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Sie wollte es so: Scarlett Johansson entschied sich für einmal gegen ihre blonden Haare.
Bild: ascot-elite
Film «Under the Skin» 

Scarlett Johansson: «Ich bin ein Alien, jage Männer und verfüttere sie an ein schwarzes Loch»

Die Hollywood-Göttin verrät, wie sie für «Under the Skin» einen Laster fahren und lieben lernte und dass man sich nach 100'000 Arbeitsstunden ungeniert gut fühlen darf.
20.07.2014, 11:57

Alles ist weiss im Garten der Villa Laguna, die Möbel, die Podeste mit den Schmuckvitrinen eines Sponsors, aber das Meer und der Himmel sind blau und Scarlett Johansson, diese blonde Sonne, trägt einen dunkelblauen Hosenanzug. Und ein schlechtes Tattoo am rechten Handgelenk. Ein unbeholfenes Kettchen mit Kreuz, wehe, wenn das mehr sein sollte als eine Jugendsünde.

Scarlett Johansson ist klein und nicht dünn und hat auch in Wirklichkeit diese verruchte, verkratzte Rauchstimme. Und die beste Laune von Venedig, obwohl sie sich am Abend vorher ihren neuen Film «Under the Skin» am Filmfestival von Venedig angesehen hat und lauthals ausgebuht wurde: «Das war das erste und letzte Mal, dass ich mir diesen Film mit Publikum angesehen habe, dafür ist er sowieso viel zu persönlich. Bei Stanley Kubricks ‹Eyes Wide Shut› wars damals genauso. Ich hab den viermal im Kino gesehen und immer waren die Leute total ausser sich, brüllten oder standen auf und gingen ganz nah an die Leinwand heran und berührten die Darsteller, wenigstens haben sie keine Tomaten geschmissen.»

Die Italiener hassen diesen Film. Der britische Regisseur Jonathan Glazer ist deswegen traurig. Seine Lieblingsregisseure seien alle Italiener, sagt er gerade am Nebentisch unserer Runde mit Scarlett Johansson, es wäre so schön, in seinem Lieblingsfilmland gemocht zu werden. «Ich liebe den Film aber», flüstert eine schüchterne Italienerin. Jonathan Glazer lächelt erschöpft.

Eine schizophrene Szene mit der doppelten Scarlett, die wir nicht näher erklären können.
Bild: studiocanal

Trailer zu «Under the Skin»

«Under the Skin» also. Der Film, der seit Venedig im Oktober 2013 weltweit nur noch mit Hymnen bedacht wurde und in den USA fabelhafte Eintrittszahlen verzeichnete. Ein vollkommen irritierender Film, über den man auch als Kritiker besser erst mal eine Nacht schlafen sollte, bevor man ihn zu früh verdammt. Ein Film, der, so sagen kluge Schweizer Filmexperten, der Film des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts sei. Demnächst kommt er in unsere Kinos, auf DVD ist er jetzt schon erhältlich.

Aber gehen wir zurück nach Venedig, an jenen warmen Herbsttag an der Lagune. Scarlett Johansson fasst den Film für uns zusammen: «Ich bin ein Alien und komme nach Schottland. Dort jage ich Männer, verfüttere sie an ein schwarzes Loch, okay, an dieser Stelle hören mir die meisten meiner Freunde schon nicht mehr zu, weil sie schwarze Löcher langweilig finden, und ganz, ganz langsam entwickle ich ein gewisses Verständnis für die Menschen.» Das Verständnis schwächt das Alien. Aber vorher ist es sehr, sehr böse und selbstverständlich auch sehr sexy, denn sein Job ist es, den einsamen, autostoppenden schottischen Mann derart zu verführen, dass er sich ganz willenlos zum Mast- und Schlachtvieh für Aliens machen lässt.

Der gleichnamigen Debütroman des niederländisch-australischen Autors Michael Faber aus dem Jahr 2000 erzählt dies alles sehr packend und halbwegs anschaulich, Krimi-Grossmutter Donna Leon hat den Schauerroman sofort zu ihrem Lieblingsbuch erklärt. Glazer macht daraus die pure Abstraktion von Science Fiction: «Ich wollte die Essenz von Science Fiction einfangen, das Gefühl, das Science Fiction vermittelt, und deshalb habe ich diese Traumräume geschaffen. Also weg mit Raumschiffen, Waffen und allem. Was dann bleibt, ist ein schwarzer Raum – und eine schwarze Leinwand.»

So sehen die Männer aus, wenn das Alien mit ihnen fertig ist.
Bild:  studiocanal

Eine Leinwand, so schwarz wie das All, in das unser Planet einst gefallen ist. Aber natürlich nicht immer. Und nur in Teilen. «Under the Skin» ist gelegentlich eine Art dunkelflüssiges, aber berückendes Narkotikum, jene lava-artige Masse, in die das Alien seine Opfer führt. Gelegentlich aber auch ein Hagelsturm aus gleissend hellen Bildern. Und nachdem sie ein paar Nächte darüber geschlafen hatten, wünschten sich auch seine lautesten Kritiker letztes Jahr in Venedig, dass er den goldenen Löwen für den besten Film gewinnen möge. Weil er zwar anstrengend, zäh und redundant, aber eine visuelle Verführung und vollkommen ungewöhnlich ist. 

Das schöne Alien nähert sich der Welt eiskalt und von aussen. Mühselig lernt es Schottisch und rudimentäre Verhaltensregeln. «Die Herausforderung lautete: Wie ist es, wenn man alles abwirft, was die menschliche Konditionierung ausmacht, all unsere Nuancen der Kommunikation? Wenn man sich in einen rein geistigen Raum begibt? Das war hart!», sagt Scarlett Johansson.

Hart war auch, dass sie einen Grossteil des Films über einen Laster durch den schottischen Linksverkehr steuern musste: «Ich hatte noch nie eine so grosses Fahrzeug gefahren! Kam dazu, dass in dem Laster unsere ganze Crew sass, alle, auch der Mann, der immer die Sandwiches machte, und dass ich auch noch einen Trailer hinter dem Laster herziehen musste. Keine Ahnung, wie genau meine Versicherung lautete. Und ich kann nachts nichts sehen und durfte keine Brille tragen! Aber ich liebte den Laster und überlegte sogar, ob ich ihn mitnehmen soll. Aber Jonathan sagte: ‹Tu's nicht! Wenn wir unser Equipment erst einmal ausgebaut haben, sieht der Wagen aus wie ein löchriger Schweizer Käse.›»

Adam Pearson. Mit seinem echten Gesicht. 
Adam Pearson. Mit seinem echten Gesicht. 
Bild: studiocanal 

Und dann sind da die Männer. Schottische Laiendarsteller. Und unter ihnen Adam Pearson. Der 29-Jährige, dessen Kopf durch gutartige Tumore ins Monströse vergrössert wurde.  Doch das Alien, für das alle Menschen Monster sieht, kann ihm ganz vorurteilsfrei begegnen. «Du hast schöne Hände», sagt es. Pearson und Johansson haben ihren Dialog zusammen entwickelt, Pearson erzählte ihr, dass seine Mutter immer sage, er habe schöne Hände. Und als das Vertrauen zwischen ihnen am grössten war, willigte er in eine Nacktszene ein. Es ist wahrscheinlich die traurigste Nacktszene der Filmgeschichte. Heute besitzt Pearson Scarlett Johanssons Handynummer und wird zuhause in London von Passanten nicht mehr nur angestarrt, sondern auch um Autogramme gebeten. 

Wie war es denn überhaupt für all die Männer, als da plötzlich so ein extraterrestrisch anmutender Hollywoodstar vor ihnen stand? «Ich glaube, das half», sagt der Hollywoodstar, «das waren alles Männer, die irgendwo am Rand der Gesellschaft stehen, und plötzlich arbeiten wir zusammen und sie sagen: ‹Geil! Ich sitz voll neben DIR!› Das war ungefähr dieser Effekt von Verblüffung, den die Männer im Film auch angesichts des Aliens erfahren sollten. Aber am Ende des Tages holten wir unseren Kaffee alle am gleichen Ort, und wenn Glamour und Glitzer erst mal verflogen waren, fühlte sich das für beide Seiten richtig, richtig gut an. Nach gut 15 Stunden mit jedem von ihnen war es ziemlich entspannt. Zudem sind Schotten sehr offen und kaum paranoid.»  

Unser Alien kann auch im schottischen Linksverkehr entzücken.
Bild: ascot-elite

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Woher kommt eigentlich ihr Look? Hat Jonathan Glazer, der normalerweise Musikvideos für Radiohead, Massive Attack, Blur und viele andere macht, sich den ausgedacht? «Nein», sagt Glazer, «die schwarzen kurzen Haare waren Scarletts Idee. Ich habe ihr bloss vorgeschlagen, sich so zu verkleiden, dass man sie nicht dauernd erkennt und verfolgt. Wir drehten ja nicht in einem Studio, sondern draussen.» Manchmal wurde das Draussen gefährlich. Bei einer Szene, in der das Alien teilnahmslos einer Familie zuschaut, die mit der stürmischen See kämpft, ertrank die Darstellerin der Mutter, eine Profischwimmerin, beinah.

Man ist erleichtert, dass das vorerst vorbei ist, dass Scarlett Johansson jetzt erst einmal als Regisseurin arbeiten will, für die Truman-Capote-Verfilmung «Summer Crossing» und dass sie wieder regelmässigTheater spielen will in New York, auch wenn das so anstrengend sei «wie Kampftraining». Und was ist ihr Fazit nach gut 20 Jahren im Geschäft und über 40 Filmen von Regisseuren wie Robert Redford, Sofia Coppola, Woody Allen, Bryan de Palma, Spike Jonze oder Luc Besson? Ist sie zufrieden? «Wie sagt man: Erst nach 10'000 Stunden bist du gut in deinem Job? Ich hab mindestens 100'000 Stunden investiert.»

Wenn die Sterndeutungen sämtlicher People-Magazine dieser Welt stimmen, dann wird die 29-Jährige im August zum ersten Mal Mutter. Vielleicht sogar am 14., wenn «Under the Skin» in unsere Kinos kommt. Und ja, sie darf sich eine Babypause gönnen. Aber bitte nur eine kleine.

Bald noch mehr Scar-Jo im Kino!
Ebenfalls am 14. Juni kommt der Film «Lucy» von Luc Besson mit Scarlett Johansson in die Kinos. Am 6. August eröffnet er auf der Piazza Grande das Filmfestival von Locarno. Scarlett Johansson spielt darin eine Drogenkurierin mit Superkräften. Wir melden uns damit rechtzeitig bei allen Scar-Jo-Fans zurück.
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