Das heisst die Technologien auch für andere Erkrankungen zu nutzen. «Wir haben ein Malaria-Projekt begonnen, wir forschen an Tuberkulose, an HIV-Impfstoffen».

Vielleicht kommt irgendwann der Nobelpreis

Am Schluss der Sendung fragt die Moderatorin des «Kölner Treffs» was sie jenen Menschen raten, die skeptisch gegenüber der Impfung seien. In gewohnter Ruhe sagt Özlem Türeci: «Wir können nur raten, dass sie sich sehr gut informieren.» Die Firma sei sehr besorgt darum, alle Daten transparent zu machen, damit sich alle ein Bild machen könnten.

«Die Entscheidung letztendlich muss bei jedem persönlich liegen», sagt die 54-jährige. Die Impfung habe dem Virus den Schrecken genommen, wir sollten versuchen, wieder ein normales Leben zu führen, ergänzt Sahin. Vielleicht werden die beiden dereinst mit der gleichen Ruhe und Ausgeglichenheit einen Medizin-Nobelpreis entgegennehmen.

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