Interview
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Der österreichische Schriftsteller Wolf Haas (ja, so heisst er wirklich). Dieses Jahr ist sein achter Brenner-Krimi herausgekommen. Bild: hoffmann und campe

Schöpfer der Brenner-Krimis im Gespräch

Interview

«Servus Wolf Haas, haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?» – «Eigentlich hat's mich deprimiert, ein Buch zu lesen»

Es ist so schön zu wissen, dass der Autor, der hinter den Brenner-Romanen steckt, ein unheimlich sympathischer Kerl ist – ein fünfzehnminütiges Gespräch mit Wolf Haas über sein literarisches Schaffen, seinen Namen und Brenners Aggressionen. 

Jetzt ist schon wieder was passiert.

Der Haas war im Zürcher Kaufleuten und hat aus seinem neusten Brenner-Roman «Brennerova» vorgelesen. Der hat das so konzentriert gemacht, der ist fast in sein eigenes Buch hineingefallen. Darum hat er gesagt, er mag es nicht, wenn man ihn anblitzt. Weil sonst fällt er aus dem Rhythmus. Aber interessant. Niemand hat geblitzt, kein Licht, nichts, und trotzdem hat sich der Haas einmal verredet. Das war aber mehr so ein Verlesen aus lauter Konzentration heraus. Wenn du etwas fest willst in deinem Hirn und dann kommt es eben genau anders herum raus. Aber jetzt pass auf. Nach der Pause ist er wiedergekommen und hat gesagt, dass er schon mal ein bisschen weitergelesen hat, weil Spannung pur. Pfeilbogen nichts dagegen. 

APA20022516_28082014 - WIEN - ÖSTERREICH: Lesung mit Schriftsteller Wolf Haas im Rahmen des Literaturfestival O-Töne am Donnerstag 28. August 2014, im Wiener Museumsquartier. FOTO: APA/HERBERT PFARRHOFER

Hier liest Wolf Haas in Wien.  Bild: APA

Der Brenner wird mit Ihren Büchern immer älter, gemeinsam mit Ihnen. Wird er Sie noch bis ins Altersheim begleiten? 
Wolf Haas: Bis zu Tod und Scheidung sozusagen? Naja, am Anfang war das so, da war ich 36 Jahre alt, wie ich den ersten Brenner-Roman gschrieben hab. Da war tatsächlich mein Entschluss, dass ich den zehn Jahre älter mach als ich es bin. Weil er sollte so ein alter Depp sein. Ich habe nicht geahnt, wie schnell ich ihn überhole! Ich mag es, wenn jemand, mit dem ich zu tun hab – ein Freund oder wer auch immer – zehn Jahre älter oder jünger ist als ich. Ich finde das einen interessanten Abstand, weils kein Generationen-Abstand ist. Wenn jemand zwanzig Jahre älter ist, dann ist es so eine Vater-Tochter oder Sohn Geschichte. Aber zehn Jahre Unterschied, da ist man auf Augenhöhe und dennoch ist es irgendwie anders. Deshalb ist der Brenner zehn Jahre älter als ich und so schiebe ich ihn vor mir her und lasse ihn erkunden für mich als Vorhut. 

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Der neuste, bereits achte Roman um Privatdetektiv Simon Brenner ist da und er beginnt so: «Früher hat man gesagt, die Russinnen.» Bild: hoffmann und Campe

Das heisst er wird nicht nochmal sterben, so wie es im sechsten Roman «Das ewige Leben» fast geschehen wäre?
Eigentlich ist ja der Erzähler gestorben und das war für mich auch das Lustige dran, weil ich dieses Buch schon als letztes angekündigt habe und dann spekuliert jeder, stirbt der Brenner oder stirbt er nicht. Dass dann nicht der Detektiv, sondern der Erzähler gestorben ist, das hat mir grosse Freude bereitet. 

Ist der Brenner der bessere Mensch als Sie? 
Als ich? Nein, das glaub ich nicht. Ich glaub, wir zwei sind wie alle andern Menschen ungefähr gleich gut. Und der Brenner ist ja für mich gar nicht so richtig die Hauptfigur, sondern er ist in gewisser Weise eine Projektion des Erzählers. Manchmal hab ich das Gefühl, der Erzähler ist sowieso kein richtiger Mensch, sondern mehr so eine Sprechmaschine. Er hat etwas Geisterhaftes, wodurch der Brenner selbst etwas Irreales bekommt.

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Der grandiose Josef Hader spielt den Brenner in den drei der bereits verfilmten Romane «Der Knochenmann», «Komm, süsser Tod» und «Silentium».  gif: watson

Der Erzähler wertet den Brenner ja auch immer, er stellt ihn in ein bestimmtes Licht. 
Genau. Meistens himmelt er ihn an, dann kritisiert er ihn wieder. Das ist eh was, was ich am Anfang überhaupt nicht überlegt hab. Das hat sich einfach so ergeben. Aber jetzt werd ich ja so oft mit der Frage konfrontiert, warum der Brenner so beliebt ist. Eigentlich gibt es keine Sachen, die er tut, die so besonders sympathisch sind, sondern ich glaub, es ist dieser Blick des Erzählers auf den Detektiv. Jemand, der den anderen so liebevoll anschaut, da kriegt der automatisch so eine Aura des Besonderen.

Ich habe lesen gehasst bis ich achtzehn war.

Ist der Erzähler eigentlich dumm oder ist der gescheit? Mir kommt er so vor, als würde er sein Halbwissen zur Kunstform machen. 
Er ist sicher nicht im landläufigen Sinn gescheit. Bauernschlau ist er. Ich hab immer das Gefühl, dass beide für sich genommen total uninteressant sind und nur miteinander so eine gute Mischung ergeben. Dazu hab ich immer das Bild im Kopf von so chemischen Flüssigkeiten. Wir hatten einen lustigen Chemielehrer, der hat ganz gern den Klassenraum in üblen Gestank gehüllt. Man kann zwei harmlose Flüssigkeiten haben, aber wenn man sie zusammengibt, erzeugts was Bestialisches. So ähnlich ist das mit dem Brenner und seinem Erzähler. 

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Wolf Haas, geboren 1960, ist zehn Jahre jünger als seine Romanfigur Simon Brenner.  Bild: galore

Brenner hat ja immer mal wieder so Aggressionen. In «Brennerova» zum Beispiel gegen den Rotlichtphilosophen Gruntner und zwar nur, weil es ihn nervt, wie der dasitzt und dreinschaut. Kennen Sie das von sich selbst auch? Gibt es jemanden, den Sie gern mal so richtig vermöbeln würden?
Grundsätzlich hab ich ein Problem mit überheblichen Schnöseln. Aber im Fall vom Gruntner war's sogar eher umgekehrt: Ich mach mir manchmal den Spass mir vorzustellen, was der Brenner über mich denkt. Dieser unsympathische Rotlichtphilosoph ist darum ein bissl ein Alter Ego von mir. Mir ist auch oft schon aufgefallen, dass bei allen Professionen gewisse Ähnlichkeiten bestehen. An Literaturfestivals zum Beispiel, wenn man da eine Gruppe von Schriftstellern sieht, kann man schon Aggressionen kriegen, weil alle sitzen irgendwie gleich da, alle bewegen sich gleich, jeder ist wahnsinnig bemüht um Individualität und trotzdem entkommt man diesem Gruppensyndrom nicht.  

«[...] in Wahrheit sind einem die Leute doch unsympathisch, weil sie so dasitzen. Dasitzen und Dreinschauen, das sind die Hauptgründe, warum einem jemand zuwider ist.» 

Aus Haas' «Brennerova».

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Max Frisch passt exakt auf Wolf Haas' Beschreibung von Autoren-Fotos: «Autoren sitzen auf den Fotos auch immer gleich da, sie sind immer so wahnsinnig nachdenklich und früher haben sie sich immer mit Pfeife ablichten lassen.» Bild: wikipedia

Zusatzlesung Wolf Haas

Sollten Sie Wolf Haas verpasst haben, dann können Sie das nachholen und zwar am Montag, dem 29. Dezember im Kaufleuten. 
Hier gehts zu den Tickets.

Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller oder ein literarisches Vorbild? Jemanden, dessen Stil Sie bewundern?
Ich zuck immer zusammen, wenn ich ein Interview lese von einem anderen Schriftsteller und der sagt: «Angefangen hat es – wie bei jedem Autor – damit, dass ich sehr gern gelesen hab.» Bei mir war das nicht so. Ich habe lesen gehasst, bis ich achtzehn war. Ich hab einfach nicht gern gelesen. Eigentlich hats mich deprimiert, ein Buch zu lesen. Das erklärt auch, warum ich so schreibe und nicht anders. Ich hab immer das Gefühl, ich muss ordentlich umrühren, damit ein Buch erträglich wird. 

Ich habe die Ideologie, dass man Dinge besser beschreiben kann, wenn man nicht zu viel drüber weiss. 

Sie meinen jetzt vor allem die sprachliche Ebene? 
Ja, weil eigentlich habe ich kein literarisches Vorbild, sondern es ist mehr das Geredete, das mich interessiert. Die Sprache einer Region, wo viel Dialekt gesprochen wird. Es wird ganz anders geredet als geschrieben. Auch hier in Zürich. Alle Leute reden Hochdeutsch mit mir und wenn dann wer Dritter dabei ist, dann wechseln sie ins Schweizerdeutsche. Und dann sind's völlig andere Personen. Augenblicklich andere Charaktere. Der Gesichtsausdruck, die Emotionen, alles wird sofort total anders. Das fasziniert mich. 

Trotz oder gerade wegen der Mündlichkeit in der Sprache sind Ihre Bücher aber doch sehr literarisch. 
Ich interessiere mich ja auch sehr für die künstlerischen Aspekte. Mir gefällt an meinen Büchern, dass sie so ein bissl schimmern zwischen dem Lustigen, was das Lesen leichter macht, und dem Künstlerischen. Sie sind nicht eindeutig positioniert, weshalb man sie auf die eine oder andere Weise lesen kann. 

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Hach, der Brenner (Josef Hader in «Der Knochenmann»). gif: watson

Wenn man Ihre Bücher so liest, könnte man denken, das kommt so spontan daher. Als ob Sie die ganzen Assoziationsketten einfach so herunterschreiben würden. 
Ich habe die Ideologie, dass man Dinge besser beschreiben kann, wenn man nicht zu viel drüber weiss. Das ist wie beim Kochen, es kommt wahnsinnig auf die Dosierung drauf an. Wenn man gar nichts weiss, dann kann man natürlich nicht schreiben, aber wenn man zu viel über die Sache weiss, dann wird man so eingeengt, man traut sich nicht mehr, man schreibt zu dokumentarisch. Deshalb recherchiere ich oft erst hinterher. Zum Beispiel beim Operationskapitel. Das hab ich so geschrieben, wie ich's mir vorgestellt hab und erst danach hab ich einen Arzt gebeten, mir die gröbsten Fehler zu verraten. Das find ich viel interessanter. 

«Die Superchirurgen mit ihren Superweibern und mit ihren Rolex-Uhren und mit ihren Porsche-Oldtimern und mit ihren Tattoos. Eingebildete Affen alle miteinander. Und wie sie immer alle getan haben, als würden sie die Ärzterankings gar nicht lesen. Als hätten sie null Interesse daran.»

Aus Haas' «Brennerova»

Wenn Sie mögen, könnten Sie mir vielleicht den Brenner zeichnen? watson ist ein bildlastiges Portal – da hab ich gedacht, es wär vielleicht schön, wenn Sie etwas für uns malen könnten.
Ich zeichne Ihnen was anderes. Jemand hat mir als Kind einmal einen Trick gezeigt und der ist eigentlich gar nicht so schlecht. 

Wolf Haas zeichnet ...

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«Und da kommen dann noch so Ärmchen raus», war der herzige Kommentar zum Hasen vom Haas, den er aus einem Notenschlüssel herausgezaubert hat (und der jetzt für immer und ewig in meinem Notizbuch ist!). Bild: watson 

Wolf Haas ist schon Ihr richtiger Name?
Ja, witzigerweise. Aber es war gar nicht komisch gemeint. Und wenn ihr schon so ein bildlastiges Portal habt, haben Sie schon mal den Umschlag von «Brennerova» runtergenommen? 

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Unter dem Buchumschlag von «Brennerova» offenbart sich nämlich etwas ganz Wundervolles: hinten ein Hase, vorne ein Wolf.  bild: watson



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