Interview
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Präsident von Adipositas-Stiftung im Interview

Interview

«Was Katie Hopkins sagt, ist Schwachsinn. Sie hat nur einen Ausflug ins Dicksein gemacht»

Die britische Kolumnistin Katie Hopkins sorgt für Aufregung: Um zu beweisen, dass dicke Menschen selbst schuld sind, nahm sie 20 Kilo zu und wieder ab. Heinrich von Grünigen von der Schweizerischen Adipositas-Stiftung hält wenig von ihren Thesen.



heinrich von grünigen zvg

Heinrich von Grünigen ist der Präsident des Stiftungsrates «Schweizerische Adipositas-Stiftung SASP». Er selber kämpft seit Jahren mit seinem Gewicht, aktuell wiegt er 165 Kilo. Bild: zvg

Herr von Grünigen, Katie Hopkins behauptet, dass «fette Menschen selbst schuld sind, weil sie faul sind». Fühlen Sie sich angesprochen?
Heinrich von Grünigen: Nein, das ist Schwachsinn und ein weit verbreitetes Vorurteil, gegen das wir seit Jahren ankämpfen. Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass ein Teil der Politik genauso denkt. Die Vertreter der Wirtschaft meinen, es braucht keine Lenkung, jeder muss auf sich selber schauen. Wenn es so einfach wäre, gäbe es keine dicken Menschen.

In Hopkins' Experiment hat es aber funktioniert – sie hat 20 Kilo zu- und wieder abgenommen. Warum hat sie dann Unrecht?
Sie war vorher sehr dünn und hat offenbar eine andere Veranlagung. Ausserdem war es nur ein «Ausflug ins Dicksein», wie manche Schauspieler, die für eine einzige Rolle zu- und anschliessend wieder abnehmen. Es ist etwas völlig anderes, wenn man über die Jahre immer mehr zunimmt. Der Körper gewöhnt sich so an ganz andere Mengen Essen und schreit dann auch nach mehr.

katie hopkins twitter

Katie Hopkins lästert gegen Dicke Bild: Twitter

Das heisst, Diäten funktionieren einfach nicht?
Doch, abnehmen kann zunächst einmal jeder. Die Schwierigkeit ist viel mehr, das Gewicht zu halten. 95 Prozent der Menschen, die mal übergewichtig waren, schaffen es nicht, dauerhaft auf einem niedrigeren Gewichtsniveau zu bleiben. Fettgewebe ist praktisch ein eigenes Organ. Und wenn man sich das einmal zugelegt hat, beeinflusst es die Verdauung und holt sich, was es braucht.

«Ein Drittel der Bevölkerung kann essen, was es will.»

Diäten sind also überflüssig...
Sie helfen einfach in den seltensten Fällen dauerhaft. Eine Magenverkleinerung ist wahrscheinlich die einzige auf Dauer wirksame Lösung.

Sie sprachen eben das Thema «Veranlagung» an: Ist das nicht eine etwas einfache Ausrede?
Auf keinen Fall. Es ist schlicht so, dass rund ein Drittel der Bevölkerung den Vorteil hat, dass es essen kann, was es will. Diese Menschen haben einen höheren Anteil des braunen Körperfetts. Die funktionieren wie kleine Öfen: Nachts sind sie ganz warm und brauchen keine Decke, weil sie alle Kalorien abbauen. Säuglinge haben beispielsweise auch einen sehr hohen Anteil dieses braunen Körperfetts.

Und was ist mit den restlichen zwei Dritteln?
Die verlieren das braune Körperfett mit der Zeit. Am Ende bleiben noch zwischen 150-200 Gramm davon übrig, die lagern sich meist irgendwo am Rücken an. Der Rest ist weisses Körperfett. Und diese Menschen haben dann ganz grundsätzlich die ungünstigere Veranlagung. Wenn sie mehr Kalorien zufügen, als sie durch die tägliche Bewegung verbrennen, legen sie zu.

«Der Mensch ist ein Faulpelz und wenn er Pech hat, setzt er Speck an.»

Nur Unrecht scheint Frau Hopkins aber nicht zu haben. Sie schreiben in einem Blog-Beitrag selbst, dass ein gewisser Prozentsatz durchaus selbst schuld ist. Was verstehen Sie unter «selbst schuld»?
Der Mensch ist grundsätzlich sehr bequem. Durch mehr Bewegung könnten viele das Übergewicht vermeiden. Aber das steckt auch einfach nicht in unseren Instinkten: Wir wollen überleben und uns fortpflanzen. Sich zu verausgaben gehört nicht zu den Urinstinkten. Der Mensch ist ein Faulpelz und wenn er Pech hat, setzt er Speck an.

katie hopkins twitter

Erst schlank, dann füllig: Katie Hopkins. Bild: Twitter

Sie selber kämpfen seit Jahren mit Ihrem Gewicht. Wie schätzen sie das ein: Selbst schuld oder nicht?
Eine gewisse Schuld kann ich sicher nicht abstreiten. Meine Frau sagt immer: «Du könntest schon abnehmen». Klar, das geht schon, es ist mir ja auch schon mal gelungen. Aber es ist ein Auf und Ab. Es gibt eine Studie, die besagt, dass Menschen im Schnitt nach 28 Tagen vom Diätplan abweichen, dann folgt man wieder der Versuchung beziehungsweise dem gewohnten Trott und beginnt sich selbst zu beschummeln. Andere Studien sind noch pessimistischer. Da heisst es, dass schon nach 24 Stunden Schluss ist mit den guten Vorsätzen. In einer klinischen Studie ist es vielleicht möglich, so etwas durchzuziehen. Aber im normalen Alltag drohen überall Versuchungen.

«Die genetische Veranlagung lädt die Pistole und die Umwelt löst den Schuss aus.»

Die Hauptschuld sehen Sie trotzdem nicht bei den Betroffenen. Wer trägt dann die schuld?
Es sind mehrere Komponenten, die da zusammenkommen. Es gibt einen amerikanischen Ernährungswissenschaftler, der das so zusammenfasst: Die genetische Veranlagung lädt die Pistole und die Umwelt löst den Schuss aus.

Was meinen Sie mit «Umwelt»?
Das heutige Angebot an Lebensmitteln in der Schweiz ist so gross, dass pro Kopf pro Tag rund 6000 Kalorien zur Verfügung stehen. Dieses Angebot muss man natürlich nicht nutzen. Aber selbst wenn man sich ganz normal ernähren möchte, ist es sehr schwierig bei einem gesunden Wert von rund 2000 Kalorien zu bleiben. Personen, die extreme Diät-Versuche hinter sich haben, müssen teilweise sogar unter diesen 2000 Kalorien bleiben, weil ihr Grundumsatz so drastisch reduziert wurde.

Warum ist es so schwer, sich an die 2000 Kalorien zu halten?
Die Dichte an Kalorien ist in den heutigen Lebensmitteln viel zu hoch. Das hat sich massiv verändert. Um das Wettrennen um die günstigsten Preise zu gewinnen, werden billige Fette verwendet. Da wird ökonomisch, aber nicht gesundheitsbezogen gedacht. Und dann spielen natürlich die Möglichkeit – oder besser gesagt die fehlende Möglichkeit – zur Bewegung, der Tagesrhythmus und der Stress eine wichtige Rolle.

Das heisst?
Stress ist ein massiver Dickmacher und Leute, die zu wenig schlafen, nehmen auch eher zu. Heutzutage kommt aber niemand mehr auf sieben oder acht Stunden Schlaf. Im Alltag sind es vielleicht noch zwischen fünf und sechs Stunden.

Was muss sich in der Schweiz ändern, um das Problem bekämpfen zu können?
Vor allem Kinder müssen lernen, wie man sich richtig ernährt, damit sie gar nicht erst in den Teufelskreis des Übergewichts geraten. Und schon da gibt es ein grosses Problem: Auf der einen Seite lanciert der Bund Programme, um gegen Krankheiten wie Herzkreislaufprobleme – die auf Übergewicht zurückzuführen sind – anzukämpfen, und auf der anderen Seite wird Kochen und Lebensmittelkunde vom Lehrplan gestrichen. Und auch die Sportstunden werden immer weniger. Wir reden hier von einem Generationsprozess – das Problem ist über mehrere Generationen gewachsen und lässt sich entsprechend auch nicht so schnell lösen.

Hopkins kritisiert auch, dass das Thema totgeschwiegen wird, indem man dicke Kinder nicht «dick» oder «fett» nennen darf, sondern von Babyspeck redet. Was halten Sie davon?
Da hat sie schon recht. Man muss die Dinge beim Namen nennen. Da widerspreche ich zwar einigen Leidensgenossen, aber ich sage immer: «Tu nicht dumm, wir sind einfach dick.» Ich bin kein Freund von politisch korrekten Begriffen wie «horizontal herausgefordert».

Wie ist das mit dem Totschweigen hier in der Schweiz?
Das Problem sehe ich nicht. Hier herrscht ein Bewusstsein darüber, dass Übergewicht ein Problem darstellt. Da ist die Schweiz wohl eher outspoken.

Was halten Sie von Katie Hopkins und ihren Äusserungen zum Thema Übergewicht?

So viel darf man für 200 Kalorien essen

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