Ich habe mich tausendmal über Paare lustig gemacht, die samstags mit langen Gesichtern durch die endlos langen Gänge des schwedischen Möbelhauses spazierten. Zwischen ihnen lagen mindestens zwei Meter, Frau zu 99% vorne, Typ hinter ihr.
Am lustigsten fand ichs jeweils da beim Geschirr und den Kerzen und den Plastikblumen und dem ganzen Shit, den man da halt kaufen kann. «Schatz, lueg, das isch doch es herzigs Laternli für d'Stube!?» Nicht ein Mal habe ich es erlebt, dass «Schatz» das Laternli auch «herzig für d'Stube» gefunden hat.
Ich war meist alleine da. Oder mit einer Freundin. Von mir aus mit meiner Mutter. Aber noch nie mit einem Mann.
Bis neulich.
Weil es Sandro und ich ja tatsächlich in Betracht ziehen, irgendwann zwischen sofort und dem Altersheim zusammenzuziehen, schicken wir uns immer wieder mal Links zu Möbeln, Bildern, Esstischen und Stühlen.
Meine Links führen zu 100 Prozent zu mehrheitlich bunten Möbeln. Und zu bunten Bildern. Oder zu einem Planeten-Mobile. Find ich lustig. Meine vorgeschlagenen Sofas bieten enorm viel Platz zum Rumhängen. Gerade sitzen ist da nicht. Aber wer braucht schon ein Sofa, auf dem man gerade sitzt, die Füsse auf dem Boden?
Sandro. Kein Witz. Er mags total klassisch. Schwarzes Ledersofa. Metallgestell. Simpel. Praktisch. Und sauunbequem, find ich. Zum einen. Zum anderen finde ich, schwarze Möbel strahlen etwas Depressives aus.
Sandro hingegen findet buntes Zeugs «Kindergeburtstag».
Warum wir uns dennoch einen Samstag in die blau-gelbe Hölle begeben, weiss ich nicht. Eventuell, weil wir denken, dass wir uns finden, wenn wir Möbel live sehen.
Wir finden uns nicht. Wir verlieren uns. Wir verlieren uns in uns, in all diesen gestellten Räumen, in all dem Trubel, in all den unglücklich wirkenden Paaren hier und wir verlieren uns vor allem in diesem Labyrinth.
Es ist hell, grell, unsexy. In der Wohnzimmerabteilung bleibe ich in einem Raum stehen, der viel dunkelgrün, Holz und einen hübschen Teppich beinhaltet. Ich bleibe stehen, sehe Sandro und mich auf dem Sofa. An der Wand eine Tapete. Ein Dschungel. Flamingos. Irgend so was. Sandro steht nun neben mir: «Shit, welcher Tubel wird für so viel Geschmacklosigkeit bezahlt?»
Ich ranze ihn an. Er ranzt zurück.
Dann zeigt er mir «sein» Wohnzimmer. Schwarz, weiss, Metall. Mir läufts kalt den Rücken runter. Sei wie der Warteraum einer Arztpraxis, sag ich. Er sagt, er wills so. Ich sag, ich wills so nicht. Dann folgen noch ein paar unschöne Worte, bevor das grosse Stillschweigen reinhaut.
Und so spaziere ich zwei Meter vor Sandro durch die Gänge. Ich bin ultra hässig, er ultra angepisst. Ich bin jetzt genau das, was ich immer bemitleidet und ausgelacht habe.
Bei den Kerzen und Laternen will er die Eiszeit brechen und haucht mir ein «das alles chasch au grad vergässe» ins Ohr. Soll lustig sein. Ist es nicht. Ich hasse Duftkerzen und Laternen und Plastikblumen, sage ich. Und ich hasse dich. Und all die anderen Paare. Dieses Haus. Die Idee des Zusammenzugs und sowieso und überhaupt weisst du was, Sandro? Machen wir doch grad Schluss!
Ob wir vorher aber noch rasch Hot Dogs essen können. Und das geile Glacé, obs das noch gibt? «Und Ems, komm, wir füllen den Trinkbecher total illegal zwei Mal». Bonnie und Clyde, du und ich.
Ich muss ganz kurz nur ein ganz wenig lächeln.
Auf dem Heimweg fahre ich. Sandro sitzt unentspannt daneben. Und weist mich auf jedes Rotlicht, jeden Rechtsvortritt, ach, auf jeden Grashalm am Strassenrand hin.
Ich überlege, was mich hässiger macht: die Fahrt oder der Shoppingtrip. Oder doch die leeren Bierdosen, die sich sowohl auf meinem als auch auf Sandros Balkon tummeln?
Mich macht alles grantenkrasshässig.
Ich sag, ich werf ihn aus dem Auto, wenn er nicht aufhört. Ich habe schliesslich selber Augen im Kopf und den Führerschein nicht erst grad seit gestern. «Merkt man nicht», murmelt er.
Ich fahre rechts ran und werf ihn raus.
Phaa, was für ein dramatischer Filmmoment. Könnte eine Szene aus «Top Gun» sein. Als Maverick so mega hässig mit dem Töff rumfährt. Während «Take My Breath Away» läuft.
Dass sich unsere Szenerie maximal 80 Meter vor Sandros Haustüre abspielt, lassen wir ausser Acht.
Und bleiben heute einfach dramatisch hässig. Und ziehen nie zusammen. Auch nicht in die geile dreistöckige Wohnung am Fluss, die wir am Dienstag anschauen gehen. Sicher nicht. Phaa.
PS: Als ich das letzte mal dort war durft man die Becher ganz offiziell so oft nachfüllen wie man wollte
Habe zuerst gemeint, dass sei der heutige Beitrag von Emma.