Also, ich geniesse meine Midlife-Crisis in vollen Zügen. Ihr so?
Ursprünglich sollte dies eine humoristische Auflistung peinlicher Midlife-Crisis-Anekdoten werden. Ein Aufruf an alle, uns die lustigsten Auswüchse akuter Midlife-Krisen zu erzählen, die ihr in euren Familien- und Bekanntenkreisen beobachten durftet. Etwa: Die Tante, die sich als Yoga-Influencerin neu erfunden hat und dies nun plötzlich ihre ganze Identität ist. Der Onkel, der jedes verdammte Wochenende mit seinem High-End-Rennvelo Pässe fährt. Oder der geschiedene Vater, dessen neue Freundin jünger als seine Tochter ist.
Ihr versteht. Ein Cringe-Fest.
Doch bereits beim Konzipieren kamen Bedenken auf. Etwa vonseiten meiner Ressortleiterin Madeleine (einer Dame, notabene, die altersmässig noch weit, weit entfernt von jeglicher Midlife ist). Etwas sehr Grundlegendes störte:
Die Tatsache nämlich, dass das Konzept Midlife-Crisis ausschliesslich negativ konnotiert ist. Eine Midlife-Crisis gilt als peinlich und ist demnach tunlichst zu vermeiden, wenn man auch nur ein Minimum an Selbstachtung besitzt.
Aber: Diesem Grundsatz folgend, dürfte ja ab einem gewissen Alter sich niemand mehr verändern.
Was ja hanebüchen wäre.
Denn ja, logo, natürlich dürfen Menschen sehr wohl neue Interessen entwickeln, neue Hobbys entdecken, neue Karrierewege einschlagen, neue Haustiere, Töffs, Kleiderstile oder Liebschaften sich zulegen. Und zwar in jedem noch so fortgeschrittenen Lebensalter. Solange dies nicht zum Nachteil anderer geschieht, wer hat das Recht, über jemanden zu urteilen, der Freude, Spass oder einen Sinn in seinem Leben entdeckt hat?
Ich für meinen Teil stürzte mich bereits mit Anfang 40 mehr oder minder bewusst in meine Midlife-Crisis. Mit «bewusst» meine ich, dass ich mich gründlich damit auseinandersetzte, was es mit meiner Lebenskrise (nennen wir das mal so) auf sich hat. Ich kam zum Schluss, dass zwei Faktoren ausschlaggebend waren: ein tiefer Wunsch nach Veränderung und die Sorge, dass mir später die Energie und der Mut dafür fehlen würden, sollte ich diese Veränderung nicht jetzt herbeiführen.
Womit mir klar wurde, dass daran nichts Verwerfliches ist. Ja, vielleicht ist der «Crisis»-Teil des Begriffs etwas tendenziös (es gibt Vorschläge, ihn mit «Update» oder «Reset» oder «Opportunity» zu ersetzen, was wiederum tendenziös auf eine andere Art wäre). Aber letztendlich ist der Sachverhalt etwas sehr Nachvollziehbares und zutiefst Menschliches: Leben! Jetzt!
Und was wird von Psychologinnen und Psychologen als eine der grundlegenden Ursachen genannt? Na, was wohl: die Auseinandersetzung mit der eigenen unvermeidlichen Sterblichkeit. Da haben wir es.
Somit sollten wir doch der 50-jährigen Mami ihren neu erworbenen Influencer-Status gönnen, nicht? Gönnen wir dem 50-jährigen Papi sein neu erworbenes Cabriolet. Und ja, gönnen wir beiden ihr neu ausgerichtetes Liebesleben.
An dieser Stelle sollte man erwähnen, dass das Phänomen «Midlife-Crisis» von der Wissenschaft nach wie vor debattiert wird. Von psychologischer Seite ist alles nachvollziehbar und erklärbar (der Begriff selbst wurde erstmals 1957 vom kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques geprägt). Von medizinischer Seite aber weniger, da Faktoren wie etwa das Klimakterium bestenfalls Korrelationen sind, kaum aber als kausale Ursachen beweisbar. Ebenfalls von Belang ist das Argument, dass das Konzept ein kulturell westliches Konstrukt sei, da sich eine ähnliche Verbreitung etwa im asiatischen Raum nicht feststellen lässt.
Zurück zu meiner persönlichen Erfahrung: Anfang 40 kaufte ich mir also meinen Oldtimer, und ich veränderte nach und nach meine Wohn- und Lebenssituation. In meinem Umkreis stiess das mitunter auf Verwunderung und Unverständnis. Wieso verhält der sich so? Was hat er für ein Problem? Der hat ja 'ne Midlife-Crisis!
Deren Unverständnis war nachvollziehbar. Mein Leben war doch in mehrfacher Hinsicht tipptopp. Somit, ja: Ich hatte offenbar ein Problem. Aber eines, das ich anzupacken beschloss.
So war es für mich. Für andere dürfte es eine komplett andere Erfahrung sein: Manche erleben eine solche Situation schlicht nicht. Sie sind rundum zufrieden, dafür dankbar und sehen keinen Anlass zur Veränderung. Wiederum andere erleben vielleicht eine ähnliche Lebenskrise, aber weniger akut. Mit einer Mitgliedschaft bei einem Sportverein ist die Sache abgehakt.
Und nochmals andere machen eine ähnliche Erfahrung wie ich – aber zehn Jahre später. Oder bereits früher. Oder es fehlt ihnen schlicht der Mut oder die Energie oder die Fantasie, eine Veränderung herbeizuführen. Und nein, dies ist in keinerlei Hinsicht als Schwäche zu deuten, denn gesellschaftlicher oder familiärer Druck sollte nicht unterschätzt werden. Oder der gesundheitliche Zustand. Oder – let's face it – die finanziellen Möglichkeiten. Und am allerwichtigsten: die Sorge um die Betroffenen.
Das ist der Clou. Durchlebt jemand eine Midlife-Crisis als Mitglied einer Familiengemeinschaft, dann wird es unweigerlich unfreiwillige Betroffene geben: Kinder, Ehepartner, Eltern, Betreuer, Geschwister – je nachdem, wie radikal und rücksichtslos jemand eine Veränderung herbeiführen will, kann es Opfer geben.
Und hier liegt wahrscheinlich ein Hauptgrund für die gesellschaftlich akzeptierte Spotthaltung gegenüber einer Midlife-Crisis. Letztere der Lächerlichkeit preiszugeben, wirkt kathartisch gegenüber dem erlebten Schmerz des Verlustes.
Ich habe mein Möglichstes versucht, auf alle, die mir lieb und wichtig sind, Rücksicht zu nehmen. Das hat mal besser, mal schlechter geklappt. Meist besser. I tried.
Zum Schluss noch dies: Gemäss dem Kodex der sozialen Gerechtigkeit ist Spott nach oben zu richten, nicht nach unten. Gegen oben darf man treten. Und arrivierte Männer in den besten Jahren stehen oft ziemlich weit oben in unserer Gesellschaftsstruktur. Wenn sich solche Herren vollumfänglich dem Klischee hergeben und ein Porsche Cabrio kaufen und sich eine 20-jährige Blondine als Freundin zutun, dann werden sie ein legitimes Ziel des Spottes.
Und auch mich – etwas weniger arriviert, uralter Impala statt Porsche; und mit der 20-jährigen Blondine hapert es noch – dürft ihr auslachen: Jö, du mit deiner Midlife-Crisis. Hast es wohl nötig. Aber ich geniesse jede Minute, glaubt es mir. Zehn Jahre danach habe ich bis heute nichts davon bereut.
Soooo cringe.
