Bereits am zweiten Tag verteilten Humm und sein Team 2017 Portionen Essen an New Yorks Bedürftige. Das war am 4. April. Die Kapazität seiner Küche beträgt 3000 Portionen. 3000 Mahlzeiten also für Obdachlose, Alte, Kranke und für das Sanitätspersonal, das jetzt in New Yorks gespenstischen Strassen unterwegs ist. Daniel Humm ist Chef einer Gassenküche und stolz darauf, denn, so sagt er, New York habe ihm alles gegeben, jetzt sei es an der Zeit, der Stadt so lange etwas zurückzugegeben, bis sie wieder aufstehen könne.
Gelernt hat er seinen neuen Job als Gassenkoch von Strassenarbeitern, eine Umschulung, die fundamentaler nicht sein könnte. Denn der 44-jährige Humm hat schon alles gehabt oder gesehen: Seine Liebste ist Laurene Powell Jobs, Milliardärin und Witwe von Steve Jobs, sein guter Freund heisst Roger Federer, er hat eine Therapie nach C.G. Jung (als Achtjähriger) und eine Psychoanalyse nach Sigmund Freud (drei Wochen lang fünf Stunden täglich, nach einem Burnout letztes Jahr), hinter sich. Er bewirtet normalerweise Leonardo DiCaprio oder Meghan Markle.
Als sein Restaurant Eleven Madison Park 2017 zum besten der Welt gewählt wird, steigen seine eh schon hohen Preise hoch und höher, bis sie irgendwann 700 Dollar für eine Person erreichen, mit Weinbegleitung 1100. Der Schulabbrecher Daniel Humm aus dem aargauischen Strengelbach, der als Kind Krach mit dem Lehrer kriegte, weil er behauptete, dass ein normales Zeichenblatt zu klein sei, um darauf einen Wolkenkratzer unterzubringen, ist der kulinarische King of New York.
Wenn man ihm gelegentlich am Fernsehen begegnet, in Kochshows wie «MasterChef», wo die BBC hoffnungsvollen Profinachwuchs zu den prominentesten Köchinnen und Köchen der Welt und immer auch wieder einmal zu Daniel Humm schickt, dann ist er der freundlichste, ruhigste, bescheidenste Superstar, den man sich vorstellen kann. Geradezu ein Tom Hanks des Fine Dining.
Als 27-Jähriger kommt Humm nach Amerika und schon bald lautet sein Slogan: «Make it nice.» Nicht «Make food great again» oder «Make it perfect». Nur nice. Weil Essen Freude machen soll. 2003 beginnt er seine amerikanische Karriere in San Francisco, 2006 zieht er nach New York und kocht im Eleven Madison Park, 2011 hatte er drei Sterne und so weiter. Natürlich ist er nicht nur nice. Natürlich ist er auch ein komplett Besessener.
Am 12. März 2020 verrät er der «Schweizer Illustrierten» in einem Interview: «Ohne arrogant klingen zu wollen: Ich möchte das Google der Restaurantindustrie sein.» Sein Leben, seine Wohnung am Central Park, sein Restaurant, seine Gerichte – ein Triumph der raffiniert verfeinerten Ästhetik.
Am 15. März zwingt die Corona-Pandemie Humm, sein Restaurant zu schliessen und 300 Mitarbeitende zu entlassen. «Eine andere Möglichkeit gibt es für Gastronomiebetriebe nicht. Wir bezahlen enorme Mietzinsen und allein die Lohnsumme für unsere Mitarbeiter beträgt 600'000 Dollar im Monat», erklärt Humm dem Gault Millau. Zuerst macht er eine Versteigerung, bei der man Kunst gewinnen kann oder einen Abend mit ihm, um seinen Leuten eine kleine Entschädigung geben zu können. Die Versteigerung ist ein Riesenerfolg.
Und dann kommt alles zusammen: Das Bedürfnis etwas zu tun, der Zusammenbruch von New York, der Corona-Tod eines nahen Freundes. Er tut sich mit der Wohltätigkeitsorganisation Rethink zusammen, die sich um die Verteilung überschüssiger Lebensmittel an Bedürftige kümmert, gewinnt American Express als Sponsor und legt mit zwölf Leuten zusammen los. Sie haben 500'000 Dollar gesammelt, damit können sie in den kommenden Wochen 100'000 Essen kochen.
«Wir sind gesegnet, ein schönes und geräumiges Restaurant und eine Küche zu haben, wir haben ein Team, das arbeiten und kochen möchte, die Stadt braucht Lebensmittel, um den Bedürftigen zu helfen», schreibt Humm am 2. April zur Eröffnung seiner Gassenküche auf Instagram, «ich glaube, dass der Sturm noch eine Weile anhalten wird, und wenn wir nur ein bisschen was tun können, werden diese dunklen Tage ein wenig heller.»
Seither kochen er und sein Team täglich (die vermutlich weltbeste) Bolognese-Sauce und andere Mahlzeiten für Tausende und abends gibt er denen, die den ganzen Tag an seiner Seite gestanden haben, genügend frische Lebensmittel mit nach Hause, damit sie nicht einkaufen gehen müssen.
Das ist eine richtig gute Sache. Das ist vorbildlich. Und vielleicht nimmt sich ja auch der eine oder andere unserer TV- und Spitzenköche an Humm ein Beispiel und kocht für jene, die es am meisten brauchen, anstatt via Social Media Durchhalteparolen und Rezepte aus der Sicherheit der heimatlichen Luxusküche zu senden. Denn schliesslich bedeutet Kochen am Ende, sich und andere am Leben zu halten. Alles weitere ist Beilage.
Jake Peralta
banda69
fritzbrause