Gift und Rückruf, tote Kleinkinder – das ist im Babynahrungsskandal bisher passiert
Mittlerweile etwa 70 Länder liessen in den letzten Wochen Babynahrung zurückrufen. Der Skandal, der zunächst nur Nestlé betraf, weitete sich kurze Zeit später auf andere Hersteller von Babynahrung aus. Pikant: Nestlé wusste bereits mehrere Wochen vor ihrer öffentlichen Stellungnahme von möglichen Verunreinigungen.
Das ist alles passiert:
Anfang Dezember: Nestlé informiert die Niederlande
Bereits Anfang Dezember informierte der Nahrungsmittelkonzern nach internen Kontrollen in einem Werk niederländische Lebensmittelbehörden über eine mögliche Verunreinigung ihrer Babynahrung mit Cereulid.
Cereulid ist eine giftige Substanz. Sie wird unter bestimmten Bedingungen von Bakterien der Art Bacillus cereus gebildet und kann heftiges Erbrechen auslösen. Bacillus cereus kommt gemäss der Nestlé-Mitteilung häufig in Rohstoffen und manchmal in Lebensmitteln wie Milch und Milchprodukten vor. Die meisten Stämme hätten keinen Einfluss auf die Lebensmittelsicherheit.
Dass Nestlé somit schon spätestens Anfang Dezember von der Verunreinigung gewusst haben musste, wurde erst später richtig bekannt. Eine öffentliche Warnung blieb damals «dennoch aus», kritisierte der österreichische Ableger der NGO Foodwatch.
Erste öffentliche Rückrufe
Ab Mitte Dezember informierte der westschweizer Nahrungsmittelkonzern offenbar mehrere weitere Behörden über eine mögliche Kontamination. Einige europäische Länder reagierten, die ersten Rückrufe erfolgten dabei in Dänemark (11. Dezember) und Spanien (12. Dezember).
Einzelne Behörden wie Österreich wurden auch selbst aktiv. Dort wurden bei behördlichen Kontrollen in zwei Chargen geringe Mengen von Cereulid festgestellt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums bestand aber aufgrund der sehr niedrigen Konzentrationen keine Gesundheitsgefährdung.
Weihnachtstage: Stiller Rückruf
Nestlé selber führte dann in Abstimmung mit internationalen Behörden über die Weihnachtsfeiertage einen stillen Rückruf durch und liess die betroffenen Produkte aus den Regalen entfernen. Betroffen waren die bekannte Marke Beba sowie Spezialprodukte wie Alfamino.
Ein stiller Rückruf erfolgt, wenn ein Hersteller fehlerhafte Ware vom Markt nimmt, bevor sie die Konsumenten erreicht hat. Dabei werden nur die Händler informiert, das Produkt aus den Regalen zu entfernen. Die Öffentlichkeit wird also nicht, oder zumindest nicht direkt vom Hersteller, informiert.
5. Januar: Erste öffentliche Meldung von Nestlé
Es handelte sich um eine der grössten Rückrufaktionen in der Geschichte von Nestlé: Am 5. Januar gab der Nahrungsmittelkonzern schliesslich erstmals öffentlich bekannt, dass er in mehreren Ländern Chargen von Säuglingsnahrung vorsorglich zurückruft. Grund: Sie könnten mit Gift belastet sein. Der Konzern betonte, es handelte sich um einen «vorsorglichen Rückruf», der «eine Vorsichtsmassnahme» darstelle. Als Reaktion setzt Nestlé vorübergehend auf alternative Lieferanten.
Ursache war laut Nestlé ein technischer Defekt in einem Zuliefererbetrieb. Man habe das Cereulid in einem ARA-Öl eines führenden Lieferanten gefunden. Um welchen Lieferanten es sich handelte, wollte Nestlé zunächst nicht bekanntgeben.
Eltern wurden aufgefordert, die betroffenen Produkte aus bestimmten Chargen nicht mehr zu verwenden und im Handel zurückzugeben.
Eine späte Aktion? Nestlé selbst bezeichnete es als «zweiten Schritt eines üblichen, abgestuften Verfahrens». Die Analysten sahen damals für den Konzern ein geringes Risiko.
8. Januar: Rückrufaktion weitet sich aus
Waren nur drei Tage zuvor laut dem Nahrungsmittelkonzern gut 30 Länder davon betroffen gewesen, waren es nach Angaben vom 8. Januar nun mindestens 50. Für andere Länder wie zum Beispiel die USA und Kanada wurde dagegen damals noch kein Rückruf angeordnet.
Mitte Januar: Auch Bimbosan ruft zurück
Zunächst sah es danach aus, als könnten alternative Hersteller von Babynahrung von den Umständen bei Nestlé profitieren. Schliesslich wurde der Image-Schaden mittlerweile als riesig angesehen; der neue Nestlé-CEO sah sich gezwungen, sich per Video «aufrichtig für die Sorgen und Unannehmlichkeiten» zu entschuldigen.
Stattdessen gaben mehrere Hersteller Mitte Januar bekannt, selbst von dem Problem betroffen zu sein. Die Schweiz war dabei das erste Land, in dem nach Nestlé ein weiterer Hersteller ein Produkt zurückrief. Hochdorf, das Luzerner Unternehmen, das die Marke Bimbosan betreibt, meldete das gleiche Problem: Es musste eines seiner Bimbosan-Ziegenmilchprodukte zurückrufen. In Teilen der Omega-6-Fettsäure Arachidon, die von einem früheren Lieferanten stammte, seien Qualitätsmängel festgestellt worden. Sie sei teilweise mit Cereulid belastet.
21. Januar: Danone und Lactalis folgen
Wenige Tage später zeigte sich, dass der Skandal um Babynahrung immer grössere Kreise zieht: Auch die französischen Nestlé-Konkurrenten Danone und Lactalis kündigten Rückrufe an. Der Verdacht erhärtete sich, dass möglicherweise derselbe Zulieferer die Ursache ist.
Die Lebensmittelbehörde von Singapur hatte zuvor den Rückruf von Säuglingsmilch der Marke Dumex angeordnet, die Danone im Jahr 2022 übernommen hatte. Nach Angaben der Behörde wurde in zwei weiteren Produkten Cereulid nachgewiesen.
23. Januar: Ermittlungen wegen zwei toter Babys in Frankreich
In Frankreich wurden nach dem Tod von zwei Säuglingen Ermittlungen wegen möglicherweise verunreinigter Babymilch eingeleitet. Zugleich wurden sämtliche betroffenen Chargen landesweit aus dem Verkauf genommen.
Die beiden Kinder hatten laut Behörden ein von Nestlé zurückgerufenes Milchpulver konsumiert, das wegen einer möglichen bakteriellen Verunreinigung aus dem Handel genommen worden war. Ein direkter ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Produkt und den Todesfällen sei bislang jedoch nicht nachgewiesen worden, sagte die Ministerin. Eine akute wissenschaftliche Warnlage bestehe derzeit nicht.
Besorgte Analysten
Bei Nestlé betrifft der Rückruf mittlerweile gegen 60 Länder. Die Nahrungsmittelkonzerne bekommen die Folgen zu spüren. Die Aktie von Danone brach zuvor wegen des Rückrufs und gesenkter Kursziele mehrerer Analysten zeitweise um fast zwölf Prozent ein.
Auch die Nestlé-Aktie verlor seit Mitte Dezember an Wert. Nach Ankündigung der Untersuchung in Frankreich gab die Aktie alleine am Freitag mehr als ein Prozent nach.
Der Fall entwickle sich laut der Bank Vontobel bei Nestlé zu einem «Albtraum» für das neue Führungsteam und scheine derzeit weitgehend ausser Kontrolle zu geraten, da es fast täglich negative Schlagzeilen gebe. Neben finanziellen und reputationsbezogenen Schäden dürfte die Affäre weitere Fragen zu den Qualitätskontrollen an den Produktionsstandorten sowie zu möglichen Unterinvestitionen im Zuge des Sparprogramms aufwerfen, hiess es in einem Kommentar.
23. Januar: Betroffener Zulieferer wird bekannt
Laut dem französischen Landwirtschaftsministerium stehen die Rückrufe im Zusammenhang mit einer Rohstofflieferung eines einzelnen Herstellers in China. Beim Unternehmen soll es sich um Cabio Biotech handeln, wie die Tamedia-Zeitungen unter Berufung auf eine Sprecherin des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit am Freitag berichteten. Die Firma Cabio Biotech ist einer von drei globalen Herstellern des Öls. Nestlé selber äusserte sich noch nicht dazu.
Sind möglicherweise weitere Produkte betroffen? Laut Tamedia liegen gemäss einer Sprecherin des Bundesamtes für Lebensmittel dazu keine Hinweise vor, die Untersuchungen der Behörden und Unternehmen liefen aber noch.
Hipp und Holle, weitere Produzenten von Babynahrung, geben gemäss Tamedia Entwarnung: Sie hätten andere Zulieferer. Danone hingegen, das Babymilch-Marken wie Aptamil und Milupa herstellt, habe demnach Anfragen «vor mehreren Tagen», ob es bei den Produkten für den Schweizer Markt eine Verunreinigung ausschliessen könne, bisher nicht beantwortet, so Tamedia.
Nestlé und Babynahrung – da war doch was?
Zuletzt war der Westschweizer Konzern im April 2024 wegen Zuckerzusatz in seinen Babynahrungsprodukten ins Visier der NGO Public Eye geraten. Besonders brisant: Während die hiesigen Getreidebreie und Folgemilchprodukte ohne Zuckerzusatz auskommen, versetzte Nestlé diese Produkte in Drittwelt- und Schwellenländern mit Zucker.
(lak, mit Material von sda/dpa/awp)
