Windmessungen werfen Frage auf, warum Titlis-Bahnen noch liefen
Nach dem tragischen Unglück in Engelberg bleiben Trauer und viele offene Fragen zurück. Eine zentrale ist: Warum wurde die Seilbahn trotz des starken Winds nicht früher abgeschaltet? Eine 61-jährige Frau hat beim Gondelabsturz ihr Leben verloren.
Schon kurz nach dem Unglück teilte Meteo Schweiz mit, es sei in der Region am Mittwochmorgen zu einem «kurzen, aber starken Föhnereignis» gekommen. Auf dem 3200 Meter hohen Titlis wurden Böenspitzen von 100 km/h gemessen. Unklar blieb jedoch, ob es weiter unten am Unglücksort auf rund 2000 Metern gleich windig war. Meteo Schweiz verfügt dort über keine eigene Messstation.
Kritische Grenze um 9 Uhr überschritten
Allerdings gibt es auch aus diesem Gebiet Messungen, wie unsere Zeitung erfahren hat. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF betreibt im Titlisboden auf 2149 Metern über Meer eine Messstation. Die Daten zeigen: Während die Durchschnittswerte zwischen 20 und 40 km/h lagen, wurden bereits um 9 Uhr Windspitzen von über 60 km/h gemessen. Die Böen nahmen in der Folge weiter zu und erreichten um 11.30 Uhr mit 96 km/h ihren Höhepunkt. Das Unglück ereignete sich kurz vor 11 Uhr.
Laut den geltenden Sicherheitsvorschriften müsste bei der Gondelbahn Titlis Xpress bei Windgeschwindigkeiten von 40 km/h ein Alarm ausgelöst werden. Den Betrieb gilt es in diesem Fall aufmerksam zu beobachten. Bei 60 km/h kommt es zur sogenannten Windwarnung, sodass die Anlage gestoppt werden muss.
«Eine Spitzengeschwindigkeit von 40 respektive 60 km/h über eine Sekunde reicht aus, um die Warnung oder den Alarm auszulösen», erklärt Michael Müller vom Bundesamt für Verkehr. In der Berg- und Talstation ertönt typischerweise ein akustisches und optisches Signal. Auch wenn der Wind zurückgehe, bleibe die Warnung oder der Alarm aktiv. Sie müssten aktiv zurückgesetzt werden, so Müller. «Der Alarm hat aber keine automatische Beeinflussung auf die Anlage, es ist nur eine Anzeige. Es ist dann die Aufgabe des Betreibers, festzustellen, ob es eine einmalige Böe ist oder ob es ein Trend ist, und dann entsprechend zu handeln.»
Ceo der Titlis Bergbahnen zum Unfall:
Ob und wann vor dem Gondelunglück ein Windalarm ausgelöst wurde, konnte der CEO der Titlisbahnen, Norbert Patt, am Mittwoch vor den Medien nicht sagen. Auch am Tag danach bleibt die Frage unbeantwortet, wieso die Bahn weiterlief, obwohl die kritische Grenze im Gebiet schon kurz nach 9 Uhr überschritten wurde. «Die angesprochenen Punkte sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen durch die zuständigen Behörden. Sobald gesicherte Erkenntnisse vorliegen und die Ermittlungen abgeschlossen sind, werden die zuständigen Behörden entsprechend informieren», schreibt ein Sprecher der Titlisbahnen.
Der Bahnbetrieb sollte gestoppt werden
Etwas auskunftsfreudiger gibt sich der Verwaltungsratspräsident des Unternehmens, Hans Wicki. Gegenüber dem «Blick» sagt er: «Aufgrund des starken Windes haben die Mitarbeiter entschieden, die Bahn abzustellen und die Gondeln in Sicherheit zu bringen.» Der Unfall habe sich ausgerechnet während dieses Vorgangs ereignet.
In einem grossen Skigebiet dauert es eine gewisse Zeit, bis der Betrieb einer Bahn eingestellt werden kann. Alle Personen müssen abgeladen werden. Zudem müssen auch Nicht-Skifahrende noch ins Tal kommen. Das ist auch den Behörden bewusst. Ziel ist es laut einer Wegleitung des Bundes, bei Erreichen der Windwarnung die Anlage «innerhalb einer gewissen Zeit mit Vorsichtsmassnahmen noch zu betreiben, insbesondere leerfahren zu können und Gäste, die sich noch auf dem Berg befinden, nach Möglichkeit und sicher Richtung Tal respektive an einen geschützten Ort zu bringen».
Die Titlisbahnen waren am Mittwochmorgen nicht die einzigen in der Region, die entscheiden mussten, ob und wann sie die Lifte abschalten. Andere Skigebiete hatten diesen Schritt aber bereits früher ergriffen. So wurden bei den Bergbahnen Meiringen-Hasliberg um 9.30 Uhr keine Gäste mehr auf die Gondelbahn Mägisalp-Alpentower geladen und die Anlage leer gefahren. Wegen starken Winds mussten später zudem zwei Sessellifte gestoppt werden, der letzte um 11 Uhr. Das Skigebiet Melchsee-Frutt stellte im Verlauf des Morgens in höheren Lagen den Betrieb ein, offenbar zwischen 10 und 12 Uhr.
Windmesser sind auf Masten angebracht
Am nächsten vom Titlisgebiet liegen die Brunni-Bahnen. Ihr Skigebiet liegt auf der anderen Seite des Dorfes Engelberg. Wie diese Zeitung weiss, hat die technische Leitung der Brunni-Bahnen im Verlauf des Mittwochvormittags aufgrund der gemessenen Windwerte entschieden, den Betrieb im Skigebiet einzustellen. Eine genaue Zeit ist nicht zu erfahren. Gesichert ist aber: Der Entscheid fiel, bevor die Verantwortlichen vom Unglück am Titlis erfuhren.
Bei der Brunni-Bahn handelt es sich um einen anderen Gondeltyp: Während beim Titlis Xpress viele kleine Kabinen mit je acht Sitzplätzen fahren, sind es beim Brunni nur zwei Gondeln, dafür mit viel mehr Fassungsvermögen.
Jeder Entscheid ist eine Einzelfallabwägung, die für jedes Skigebiet, für jeden Lift separat vorgenommen werden muss. Je nach Exposition und Hangausrichtung unterscheidet sich die Situation stark. «Die Windstärken können von Anlage zu Anlage variieren und auch auf die gesamte Strecke gesehen sind die Werte oftmals unterschiedlich», sagt Simon Schmid von den Bergbahnen Meiringen-Hasliberg. Als Grundlage dienten Windmesser auf den Masten und in der näheren Umgebung. Alle angefragten Bergbahnen geben an, über solche Messsysteme zu verfügen.
Experten halten nach aktuellem Wissensstand eine unglückliche Verkettung von Ereignissen als wahrscheinlichstes Szenario für das Unglück am Titlis. Dabei könnte der starke Wind eine wichtige Rolle gespielt haben. Zwar kann er die Klemme, mit der eine Gondel am Seil befestigt ist, nicht von allein öffnen. Ein denkbares Szenario ist jedoch, dass der Wind die Gondel in Schwingung versetzte, sodass sie an einem Masten hängen blieb und das Seil aus der Klemme gerissen wurde. (aargauerzeitung.ch)

