Seilbahnunglück, Flugzeugabsturz: Dieser rationale Blick hilft gegen die Angst
Erlauben Sie die makabere Frage: Wenn Sie die Wahl hätten: Würden Sie lieber durch Krankheit oder einen Unfall sterben? Und wenn es denn ein Unfall sein müsste: Wäre es Ihnen lieber, Sie hätten ihn selbst verursacht, jemand anders wäre schuld, es wär durch einen unvorhersehbaren technischen Defekt oder durch eine Naturgewalt geschehen?
Wir müssen diese Fragen nicht beantworten – nur irgendwann sterben. Wie, das entscheidet das Schicksal für uns. Und doch erschüttern uns manche Todesnachrichten – bei denen wir kein Opfer kannten – mehr als andere. Da spielt die Todesursache eine Rolle: Schlagzeilen machen von den schweizweit jährlich 72'000 verstorbenen Personen fast nur jene, die verunfallen. Und das, obwohl selbst die Mehrheit der jüngeren Erwachsenen an Krankheit stirbt: Unfälle machen bei den 45- bis 64-jährigen Frauen und Männern nur einen Anteil von 7 respektive 12 Prozent aus. Bei den 25- bis 44-Jährigen liegt der Anteil dieser Todesursache bei 23 respektive 41 Prozent.
Unter all diesen Unfällen starben laut der Beratungstelle für Unfallverhütung 235 Personen im Strassenverkehr (Jahr 2022). Im öffentlichen Verkehr ereignen sich gemäss den Zahlen des Bundesamtes für Verkehr zwischen 15 und 39 Todesfälle pro Jahr. Zum Vergleich, auch wenn wir pro Jahr weniger Zeit in Gondeln verbringen: Getötet im Zusammenhang mit einer Luftseilbahn wurden innert zehn Jahren (2015 bis 2024) sieben Personen.
Ältere tödliche Seilbahnunglücke ereigneten sich 2008 wegen Föhn auf der Kleinen Scheidegg (ein Toter, drei Verletzte), 1999 wegen Sturm Lothar im Skigebiet Crans-Montana (zwei Tote, drei verletzt), 1996 auf der Riederalp wegen Achsenbruch (ein Toter, 18 Verletzte), 1979 auf der Melchsee-Frutt (ein Toter, fünf Verletzte», 1972 Gondelabsturz bei der Bettmeralp (12 Tote).
Warum bleiben uns solche Unglücke in Erinnerung, aber viel weniger beispielsweise die tödlichen Unfälle beim Wandern (2024: 38), beim Schwimmen im öffentlichen Gewässer (28) oder Bootfahren (11)? Oder nich jene 350 tödlichen Stürze, die sich laut Unfallstatistik jährlich zuhause ereignen?
Es spielt eben doch eine Rolle, ob wir dem Ereignis ohnmächtig und unverschuldet ausgeliefert sind oder ob wir das Risiko ein Stück weit selbst in der Hand hatten. Haben wir eine Gondel oder ein Flugzeug einmal bestiegen, können wir erst am Ziel wieder aussteigen – bis dahin sind wir eingeschlossen. Ein Defekt ist schnell tödlich. Die Chance, selbst etwas daran zu ändern, gibt es hier nicht. Wir können nicht einmal präventiv dafür sorgen, dass es uns etwas weniger schlimm trifft und zum Beispiel einen Helm tragen oder ein Notfallszenario trainieren.
Eingesperrt und ausgeliefert sein ist ein schlimmes Gefühl. Wir können es je nach Typ nur mehr oder weniger leicht ausblenden. Und doch bleiben zwei potente Mittel gegen die Angst.
Die einen rechnen mit Wahrscheinlichkeiten: Wenn wir davon ausgehen, dass es in der Schweiz in zehn Jahren sieben Personen bei einem Seilbahnunglück sterben, dann ergibt das die Wahrscheinlichkeit von knapp 0,001 Prozent, dass wir einmal bei einem Seilbahnunglück sterben müssen.
Das ist etwa so wahrscheinlich, wie vom Blitz getroffen zu werden und daran zu sterben – wie Daten des Forschungsinstitutes für Wald, Schnee und Landschaft zeigen.
Aber man muss nicht unbedingt mit Zahlen um sich werfen, um sich wieder gelassen auf die Berge tragen lassen zu können: Das Urvertrauen, dass auch dieser Tag gut enden wird, hilft ebenso. Es ist okay, schlicht zu denken, «Seilbahnen sind sicher». Nur das etwas überhebliche «besonders in der Schweiz» sollten wir vielleicht weglassen. (fwa)
