«Nicht Ihre Schuld»: Swissmedic untersucht Werbung für Abnehmspritzen
Eine übergewichtige Frau im Sporttenue setzt zum Lauf an, doch ein gelbes Stretchband hält sie zurück. Darunter prangt die Botschaft: «Adipositas ist nicht ihre Schuld.»
Dieses Sujet hängt derzeit an unzähligen Plakatwänden und an digitalen Werbesäulen, zum Beispiel am Zürcher Hauptbahnhof. Auf den ersten Blick könnte man es für eine Gesundheitskampagne einer offiziellen Stelle halten. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt den Absender: Es ist der US-Pharmakonzern Eli Lilly, der auch hierzulande seine Abnehmspritze Mounjaro verkauft.
Mit der Kampagne betont die Pharmafirma, dass Übergewicht eine komplexe Krankheit ist. Genetik, Ernährung, aber auch Umwelteinflüsse spielten eine Rolle. Manche Menschen litten etwa an einem erhöhten Hungergefühl, das sich nicht bewusst steuern lasse. Eli Lilly schreibt deshalb auf der Webseite zur Kampagne: «Vielleicht fehlt Ihnen das entscheidende Puzzleteil, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.»
Raul Schlegel von Eli Lilly Schweiz führt auf Anfrage aus: «Viele Menschen, die an Adipositas leiden, erkennen ihren Zustand nicht als chronische Erkrankung, die einer medizinischen Behandlung bedarf, sondern nehmen ihn als Lebensstilentscheidung oder persönliches Versagen wahr.» Deshalb habe man die «Krankheitsaufklärungskampagne» lanciert, um diesem Stigma entgegenzuwirken.
Swissmedic leitet eine Prüfung ein
Zwar verweist die Firma auf ihrer Webseite darauf, dass man zur Beratung einen Arzt aufsuchen sollte. Und nirgends wird die Abnehmspritze offensiv empfohlen. Zwischen den Zeilen wird aber deutlich: Das entscheidende Puzzleteil, das ist aus Sicht der Firma die Abnehmspritze von Eli Lilly.
Das Heilmittelinstitut Swissmedic hatte bis vor Kurzem keine Kenntnis von der Kampagne. Die Behörde kontrolliert regelmässig, ob Arzneimittelwerbung den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Als CH Media nachfragt, ob die Inhalte von Eli Lilly zulässig sind, reagiert die Behörde. Man werde eine Prüfung einleiten, sagt ein Sprecher. Weitere Details nennt er nicht.
Wie Pharmafirmen hierzulande ihre Produkte bewerben dürfen, ist streng reguliert. Nicht erlaubt ist Reklame in der breiten Öffentlichkeit für Medikamente, die nur auf ärztliches Rezept erhältlich sind. Dazu gehören auch die immer beliebteren Abnehmspritzen.
Erlaubt ist indes Publikumswerbung für nicht rezeptpflichtige Medikamente. Diese darf nicht irreführend sein und nicht zu einem übermässigen Konsum verleiten. Swissmedic kann eine Korrektur der Werbung verlangen, sie verbieten oder gar ein Strafverfahren einleiten. Es drohen Bussen von bis zu 50'000 Franken.
Eli Lilly ist überzeugt, dass die Kampagne «allen anwendbaren Gesetzen, Vorschriften und Branchenkodizes entspricht». Der Konzern ist der Ansicht, dass es sich nicht um eine Arzneimittelwerbung handelt, die unter das Heilmittelgesetz fällt. Sondern um eine Aufklärungskampagne, die «nicht werblicher Natur» sei. Nun muss Swissmedic entscheiden, ob sie diese Einschätzung teilt.
Körper signalisiert Hunger trotz Fettreserven
Marco Bueter, Chirurg am Spital Männedorf und Adipositas-Spezialist, begrüsst die Kampagne. «Sie vermittelt jene Botschaft, die wir seit 20 Jahren ohne grossen Erfolg zu verbreiten versuchen: Adipositas ist keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit.» Es sei ein weitverbreiteter Irrglaube, dass dicke Menschen sich grundsätzlich ungesund ernährten und sich zu wenig bewegten.
«Das Essverhalten ist nicht allein die Ursache, sondern symptomatischer Teil des Krankheitsgeschehens», stellt Bueter klar. Hunger, Sättigung und Stoffwechsel würden durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und Umweltfaktoren gesteuert. So gebe es Menschen mit einem verminderten Sättigungsgefühl oder einem verstärkten Hungerimpuls.
Dahinter können unter anderem Störungen in der hormonellen Regulation stehen, etwa eine verminderte Sensitivität gegenüber Sättigungssignalen wie dem Hormon Leptin. In solchen Fällen signalisiert der Körper trotz ausreichender Energiereserven weiterhin Hunger.
Für Bueter ist es deshalb sinnvoll, diesen Patientinnen und Patienten auch medikamentös zu helfen. Er versteht, dass Eli Lilly als Absender der Kampagne in Verdacht stehen könne, primär eigene Produkte bewerben zu wollen. Tatsächlich sind Abnehmspritzen für den Konzern ein Milliardengeschäft, insbesondere in den USA. Seit Anfang Jahr bezahlen auch die hiesigen Krankenkassen die Spritze Mounjaro von Eli Lilly.
Das kommerzielle Interesse schmälere aber nicht den Wert der «absolut richtigen Botschaft, dass die Betroffenen nicht schuld an ihrem Gewicht sind», sagt Bueter. Dies sagt er auch als Chirurg, der etwa Magenverkleinerungen durchführt. «Ich habe keine Angst, durch Medikamente ersetzt zu werden. Wenn wir weniger operieren müssen, ist das ein Zeichen dafür, dass die Menschen gesünder sind.»
Neben Eli Lilly hat auch der dänische Pharmariese Novo Nordisk kürzlich eine Offensive gestartet, um über die Ursachen von Adipositas aufzuklären. Dazu hat die Firma zusammen mit der Migros-Plattform Impuls eine Bevölkerungsumfrage durchgeführt.
Die weltweit führenden Hersteller von Abnehmspritzen konkurrieren nicht mehr nur um die neueste Generation der Abnehmmedikamente, sondern auch um den Vorrang bei der medizinischen Aufklärung.
