Nach Skandal: Warum braucht es dieses Öl aus China in der Babynahrung überhaupt?
«Formula» heisst auf Englisch das Milchpulver für Säuglinge. Das passt: Es ist eine komplexe Mischung, fast schon die Zauberformel für neues Leben. Logisch, dass die Produkte so streng geprüft werden wie keine anderen Lebensmittel. Ein Gift wie Cereulid, das für den weltweiten Babynahrungs-Skandal gesorgt hat, sollte eigentlich nicht lang unentdeckt bleiben.
Zudem ist das Bakterium, das es produziert, der Bacillus cereus, weit verbreitet. Lebensmittelhersteller und Gastronomiebetriebe werden schon lange auf diese häufige Quelle einer Lebensmittelvergiftung geprüft. Cereulid findet sich oft in Cerealien, Pasta oder Reis, denn das Bakterium mag Stärke. Trocken gelagert vermehrt sich der Bacillus cereus zwar nicht, doch die Sporen überleben und können wieder aktiv werden, wenn sich die Bedingungen ändern. Vor allem aber bleibt das Toxin der Bakterien in den Produkten, wenn sie dieses während der Herstellung abgesondert hatten.
Dass das auch bei Säuglingsnahrung möglich ist, ist die reichlich späte Erkenntnis nach den bekannt gewordenen Fällen von kranken Säuglingen in den letzten Wochen.
Viel Zucker für ein rasch wachsendes Gehirn
Das Pulver besteht hauptsächlich aus Kohlenhydraten in der Form von Laktose, also Milchzucker. Dieser wird, anders als normaler Zucker, erst im Darm aufgespalten in Glukose und Galaktose und ist daher nicht zahnschädigend. Keine anderen Säugetiere versorgen ihre Nachkommen mit so vielen Kohlenhydraten (7 %) wie die Primaten, zu denen auch der Mensch gehört: Sie sind nötig für das schnelle Gehirnwachstum.
Dafür ist der Proteingehalt der Milch von Kühen mit 3,5 Prozent mehr als doppelt so hoch. Denn Kälber müssen schnell wachsen. Meeressäuger wiederum versorgen ihren Nachwuchs mit überdurchschnittlich vielen Fetten, damit rasch eine Isolationsschicht aufgebaut werden kann.
Als es noch keine Babypulvermilch gab, versuchten es die Menschen manchmal dennoch mit Kuh- oder Ziegenmilch, wenn eine Mutter nicht stillen und keine Amme aushelfen konnte. Doch das viele Protein in Form von Kasein verklumpt in der Magensäure. «Menschenkinder können es schlecht verdauen, was zu Bauchkrämpfen führt», sagt Humanbiologe Thierry Hennet von der Universität Zürich. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Muttermilch.
Heute ist längst bekannt, welche Proteine die richtigen sind für Säuglinge und wie hoch der Fettanteil sein soll (4 Prozent). Die Forschung dreht sich nun um die Stoffe in den restlichen 0,3 Prozent der Muttermilch: Mineralstoffe, Vitamine, Antikörper, Fettsäuren und die berühmten Oligosaccharide. Diese kurzkettigen Kohlenhydrate können meist nicht verdaut werden, aber sie fördern als präbiotische Ballaststoffe eine gesunde Darmflora.
Nicht alles, was beworben wird, ist super gesund
«Bei den Oligosacchariden ist Vieles pure Werbung», sagt allerdings Hennet. «Die künstlich hergestellten Stoffe sind nicht dasselbe wie die echten.» Zudem gebe es 100 bis 200 Sorten davon in der Muttermilch und diese machen den magischen Mix aus. Nehme man nur einzelne davon zu sich, ergebe das eine andere Wirkung. «Die gleiche Komplexität künstlich herzustellen, ist unmöglich», sagt Hennet.
Mehr Beweise für einen Nutzen gibt es für Fettsäuren, also auch die Omega-6-Fettsäure, in der das Toxin Cereulid gefunden wurde. Arachidonsäure (ARA) benötigen Säuglinge für die Gehirnentwicklung, den Muskelaufbau und das Immunsystem. 2008 genehmigte die EU arachidonsäurereiches Öl als Lebensmittelzutat. Hergestellt wird es mit einem weit verbreiteten Bodenpilz, dem Mortierella alpina. Er wurde als problemlos und nicht-toxisch klassiert. Doch dabei wurde nicht beachtet, dass man diesen Pilz oft auf Sojamehl wachsen lässt. Stärke also, die wie gesagt eine ideale Nahrungsgrundlage für das Bakterium Bacillus cereus ist.
Seit der Entwicklung in den 90er-Jahren und der Zulassung 2008 verging viel Zeit, bis das Risiko nun entdeckt wurde. «Es hat einfach niemand genau nachgeschaut», sagt Lars Fieseler von der ZHAW Wädenswil. Das deutet laut dem Lebensmittelmikrobiologen darauf hin, dass Kontaminationen von Arachidonsäure bisher noch nicht vorgekommen sind. Andernfalls wären viele Säuglinge erkrankt oder gar gestorben, was nicht unbemerkt geblieben wäre.
Experte: «Dieser Mix ist kein Betty-Bossy-Rezept»
Im Einzelfall, gerade bei zu früh geborenen Säuglingen, sieht es aber anders aus: «Innert einer Woche nach der Geburt wächst ihr Mikrobiom von null auf eine Milliarde Bakterien pro Kubikzentimeter Stuhl im Darm an», sagt Muttermilchexperte Hennet, «es ist wichtig, dass das gesunde Bakterien sind.» Entzündungsfördernde Bakterien können Teile des Darms von Säuglingen zerstören – Muttermilch schützt davor. Deswegen wird heute Frühgeborenen oder kranken Säuglingen gespendete Muttermilch verabreicht, wenn die Mutter nicht stillen kann. Gerade die Milch der ersten Tage, das Kolostrum, ist voller wichtiger Antikörper. «Dieser Mix», sagt Hennet, «ist nicht wie ein Betty-Bossy-Rezept, sondern von Mutter zu Mutter individuell.»
Ein paar Wochen später allerdings ist die Zaubeformel der Säuglingsnahrung vielleicht nicht ganz so wichtig, wie es oft dargestellt wird. Zumindest für gesunde Kinder, die in der westlichen Welt unter guten Hygienebedingungen aufwachsen. «Muttermilch ist ein Zusatzschutz für die Immunabwehr, aber hierzulande nicht super kritisch», sagt Hennet, der ansonsten ein grosser Verfechter des Stillens ist. «Die Natur hat verschiedene Back-up-Systeme.» Bald nach der Geburt produziert das Immunsystem des Babys Antikörper selbst. Und spätestens, wenn es feste Nahrung erhält, unterscheiden sich die Mikrobiome von gestillten und ungestillten Kindern nicht mehr.
Trotz des Risikos für Toxine in der industriell hergestellten Arachidonäure und obwohl sie für die Säuglingsnahrung nicht vorgeschrieben ist, wird auf den Zusatzstoff wohl nicht mehr verzichtet: Mortierella Alpina ist in allen hierzulande erhältlichen Säuglingspulvermilch enthalten, von Aptamil, Beba, Bimbosan, Hipp und Holle. Da Hipp und Holle andere Lieferanten als solche aus China haben, waren sie vom Skandal nicht betroffen.
Die Importe von Mortierella Alpina werden seit letzter Woche in der EU nur noch zugelassen, wenn sie auf Cereulid getestet wurden. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde hat einen maximalen Grenzwert festgelegt. An der Grenze muss die Hälfte aller Sendungen mit arachidonsäurereichem Öl kontrolliert werden. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sagt auf Anfrage, die Schweiz stelle dieselben Anforderungen. Sie traten am Dienstag, 3. März in Kraft. Um das Risiko von sich entwickelnden Keimen generell tief zu halten, soll eine Flasche mit Babymilch innerhalb von zwei Stunden getrunken und nie wieder aufgewärmt werden. (aargauerzeitung.ch)
