Leben
Schweiz

Michael Elsener und Léa Spirig über Queersein, Ängste, Abstimmungen

Interview

«Es gibt heute auf der Bühne Jokes, die an Schwulenwitze der 90er-Jahre erinnern»

Michael Elsener ist ein politischer Comedian, Léa Spirig leitet das Casinotheater Winterthur. Ein Gespräch über Queersein, Ängste, Humor als Überlebensstrategie und die Schweiz als Abstimmungs-Wohngemeinschaft.
01.03.2026, 17:5901.03.2026, 17:59

Wer sind eure Vorbilder? Spoiler: 80 Prozent würden jetzt mit «mein Grosi» oder «mein Grossvater» antworten.
Michael Elsener: Danke für den Hinweis. Dann sage ich gern: mein italienisch-stämmiger Grossvater. Meine Offenheit und meine Liebe zu den Menschen habe ich von ihm. Wir besuchten ihn oft sonntags nach der Kirche und mussten immer auf ihn warten. Von der Kirche bis zu seinem Haus waren es nur etwa 250 Meter. Aber er brauchte dafür mindestens 45 Minuten. Auf der Strasse oder über den Gartenzaun: Er hielt mit allen einen Schwatz. «Ciao!», «Wie geht's?», «Wirklich? Erzähl mir mehr!» Er kam mit allen auf sehr leichte Art ins Gespräch, egal, welche Gesinnung, welche Grundhaltung sie hatten. Das hat mir schon als Kind sehr gefallen.
Léa Spirig: Bei mir sind es die Frauen in meiner Familie. Meine Grossmutter, die eine sehr warmherzige und zugleich dominante Frau war. Meine Mutter, aber auch meine Gotte, die mit ihrer Partnerin im gleichen Haus lebte wie wir. Meine Eltern waren heterosexuell, meine Gotte lesbisch, und dann gab es noch etwas, das irgendwie beides beinhaltete, das habe ich relativ früh mitgekriegt, das war selbstverständlich. Und ich komme aus einer musikalischen und politisch interessierten Familie, ich wusste schon immer, dass ich mich in meinem Leben mit Kultur umgeben will. Ich kann gar nicht anders. Egal ob früher als Schauspielschülerin, dann als Journalistin und jetzt als Theaterdirektorin.

Eine politisch geprägte Bohème-Familie also. Das klingt ideal.
Léa Spirig: Vielleicht mit etwas weniger flüssigen Mitteln, als man sich das vorstellt …

Michael Elsener und Lea Spirig
Michael Elsener und Léa Spirig treffen sich für unser Gespräch vor einer verspielten, aber dennoch staatstragenden Holzskulptur im Zürcher Kreis 5.Bild: sme

Uns steht eine Abstimmung bevor. Michael, dein neues Programm «Gute Entscheidung!» ist auch ein Aufruf, dass wir uns mehr für unsere Demokratie einsetzen sollen. Was möchtest du uns mit auf den Weg geben?
Michael Elsener: Im neuen Programm geht es vor allem darum: Wie können möglichst viele Menschen das Leben führen, das sie sich wünschen? Und ich möchte dazu beitragen, dass wieder mehr als 45 Prozent von uns abstimmen gehen. Viele sagen, dass weniger als die Hälfte mitmachen, sei kein Problem. Aber mal angenommen, die Schweiz wäre wie so eine Vierer-WG. Man stellt fest: Das Bad ist ständig dreckig.

Ich ahne, was jetzt kommt! Eine Abstimmung?
Michael Elsener: Da sagt man doch: «Lasst uns an einen Tisch sitzen und diskutieren: Entweder wir machen einen Ämtli-Plan oder wir leisten uns eine Putzhilfe. Was sagt ihr?» Aktuell stehen dann zwei von vier Leuten auf und setzen sich vor den Fernseher. Auf diese Art wird das Zusammenleben sehr anspruchsvoll. Deshalb finde ich es wichtig, dass viele von uns gemeinsam über unsere Zukunft diskutieren und abstimmen gehen. Miteinander diskutieren wird im angelsächsischen Raum ja ganz selbstverständlich an Schulen vermittelt. Ich war zum Beispiel im vergangenen Sommer in Schottland am Fringe-Festival …

Ich weiss! Du hast uns zu sehr stolzen Schweizerinnen gemacht, als wir in Edinburgh plötzlich vor deinem Plakat standen. Es war riesig und du sahst sehr gut aus.
Michael Elsener: Danke. Das ist neu für mich, dass ich patriotische Gefühle auslösen kann. Neben meinen Shows habe ich auch Schulen und Unis besucht, und da haben Debattierclubs eine grosse Tradition. Zwei diskutieren miteinander über ein Thema und nehmen dabei die gegnerische Position ein. Man taucht also in die Welt des politischen Gegners ein, lernt diesen besser zu verstehen, entwickelt Empathie für ihn und schärft gleichzeitig die eigene Argumentation. Im angelsächsischen Raum ist das ein Schulfach. In der Schweiz, unserer viel-beschworenen «Wiege der Demokratie», ist das verspielte Diskutieren eine Seltenheit. Dabei wäre es für unser Miteinander sehr hilfreich.

Michael Elsener im schottischen Alltag von Edinburgh.
Michael Elsener im schottischen Alltag von Edinburgh.bild: sme

Léa, was ist dein Abstimmungsverhalten? Oder dein Verhältnis zu Abstimmungen?
Léa Spirig: Politik und Diskurse waren bei mir immer wichtig. Wir haben uns auch in der Familie immer ausgetauscht und Themen verhandelt. Dann gibt es natürlich Abstimmungsthemen wie jetzt die Halbierungs-Initiative, die mich als ehemalige SRF-Mitarbeiterin stärker betreffen. Aber ich versuche stets, mich möglichst umfassend zu informieren, mir eine Meinung zu bilden und nicht einfach eine Meinung wiederzugeben. Abstimmen ist ein absolutes Must, ich kann mir nicht vorstellen, eine Abstimmung zu verpassen.

Ich mir auch nicht. Zumal Frauen in der Schweiz erst seit 1971 abstimmen dürfen.
Michael Elsener: Die Schweiz hat das Frauenstimmrecht später eingeführt als Afghanistan! Das Frauenstimmrecht wurde bei uns ja erst bei der dritten Volks-Abstimmung angenommen. Da frage ich mich: Warum dauert es in der Schweiz jeweils so lange, bis sich eine Mehrheit für mehr Gleichberechtigung entscheidet? Solche Vorlagen nehmen ja niemandem etwas weg.

Genau. Damit wären wir jetzt auch bei der queeren Schweizer Bevölkerung. Im Herbst 2021 wurde entschieden, dass wir heiraten und Kinder adoptieren dürfen. Das ist erst viereinhalb Jahre her.
Léa Spirig: Der Slogan damals lautete ja auch: «Es ist genug Ehe für alle da!», niemandem wird etwas weggenommen.

Michael, du hattest 2021 dein berühmtes «Nicht-Coming-out», du hast da per Video erklärt, dass es eigentlich keine Coming-outs mehr brauchen sollte, weil wir längst eine Normalität darstellen. Hatte da die bevorstehende Abstimmung für deine Wahl des Zeitpunkts eine Rolle gespielt?
Michael Elsener: Natürlich hatte das einen Einfluss. Es gab auch zuvor schon Momente, in denen ich mir sagte: Jetzt könnte ich davon auch der breiten Öffentlichkeit erzählen. Doch dann merkte ich, dass mich gewisse Medienschaffende, mit denen ich bereits Vorgespräche geführt hatte, mich einzig auf meine Homosexualität reduzieren wollten. Dabei spielt die in so vielen Aspekten meines Lebens gar keine Rolle. Deshalb beschloss ich, alles, was ich dazu sagen wollte, in einem eigenen Video zu sagen. Léa hat mich dann in «Gesichter & Geschichten» mit einem sehr wertschätzenden Beitrag begleitet.

Meinst du damit das «G&G»-Gefäss Lealität?
Michael Elsener:
Ja.

Léa, du warst so frech, bei «G&G» ein Gefäss mit deinem Namen im Titel einzuführen. In der «Lealität» hast du mehrere Jahre lang queere Schweizer Promis interviewt. Was brauchte es bei dir, dass du gesagt hast: Das will und muss ich jetzt machen?
Léa Spirig: Ich rede ja gern und mit vielen Menschen. Damals, zu Beginn der 2020er-Jahre, merkte ich: Es mangelt in unserer Szene noch immer an Vorbildern, aber es mangelt überhaupt nicht an Vorurteilen uns gegenüber. Ich dachte, «G&G» wäre eine grossartige Plattform, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Ich blätterte mich durch mein Portfolio an queeren Menschen aus Kultur, Sport und Politik und fragte sie, wer bereit sei, seine Erfahrungen mit mir zu teilen. In der Redaktion stiess ich auf weit offene Türen. Wir waren damals bei SRF ein kleines buntes, verspieltes Versuchslabor.

Léa Spirig und Michael Elsener

Rechtzeitig bevor «G&G» dem Sparprogramm der SRG zum Opfer fiel, sprang die ausgebildete Schauspielerin und gebürtige Winterthurerin Léa Spirig ab und übernahm am 1. April 2025 die künstlerische Leitung des Casinotheaters Winterthur. Michael Elsener gehört seit vielen Jahren zu den prominentesten Schweizer Comedians. Aktuell ist er mit seinem Programm Gute Entscheidung unterwegs und produziert regelmässig den Podcast Politkuchen. Gemeinsam mit Roman Riklin hat er die Komödie Vier werden Eltern geschrieben. Sie gastiert vom 12. bis 29. März im Casinotheater.

An welchem Punkt unserer Geschichte stehen wir jetzt?
Michael Elsener: Ich habe unsere Gesellschaft eine Zeitlang mit einem sehr inkludierenden Flow erlebt: dass alle Lebensformen möglich erscheinen, dass die Akzeptanz wächst. Man denkt dann schnell, Entwicklungen gehen nur vorwärts – und plötzlich stellt man fest: Es geht wieder rückwärts.

Und an diesem Punkt sind wir jetzt?
Michael Elsener: An diesem Punkt sind wir ganz klar jetzt. Es gab 2025 eine breit abgestützte Befragung unter queeren Menschen: Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden waren an ihrer Schule, in ihrem Lehrbetrieb, an ihrer Hochschule nicht geoutet. Zwei Drittel der Befragten machen sich grosse Sorgen um ihre Zukunft. Wenn etwa politische Führungsfiguren einen desavouierenden Umgang mit Minderheiten pflegen, hat das natürlich einen Einfluss auf die Gesellschaft.
Léa Spirig: Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass 2026 die Pride nicht stattfindet, weil die grossen Geldgeber abspringen.

Bundesratssprecher Andre Simonazzi, Bundesrat Ueli Maurer und Bundesraetin Karin Keller-Sutter, von links, kurz vor Beginn der Medienkonferenz ueber die Ergebnisse der Vorlagen der Eidgenoessischen Ab ...
26. September 2021: Die «Ehe für alle» ist angenommen. Bundesratssprecher André Simonazzi, Bundesrat Ueli Maurer und Bundesrätin Karin Keller-Sutter freuen sich wie verrückt auf die bevorstehende Medienkonferenz. Bild: KEYSTONE

Pinkwashing ist als Wirtschaftsfaktor offenbar out. Endlich kann man den woken Scheiss wieder vergessen.
Léa Spirig: Und sich lukrativere Schwerpunkte suchen.
Michael Elsener: Was sagbar ist, hat sich wieder verändert. Und dies in kurzer Zeit. Es gibt heute junge Comedians, die Jokes über homosexuelle Menschen auf der Bühne machen, die mich sehr stark an Schwulenwitze auf den Pausenplätzen der 90er-Jahre erinnern. Neulich spielte ich an einem gemischten Abend eine Stand-Up-Nummer über mein Coming-out in konservativ-katholischem Umfeld. Ich moderierte den Comedian nach mir an – er redete darüber, wie abstossend er es findet, wie homosexuelle Menschen Zärtlichkeiten austauschen und versuchte dies zu imitieren. Als ich nach ihm auf die Bühne zurückkam, sagte ich mit Blick zur Seitenbühne: «Comedian XY, ich bin froh, dass du nicht schwul bist.» Da gab es Applaus.
Léa Spirig: Wann hat die Schweiz beschlossen, dass man Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht diskriminieren dürfe? 2020?

Es gibt keinen Grund, zwei Mädchen, die sich küssen, zu attackieren. Es gibt keinen Grund, einen orthodoxen Juden zu attackieren.
Michael Elsener: Die aktuellen Geschehnisse vermitteln uns den Eindruck: Die Welt ist unsicherer geworden. Viele Gewissheiten scheinen sich aufzulösen. So funktioniert bei gewissen Menschen das Finden der eigenen Identität in Krisensituationen oft über die Abwertung anderer.
Léa Spirig: Und wenn es Machthaber gibt, die das maximal ausleben, wird es wahnsinnig gefährlich.
Michael Elsener: Ich finde, wir leben heute oft sehr nach aussen orientiert. Wir lassen uns ins Smartphone reinziehen, glauben, digital alles im Blick zu haben – und vergessen dabei den Blick nach innen. Beispielsweise ein kurzes Reflektieren. Etwa die Frage: Wovor habe ich Angst? Wieso reagiere ich so reflexhaft auf eine andere Person? Was genau triggert diese Reaktion in mir?

Léa, du sagst vom Casinotheater, es sei ein «Humorhaus». Welche Rolle spielt denn Humor in diesem latent deprimierenden Gefüge, in dem wir uns aktuell befinden?
Léa Spirig: Zum einen ist es eine Flucht. Du befindest dich zwei Stunden lang woanders, nicht alleine zuhause auf dem Sofa, du lachst in einem Kollektiv und über dasselbe, was ungemein verbindet. Zum anderen setzen sich viele unserer Comedians intensiv mit dem Weltgeschehen auseinander, das darf auch manchmal wehtun und doppelbödig sein. Wenn man unser Haus also nicht nur amüsiert, sondern auch mit neuen Impulsen zum Nachdenken verlässt, dann haben wir einen guten Job gemacht.
Michael Elsener: Zudem sitzen in einem Saal Menschen, die ganz unterschiedlich denken – und dann lachen sie gemeinsam über die gleiche Pointe! Lachen öffnet das Herz, wir werden empfänglicher für Neues. Humor ist ein unglaublich faszinierendes Werkzeug. Und eine Überlebenshilfe.

Léa Spirig
Theaterdirektorin Léa Spirig in ihrem natürlichen Habitat.Bild: Sarah Ley

Und da wären wir auch beim kleinen Werbeblock unseres Treffens: Michael, Léa hat das Theaterstück «Vier werden Eltern» ins Casinotheater eingeladen. Das Thema: die Bildung einer Regenbogen-Patchworkfamilie. Ein heterosexuelles Paar, das kein Kind bekommen kann, und ein schwules Paar, dessen Wunsch auf Adoption aber abgelehnt worden ist, überlegen sich, gemeinsam ein Kind zu machen und eine Familie zu gründen. Und du hast ganz viel damit zu tun ...
Michael Elsener: Ich habe das Stück zusammen mit Roman Riklin geschrieben. Ich finde: Einer anderen Person zu sagen, lass uns zusammen eine Familie gründen, ist eines der grössten Abenteuer des Lebens. Häufig startet man eine Familie zu zweit und es entwickelt sich dann zu einer Patchworkfamilie mit drei, vier, fünf, sechs Beteiligten. Wir fragten uns: Warum startet man nicht gleich zu viert? Was gibt es dann für Diskussionen? Wie lebt man die Vaterrolle? Worin besteht die Mutterrolle? Wie geht es einem Kind mit drei Vätern?

Möchtest du selbst eine Familie gründen?
Michael Elsener: Wir stellen im Stück die Frage: Wenn du dir das mit «eine Familie gründen» noch nicht so genau vorstellen kannst, magst du dich auf ein Gedankenexperiment einlassen und dich fragen, was wäre, wenn? Natürlich habe ich alle diese Fragen in meinem Kopf rauf und runter gespielt. Und ich bin nach wie vor dran.
Léa Spirig: Für mich war das Stück neu, modern, überraschend, ich hatte sowas noch nie gesehen und mir auch noch nie sowas überlegt. Das ist eine feine Komödie, meilenweit entfernt vom Schenkelklopfer-Humor einer Boulevard-Komödie. Sie richtet sich an alle, die sich schon jemals mit einem Kinderwunsch auseinandergesetzt haben, nicht nur an ein queeres Publikum.
Michael Elsener: Es ist eine universelle Frage, die wir uns wohl alle irgendwann stellen.

Vier werden Eltern
Diese vier werden also Eltern.Bild: christian knecht

Léa, wenn ich in der Schweiz nach lesbischen Aktivistinnen suche, kommen mir Anna Rosenwasser in den Sinn …
Léa Spirig: … und Tamara Funiciello …

… und du.
Michael Elsener: Du würdest dich als Aktivistin bezeichnen?
Léa Spirig: Ja, absolut.

Wenn ich deinen Aktivismus so betrachte, sei es als DJ von Frauendiscos, sei es mit der «Lealität», dann ist das immer ein lustvoller, optimistischer Aktivismus, der versucht, den Debatten ein bisschen von ihrer Schwere zu nehmen und Freude zu verbreiten.
Léa Spirig: Ja, das ist auch gewollt, das ist mein Ziel.

Als sich das Casinotheater für dich als künstlerische Leiterin entschieden hat, hat es sich für eine Frau mit klarer Haltung entschieden. Trotzdem hast du mal gesagt, dein Casinotheater solle ein Theater für alle sein, du würdest da keine Regenbogenfahne hissen wollen.
Léa Spirig: Doch, doch, das machen wir im Pride-Monat Juni, das gab es schon vor mir. Aber programmatisch verändert sich nichts.

Also ein Theater für das SVP-Grosi und sein möglicherweise nonbinäres Enkelkind, die sich gemeinsam Michaels Stück anschauen?
Léa Spirig: Wenn das SVP-Grosi dann mit einem neuen Denkanstoss nach Hause geht, ist das doch super.
Michael Elsener: Und das Enkelkind stellt vielleicht fest, dass man auch mit einer konservativen Person einen lustigen Abend verbringen kann. Und dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Menschen, den man gern haben kann, und seiner Meinung, die man nicht teilen muss.

Wie in den schottischen Debattierclubs. Es ändert sich also nichts in Winterthur?
Léa Spirig: Ausser einem kleinen Format, das ich mit Andrea Fischer-Schulthess vom Millers in Zürich gegründet habe, dem Boudoir Bizarre. Drag und Burlesque haben in Winterthur bis jetzt kaum oder gar nicht stattgefunden, da den Vorhang noch etwas mehr zu öffnen, schadet nichts.

So als kleine Glitzerbombe, die auch historisch gesehen ihren festen Platz im Cabaret und Varietétheater hat?
Michael Elsener: In den sogenannten Goldenen Zwanzigern war es ja auch in bürgerlichen Schichten verbreitet, dass man derartige Shows besuchte.

Bildnummer: 53802707 Datum: 16.02.2010 Copyright: imago/PicturePerfect
Dita von Teese 2010 SAN REMO SONG FESTIVAL OPENING NIGHT - NO ITALIAN SALES San Remo PUBLICATIONxNOTxINxUSAxUK People Aktion kbd ...
Für alle, die nicht wissen, wie eine Burlesque-Show aussieht: im Idealfall so. Also mit Dita von Teese in einem Cocktailglas.bild: imago

Die bekanntlich auch unzähligen queeren Artistinnen und Artisten eine Zuflucht boten.
Michael Elsener: Können wir noch kurz darüber reden, warum man das Queersein häufig so als «Anderssein» ausstellt?

Immer!
Michael Elsener: Mir fällt auf, dass in unserer Gesellschaft das Queersein oft als «sehr anders Sein» herausgeschält wird. Ich finde, jede Person fühlt sich doch in bestimmten Bereichen des Lebens anders als die anderen und man fragt sich: Bin ich denn die einzige Person, die dieses spezifische Bedürfnis hat? Die auf diese Art leben möchte? So glaube ich, dass jede Person dieses Gefühl kennt, das viele queere Menschen vor einem Coming-out erleben: Man fühlt sich anders und allein. Wenn man es so sieht, finde ich, hat das «Anderssein» etwas sehr Verbindendes, weil es uns alle in ganz unterschiedlichen Formen und Facetten betrifft.
Léa Spirig: Für mich zählt auch das Verbindende. Ich bin total bewegt, wenn ich an einer Pride oder an einem Umzug bin und wir viele sind und gemeinsam für unsere Werte oder zumindest einen Teil davon auf der Strasse stehen.

Ich erinnere mich an die Pride 2014, Conchita hatte den ESC gewonnen und trat kurz auf der Zürcher Kasernenwiese auf. Es hatte geregnet, die Wiese war ein Sumpf und Conchitas Auftritt war berührend, euphorisierend, erschütternd. Ich stand im Sumpf und habe geheult vor Freude.
Léa Spirig:
Ich heulte wahrscheinlich zehn Meter neben dir.
Michael Elsener: Ich war auch da. Ein krasser Moment.

Ich dachte, Wahnsinn, was hat es alles gebraucht, dass Conchita das grösste TV-Event der Welt gewinnen konnte und dass wir jetzt mit ihr hier feiern können.
Michael Elsener:
Ja, man erinnert sich in so einem Moment an die lange Geschichte für mehr Gleichberechtigung, an die vielen, vielen Menschen, die für diese Art der Freiheit ihr Leben aufs Spiel setzten.

Singer Conchita Wurst representing Austria performs the song 'Rise Like a Phoenix' during a rehearsal of the Eurovision Song Contest Final in the B&W Halls in Copenhagen, Denmark, Friday ...
Geburt einer Göttin: Conchita singt am ESC 2014 «Rise Like a Phoenix».Bild: AP

Und dann ist es eben doch etwas Besonderes.
Léa Spirig: Simone, darf ich dich was fragen? Ich lebe ja in meiner Kultur-Bubble. Aber du als Journalistin bist doch sicher mit viel Hass konfrontiert? Was macht das mit dir?

Du meinst User-Kommentare? Mit mir macht das schon lange nichts mehr, und persönlich werde ich auch nicht oft angegriffen. Aber sowas wie der Nahostkonflikt ist natürlich ein einziges Pulverfass und braucht viel Moderation. Da kann man die Sekunden zwischen dem Erscheinen eines Artikels und den ersten Hasskommentaren an einer Hand abzählen.
Michael Elsener: Manchmal frage ich mich gerade im digitalen Raum: Worauf können wir uns als Gemeinschaft noch einigen?

Auf Hass oder Hass?
Michael Elsener: Lange hatte ich den Eindruck, wir können uns darauf einigen, dass wir eine Demokratie sind, dass wir abstimmen gehen, dass wir eine Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten sind. Aber irgendwie scheint das zu zerbröckeln. Was ist der kleinste gemeinsame Nenner von allen, die hier leben?

Weltfrieden? Nein, ich weiss es nicht.
Michael Elsener: Ich würde es gern herausfinden. Vielleicht ist es auch einfach sowas: Was in der Schweiz alle verbindet? Wenn man im Zug absitzt, stellt man seine Tasche auf den Nebensitz.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Hunderttausende am «Pride March» in New York
1 / 22
Hunderttausende am «Pride March» in New York
quelle: ap / seth wenig
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Wieso diese lesbische Pfarrerin für die «Ehe für alle» ist
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
10 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Hans Jürg
01.03.2026 18:58registriert Januar 2015
Michael Elsener ist schwul? Das wusste ich gar nicht. Jetzt weiss ich es, und er ist für mich immer noch einfach Michael Elsener. Hat sich nichts geändert für mich.

Wer Menschen nach ihrer sexuellen Orientierung be- oder gar verurteilt, ist für mich komplett unten durch.
211
Melden
Zum Kommentar
avatar
Molayne
01.03.2026 18:45registriert Oktober 2025
Elsener predigt die Meinung des Establishments beim staubigen Staatsfernsehen. Wie alle Beamten dort ist er totlangweilig, ultra-konformistisch und vorhersehbar. Niemand kann sich den Typen lustig trinken.

Echte Satire ist gefährlich, unbequem und bringt die Menschen zum Nachdenken. Sie fordert den Status Quo heraus. Das hat der büzlige Schwiegersohn-Typ Elsener noch nie getan.
2320
Melden
Zum Kommentar
10
Mopedfahrer stirbt in Kerzers FR bei Kollision mit Traktor
Ein 72-jähriger Mopedfahrer ist am Freitagnachmittag in Kerzers FR von einem Traktor erfasst und dabei tödlich verletzt worden. Er erlag noch an der der Unfallstelle seinen Verletzungen, wie die Kantonspolizei Freiburg am Samstag mitteilte.
Zur Story