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«Am Ende geht es immer um eine Frage, bin ich der Fehler – oder

«Am Ende geht es immer um eine Frage, bin ich der Fehler – oder bist du es?»

Warum fühlen sich so viele Menschen minderwertig? Die Psychologin Stefanie Stahl erklärt, wie frühe Prägungen unser Leben bestimmen.
10.04.2026, 18:5810.04.2026, 18:58
Dominik Widmer / ch media
Father comforting his crying baby son. Father comforting his crying baby son, holding him in arms. model released
Wenn ein Baby getröstet wird, wirkt sich das positiv aufs Bindungsverhalten aus, sagt Psychologin Stahl.Bild: IMAGO

Hört man heute Diskussionen darüber, was eine gute Erziehung ausmacht, klingt das wahnsinnig kompliziert. Ist gute Erziehung wirklich so schwierig?
Stefanie Stahl: Vieles davon finde auch ich tatsächlich übertrieben. Was mich irritiert, ist die Ambivalenz: Während man über verschiedenste Methoden diskutiert, gibt man gleichzeitig sein Kind mit drei Monaten in die Kita. Das ergibt für mich keinen Sinn. Denn in den ersten Lebensjahren sind zwei Faktoren absolut entscheidend: Liebe und physische Präsenz. Der Bindungsaufbau muss sicher sein, wenn Kinder früh in die Kita gehen.

Andererseits fühlt es sich heute leicht nach einer Überforderung an, Beruf und Familie zu vereinbaren. Man hat den Anspruch, in allen Bereichen richtig zu handeln – in der Karriere, in der Familie, im Freundeskreis.
Die Überforderung sehe ich. Und sie hat eine grosse gesellschaftspolitische Dimension. Frauen wollen zu Recht nicht immer die sein, die bezüglich Karriere in den sauren Apfel beissen müssen. Aber die Strukturen sind noch nicht so, dass sich alles gleichmässig aufteilen lässt. Und biologisch bleibt natürlicherweise eben doch vieles schlussendlich an den Frauen hängen.

Die Psychologin
Stefanie Stahl (62) ist eine deutsche Psychologin und Autorin. Sie wurde 2016 über Deutschland hinaus bekannt mit ihrem Bestseller «Das Kind in dir muss Heimat finden». Für ihre Ratgeber wurde Stahl teilweise kritisiert, sie seien zu pseudowissenschaftlich.
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Bild: https://www.stefaniestahl.de/ueber-mich/

Dies alles macht es für viele aus meiner Generation wohl so schwierig, zu entscheiden, ob man wirklich Kinder will oder nicht. Sie haben sich dagegen entschieden.
Ich hatte einfach nie einen Kinderwunsch. Das geht etwa 20 Prozent der Frauen und Männer so. Natürlich fände ich es heute schön, erwachsene Kinder zu haben, die mich besuchen. Aber ich war nie bereit, den Preis der ersten Jahre zu bezahlen.

In Ihren Büchern schreiben Sie von vier Grundbedürfnissen, die wir unseren Kindern mitgeben sollten.
Genau. Diese Grundbedürfnisse treiben uns ständig an. Ohne das erste Grundbedürfnis, die Bindung, sind wir nicht überlebensfähig. Jeder Mensch hat das Bedürfnis, dazuzugehören. Autonomie ist das zweite Grundbedürfnis. Wir wollen unser Leben selbst bestimmen und Einfluss haben.

Was sind die Grundbedürfnisse Nummer drei und vier?
Das dritte Grundbedürfnis ist Selbstwert. Niemand wird gern gekränkt oder abgelehnt. Wir tun sehr viel, um unseren Selbstwert zu stabilisieren. Und das vierte ist, dass wir unangenehme Gefühle vermeiden wollen – Angst, Trauer oder Ohnmacht.

Warum sind diese Bedürfnisse so universell?
Weil die Evolution uns so geformt hat. Wir könnten sonst gar nicht miteinander leben. Die Evolution will, dass wir überleben und unsere Gene weitergeben. Dafür brauchen wir Bindung, aber auch Abgrenzung. Und wir brauchen Selbstwertgefühle, damit wir uns anpassen können. Scham ist zum Beispiel ein starkes Mittel der Natur, damit wir uns an gesellschaftliche Normen halten. Man muss sich nur vorstellen, was passieren würde, wenn niemand Scham empfinden würde.

Ein bisschen kann man sich das vorstellen – es gibt ja Politiker, bei denen man sich fragt, ob sie dieses Gefühl haben.
Denen fehlt vor allem Selbstreflexion. Die Welt wäre tatsächlich eine andere, wenn mehr Menschen selbstreflektiert wären. Das ist ein Schlüssel zur Lösung vieler Probleme. Selbstreflexion bedeutet auch, dass man Kontakt zu seinen Gefühlen hat. Wer fühlen kann, kann auch mitfühlen. Und genau daran mangelt es oft. Viele Grausamkeiten entstehen aus fehlendem Mitgefühl – und das hängt oft damit zusammen, dass Menschen von ihren Gefühlen abgeschnitten sind.

Was heisst das konkret?
Wenn man als Kind viel Schmerz erlebt, gewöhnt man sich daran, ihn nicht mehr zu spüren. Ein Beispiel: Ein Säugling schreit, aber niemand kommt. Irgendwann hört er auf zu schreien. Solche Menschen sind später oft abgeschnitten von ihren Gefühlen. Wer wenig Kontakt zu sich hat, hat oft auch wenig Körperbewusstsein – das ist auch typisch bei Burnout. Burnout-Betroffene sind oft überangepasst und spüren ihre Grenzen nicht.

In diesem Zusammenhang sprechen Sie oft vom Schattenkind: unseren negativen Prägungen aus der frühen Kindheit.
Ja. Das Schattenkind ist das innere Kind. Ein altbewährtes Konzept in der Psychologie. Es steht für die Kindheitsprägungen, die sehr stark in unserem Gehirn verdrahtet sind. Sie bestimmen unser Selbstbild. Und das hat einen grossen Einfluss darauf, wie wir andere Menschen wahrnehmen, wie wir uns fühlen und wie wir uns verhalten.

Das innere Kind. Denken an Geschichten, Traumas, Erfahrungen
Wenn wir freier werden wollen und uns nicht mehr von alten Prägungen steuern lassen wollen, müssen wir zuerst verstehen, wie wir überhaupt geprägt wurden.Bild: IMAGO

Können Sie ein Beispiel machen?
Der kleine Michael hat Brüder und seine Eltern haben eine Bäckerei. Er fühlt sich oft zu kurz gekommen. Das hat ihn geprägt. So ein Lebensgefühl von: Ich komme zu kurz, ich bin nicht wichtig, ich muss funktionieren. Mit diesem inneren Programm wird er gross. Und es passiert ihm häufig, dass jemand etwas vergisst, was ihm wichtig ist, oder dass er das Gefühl hat, man hört ihm nicht richtig zu. Dann wird dieses Schattenkind in ihm getriggert.

Was passiert dann?
Er spürt einen Schmerz, darauf folgt Kränkung und dann schnell Wut. Wenn er bei seiner Freundin ist, gibt es regelmässig Streit – wegen Kleinigkeiten. Wenn wir freier werden wollen und uns nicht mehr von alten Prägungen steuern lassen wollen, müssen wir zuerst verstehen, wie wir überhaupt geprägt wurden. Michael müsste verstehen: Ich werde deshalb so schnell getriggert, weil dieses alte Gefühl in mir ist, nicht wichtig zu sein. Aber ich bin heute erwachsen. Und meine Freundin liebt mich – sonst würde sie das alles nicht mitmachen.

Und Sie sagen ja, die Kernfrage ist immer: Bin ich der Fehler oder bist du der Fehler?
Genau. Es geht am Ende des Tages wirklich nur um diese eine Frage. Soll ich erklären, was dahintersteckt?

Gerne.
Wenn man klein ist und die Eltern – aus welchen Gründen auch immer – überfordert sind, denkt das Kind nie: Mama und Papa sind überfordert. Oder: Die haben vielleicht selbst ein Problem. Das Kind denkt immer: Ich bin falsch, ich bin nicht okay. Wenn ich besser wäre, wären Mama und Papa auch lieber. Deshalb bringen Kinder grosse Anpassungsleistungen, um den Eltern zu gefallen und nicht abgelehnt zu werden. Sie gehen immer davon aus, dass der Fehler bei ihnen liegt.

Wie heilt man das?
Der wichtigste Schritt ist zu verstehen: Mama und Papa haben Fehler gemacht. Aber ich bin als Kind völlig richtig auf die Welt gekommen. Es wäre ihre Aufgabe gewesen, mir das zu vermitteln – nicht meine Aufgabe, mich so anzupassen, dass sie mich lieben können.

Sind also die Eltern an allem schuld?
Nein, das ist nicht meine Botschaft. Es geht darum, dass ich im tiefsten Inneren verstehe, dass ich okay bin. Viele opfern ihren Selbstwert für die Bindung und Loyalität zu ihren Eltern. Sie bleiben lieber bei «ich genüge nicht», als sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Für eine gesunde Lösung braucht es aber auch Trennungsaggression – also Wut, um sich abzugrenzen. Aggression ist das Gefühl, das uns hilft, uns zu behaupten und Grenzen zu setzen.

Also Sie sagen: Es gibt Momente, in denen wir wütend auf unsere Eltern sein sollten?
Teenager tun das mühelos. Aber wenn die Autonomieentwicklung eingeschränkt war, fällt das später schwer. Dann braucht es manchmal bewusst diese Abgrenzung, zu sagen: «Das war Mist, was ihr da gemacht habt.» Das schönste Geschenk ist, wenn Eltern sagen: «Ja, wir würden heute manches anders machen.» Das tut der Beziehung sehr gut.

Haben Sie sich als Teenagerin von Ihren Eltern abgelöst?
Ja, ich war ziemlich wild. Aber ich hatte das Glück einer sicheren Bindung. Wenn du dich geliebt fühlst, kannst du die Beziehung auch strapazieren.

Hören Sie das ganze Interview mit Stefanie Stahl im Podcast «Widmerei». (aargauerzeitung.ch)

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