Liebe Manosphere-Männer, ihr habt Recht, aber ...
«Meine Frau nenne ich meine Spülmaschine», «Ich f*cke so viele Frauen, wie ich will, aber meine Ehefrau berührt keinen anderen Mann» oder «Ich bestimme, wann ich meinen Sch*anz in sie stecke»: Das sind Aussagen, die Manosphere-Influencer mit einem Millionenpublikum in der neuen Dokumentation «Inside the Manosphere» von Louis Theroux gemacht haben. Die Dok sorgt gerade weltweit für Entsetzen und zeigt Theroux beim Versuch, die Welt der «Red Piller» besser zu verstehen. Bei mir hat die Dokumentation aber ein ganz unerwartetes Gefühl ausgelöst.
Versteht mich nicht falsch, auch ich war beim Schauen zuerst angeekelt. Dann wütend. Dann sprachlos. Das Gefühl, welches aber am Ende wirklich übrig blieb, war vor allem eines: Mitleid. Nicht ein sarkastisches «HAHA, schau mal den dummen Jungen an, mit dem kann man ja nur noch Mitleid haben»-Mitleid. Sondern ein aufrichtiges Mitgefühl dafür, wie gebrochen diese Männer sind.
Denn ja, alle Männer, die Louis Theroux interviewt hat – und ich denke, ein Grossteil der Männer in der Manosphere – sind auf irgendeine Art traumatisiert. Alle sind ohne Vater aufgewachsen. Einer wurde von der Mutter misshandelt. Ein anderer lebte auf der Strasse und hatte seinen Bruder an Suizid verloren. Die Trauer darüber ist ihm in der entsprechenden Szene in der Dok ins Gesicht geschrieben. Aber anstatt mit Theroux darüber zu sprechen, meint er: «Das ist in der Vergangenheit, Gott hat mich da rausgeholt, ich glaube nicht an Depressionen.» In der Manosphere wird sofort eine Schutzmauer von Härte aufgebaut, anstatt sich einzugestehen, wenn man leidet.
Und alle diese Männer leiden. Alle diese Männer haben in ihrem Leben in irgendeiner Art tiefste Erniedrigung erlebt. Und niemand hat ihnen beigebracht, wie man mit dem Gefühl der Scham umgeht, das auf diese Erniedrigung folgt. Stattdessen haben sie diese Scham mit sich getragen und über die Zeit wurde sie zu Wut. Wut auf den Arbeitsmarkt, der einem das Gefühl gibt, ersetzbar zu sein. Wut auf die Gesellschaft, die einem keine Anerkennung gibt. Und Wut auf Beziehungen, in denen Männer immer weniger gebraucht werden.
Und das Verrückte daran ist: Damit liegen die Männer nicht einmal falsch.
Denn ja, liebe Manosphere-Männer, ihr habt Recht. Wir haben ein verschissenes System. Wir sollten uns nicht für Jobs ins Burnout arbeiten, die uns zeigen, dass wir jederzeit austauschbar sind. Eine Gesellschaft, in der man nur wertvoll ist, wenn man Geld und Status hat, ist toxisch. Und der Fakt, dass Frauen in der heutigen Zeit keinen «Ernährer» mehr brauchen, ist unangenehm, wenn man sein ganzes Leben darauf getrimmt wurde, seine Familie allein durchfüttern zu müssen. Das sind alles echte Probleme, die man ernst nehmen muss.
Doch gibt man diesen wütenden Männern Zugriff auf das Internet, geht es nicht lange, bis sie weitere Männer finden, die genau gleich wütend sind wie sie. So können sich diese Männer in ihrem Hass bestärken und ein gemeinsames Feindbild finden. Das sind dann die Frauen. Oder die Migranten. Oder die Matrix.
Und diese Schlussfolgerung ist dann der Punkt, an dem mein Mitleid ein Ende hat. Denn dort würde nämlich die wirkliche Arbeit beginnen. Die unangenehmen Gefühle. Die Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Verantwortung für das eigene Leben.
Aber diese Arbeit machen diese Männer nicht.
Denn solange sie jemanden zum Beschuldigen haben, der nicht sie selbst ist, sind sie zufrieden. Weil ja, es ist viel einfacher, einen Sündenbock zu finden, als sich eingestehen zu müssen, dass der eigene Vater einen nicht genug geliebt hat. Oder sich eingestehen zu müssen, dass die Mutter mehr für ihre Drogen geopfert hat als für ihre eigenen Kinder.
Und was machen diese Männer, statt sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen? Sie wenden sich genau an den Mann, der am meisten von ihrer Misere profitiert: Andrew Tate. Ein Mann, der selbst in der Öffentlichkeit mehrmals verkündet hat, dass er von seinem Vater regelmässig verprügelt wurde. Ein Mann, der einen grossen Teil seines Vermögens damit machte, verzweifelten Männern Tipps zu geben, wie sie die Kontrolle über ihr Leben zurückbekommen. Ein Mann, der davon profitiert, wenn so viele Männer wie möglich unzufrieden mit sich und der Welt sind.
Er verspricht ihnen Freiheit, weil sie aus der «Matrix» entflohen sind. Aber eigentlich sind sie die Menschen, die am meisten gefangen sind. Gefangen in einem System, in dem man Geld aus den Unsicherheiten der Bevölkerung schlägt. Gefangen im Patriarchat, das nicht nur Frauen unterdrückt, sondern auch Männer in Rollen festhält, die sie krank machen. Und zusätzlich sind sie gefangen in der Manosphere, die just die Menschen ausnützt und beschämt, denen sie verspricht, sie zu befreien.
Dieser Kommentar soll kein «Ach, die armen Männer»-Artikel sein. Denn obwohl ich Mitleid mit diesen Männern habe, werde ich nie Verständnis für ihre Handlungen und Haltungen haben. Denn ganz ehrlich, als Frau ist es beim Schauen solcher Dokumentationen und der heutigen Weltgeschehnisse sehr verlockend, alle Männer abzuschreiben. Sich dem Männerhass zu verschreiben und sich dem 4B-Movement anzuschliessen.
Aber ich weiss, dass das auch nicht die Lösung ist. Es bringt nichts, wenn wir diese Männer ausgrenzen, über sie lachen oder sie als schwul bezeichnen (ja, das passiert sehr oft). Das treibt sie nämlich nur weiter in die Manosphere hinein. Weiter in ihren Hass. Um das Problem der Alpha-Männer anzugehen, müssen wir als Gesellschaft besser werden. Wir müssen Communitys für Männer schaffen, die nicht auf Frauenhass basieren. Wir brauchen Hilfe für junge, traumatisierte Menschen, bevor sie in ein Extrem rutschen, aus dem man sie nicht mehr hinaus bekommt. Und vor allem brauchen wir Zusammenhalt. Denn gemeinsam sind wir immer noch am stärksten – auch wenn es gerade nicht so scheint.
Und mit diesen Worten beende ich nun diesen Kommentar – und damit meinen letzten Artikel hier bei watson. Ich habe auf Ende März gekündigt. Danke für die schöne Zeit!
