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Sie holt die Acts ans Festival –so schwierig ist gendergerechtes Booking

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Sie holt die Acts ans Festival – so schwierig ist gendergerechtes Booking

Gute Line-Ups zusammenzustellen ist nicht einfach – vor allem, wenn sie zudem ausgeglichen und genderdivers sein sollen. Lena Fischer und ihr Team sind für die Bookings des Gurten-Festivals verantwortlich. Im Interview mit watson erklärt sie, wie das Buchen von Acts funktioniert und worauf es ankommt.
05.06.2022, 16:2222.06.2023, 15:45
Anna Böhler
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Wie zufrieden bist du mit den diesjährigen Line-Ups der grossen Schweizer Festivals?
Lena Fischer:
Das ist natürlich immer eine Frage der Perspektive. Wenn man einige Jahre zurückschaut, merkt man, wie der Frauenanteil in Musikprogrammen immer wichtiger wird und diese immer diverser werden. Trotzdem gibt es bestimmt auch noch Luft nach oben, was den Frauenanteil betrifft – auch bei uns am Gurtenfestival.

Wie schwierig ist es denn überhaupt, Frauen auf die Bühne zu holen?
Ich bin der Meinung, es sei gar nicht so schwierig (lacht).

Aber die aktuelle Diskussion zeigt ja, dass es schwierig sein kann.
Es ist wichtig, dass man hier unterscheidet. Ein einzelnes Konzert in einem Club ist nicht dasselbe, wie die Organisation eines ganzen Festival-Programms. Und auch bei den Festivals kommt es auf die Grösse, das Genre und viele weitere Faktoren an.

Zur Person
Lena Fischer ist beim Gurtenfestival eine von drei Mitarbeitenden des Booking-Teams und Mitglied der Geschäftsleitung. Zudem ist sie Pressesprecherin und Verantwortliche des Marketings und der Kommunikation.

Wie plant ihr euer Line-Up?
Vom ersten Entwurf des Programms bis zum definitiven Line-Up gibt es unzählige Veränderungen. Es ist ein langer Prozess, bei dem man sich als Erstes überlegt, was und wen man gerne dabei hätte.

Und dann? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Act am Schluss auf eurer Bühne steht?
Voraussetzung ist erst einmal, dass der Act unterwegs, also auf Tour ist. Des Weiteren muss er auf seiner Route auch ungefähr an der Location des Festivals vorbeikommen. Der Act muss Lust haben auf einen Auftritt an unserem Festival und mit der Gage einverstanden sein.

Aerial view of the tent village at the Gurten music open air festival in Bern, Switzerland, Friday, July 17, 2015. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Bild: KEYSTONE

Wie sind die Kriterien von eurer Seite aus?
Er muss ins Programm passen, sowohl auf den einzelnen Tag bezogen, wie auch über das ganze Festival hinweg betrachtet. Dann kommt es auch noch darauf an, was zum gleichen Zeitpunkt auf den anderen Bühnen läuft.

Das hört sich ziemlich komplex an.
Ja. Es kommen viele, oftmals unkontrollierbare Faktoren zusammen. Manchmal sind gewisse Dinge dann nicht möglich – weil sie ohne Hexerei schlicht und einfach nicht umsetzbar sind. Man muss sich immer wieder damit auseinandersetzen und sich fragen: Ist mein Line-Up ausgewogen? Sind genug Frauen dabei? Ist es divers? Wir beurteilen ständig von Neuem, ob wir uns noch auf dem richtigen Weg befinden.

Wie zufrieden bist du dieses Jahr mit eurer Arbeit?
Wenn man bei uns zählt – und zwar so, dass man jede Gruppe mit mindestens einem weiblichen Mitglied als femininen Act dazuzählt – haben wir zwischen 40 und 50 Prozent Frauenanteil. Das ist in unserem Fall machbar. Nächstes Jahr kann das auch bei uns wieder anders aussehen – es ist kein Wunschkonzert. Wir hätten unglaublich gerne ausgeglichene Headliner gehabt, also zwei männliche und zwei weibliche, haben es jedoch nicht geschafft. Trotzdem sind wir zufrieden.

Du findest also, dass man mit dem dafür benötigten Aufwand ein ausgeglichenes Programm auf die Beine stellen kann?
In unserem Fall dieses Jahr: ja. Denn egal in welchem Bereich des Lebens, wenn man sich gewisse Werte auf die Fahne schreibt, muss man auch etwas dafür tun, um diese Werte zu vertreten und verteidigen.

Woran liegt es denn, dass es besonders schwierig ist, passende weibliche Acts für ein Festival zu gewinnen? Musikerinnen gäbe es ja genug.
Man kann das Problem nicht einfach auf einen einzigen Grund zurückführen – das sind ganz unterschiedliche Faktoren, die diese Ungleichheit begünstigen. Jetzt tut sich in der Branche zwar etwas, aber das war lange anders. Für lange Zeit fehlten die weiblichen Vorbilder, auf und auch hinter der Bühne. Es fehlte die Repräsentation der Frauen und FINTA allgemein in der Musikszene. Dies hat wiederum einen grossen Einfluss darauf, welchen Weg junge Frauen einschlagen. Es ist ja nicht so, als gäbe es in der Schweiz und international wenig Frauenbands – das stimmt nicht, denn es gibt unzählige.

Peoples enjoy the concert of US band Prophets Of Rage on the Main Stage during the 35th edition of the Gurten music open air festival in Bern, Switzerland, this Thursday, July 12, 2018. The open air m ...
Bild: KEYSTONE

Woran könnte es sonst noch liegen?
Lange fehlte eine Sensibilisierung für das Thema Frauen in der Musik. Die jetzige Situation sollte man als Chance verstehen: Man kann merken, dass man es in der Vergangenheit versäumt hat, gleich viele Frauen wie Männer ins Programm zu nehmen und nun aktiv versuchen, etwas daran zu ändern. Dafür muss man an verschiedenen Orten ansetzen, denn auch die internen Unternehmensstrukturen der Veranstalter müssen meiner Meinung nach divers sein, um einen Wandel anzustossen.

Inwiefern trifft dies auf dein Team zu?
Wir tauschen uns viel über unsere Werte aus, wofür wir stehen möchten und unsere Vision. Genau danach richtet sich unsere Arbeit und entsprechend auch das Endprodukt: das Line-Up. Damit will ich nicht sagen, dass wir alles perfekt machen und wir uns nun zurücklehnen dürfen – auch wir lernen noch. Aber wenn wir unser Endprodukt betrachten, sehen wir, dass dieses sich mit unserer Vision deckt.

«Es ist der Sache nicht dienlich, auf einen weiblichen Act zu bestehen, unabhängig davon, ob dieser festivaltauglich ist, im Budget liegt und zur Stimmung passt.»

Wieso bekommt ihr ein ausgewogenes Line-Up hin und andere nicht?
Ich kann nur für unser Festival sprechen. Bei uns, denke ich, liegt es daran, dass wir uns intensiv damit auseinandersetzen. Wir legen grossen Wert auf das Kuratieren. Wir wählen nicht bloss Künstler und Künstlerinnen, die ins Budget passen und Zeit haben: Wir möchten eine Stimmung erzeugen und, dass die aufeinanderfolgenden Auftritte harmonieren. Dort hinein fliesst eben auch die Vision, Frauen angemessen auf der Bühne zu repräsentieren. Vor allem meine zwei Kollegen sind schon lange im Business und gut vernetzt – das spielt uns natürlich auch in die Karten.

Mal angenommen, euch fehlen für ein ausgeglichenes Line-Up noch zwei weibliche Acts: Wie gehst du vor?
Ich schaue mir den freien Slot an und überlege, welche Art von Musik und welche Atmosphäre dort gut reinpassen würde und welche Acts ich sowieso im Hinterkopf präsent habe. Idealerweise gibt es da gleich einen Match.

Und die kennst du alle auswendig? Oder habt ihr da eine Liste?
Weil ich mich täglich damit beschäftige, kenne ich schon einige Künstlerinnen – aber das ist ja je nach dem bloss der erste Schritt. Danach schreibe ich einige Ideen auf, lasse diese erstmal auf mich wirken und tausche mich auch mit meinen zwei Kollegen darüber aus. Im Idealfall macht man direkt eine Anfrage beim Booker oder der Bookerin der Künstlerin und wenn wir uns noch nicht einig sind, diskutieren wir nochmals darüber.

Wenn du für diesen Slot drei weibliche Acts anfragst und keine davon klappt: Wie machst du weiter?
Ab einem gewissen Zeitpunkt spielt halt auch der Zeitdruck eine immer wichtigere Rolle und nach wie vor das Programm als Ganzes. Man kann sich das Programm vorstellen wie ein Puzzle: Man beginnt bei den grossen Teilen, den Headlinern und arbeitet sich dann nach unten, zu den Kleineren. Wenn ein Act wegfällt, ändert sich immer auch etwas im Gesamtkonstrukt. Man lässt nicht gleich zu Beginn alle Anfragen auf einmal heraus, sondern macht dies Schritt für Schritt. Manchmal bekommt man schnell Bescheid, manchmal zieht sich dieser dynamische Prozess über Wochen hinweg. Und irgendwann muss man das Programm fertigstellen, mit dem was man hat und dem, was möglich ist.

Und das ist ein Rückschlag?
Es ist nicht so, dass wir Slots bestimmen, die unbedingt von Frauen besetzt werden müssen – es geht mehr darum, das Festival als Ganzes zu betrachten. Man muss abwägen, was in solchen Momenten mehr Gewicht bekommt. Es ist der Sache ja auch nicht dienlich, auf einen weiblichen Act zu bestehen, unabhängig davon, ob dieser festivaltauglich ist, im Budget liegt und zur Stimmung passt. Das muss alles immer im Verhältnis zueinander stehen. Es ist ein Balanceakt. Die Kunst des Erstellens von Line-Ups ist es, die Balance zu halten.

«Wenn alle bei sich selbst anfangen, können wir gemeinsam Grosses bewirken.»

Hast du ein konkretes Beispiel für einen solchen Balanceakt?
Wir haben am Gurten verschiedene Altersgruppen im Publikum. Es muss für Junge und Alte etwas dabei sein. Wir sind ein Mainstream-Pop-Festival und wollen deshalb den Fokus nicht all zu fest auf nur ein Genre legen. Wir stellen uns deshalb immer wieder die Frage, ob das Buchen dieses Acts ein Mehrwert fürs Publikum, ein Mehrwert für die Auftretenden und einen Mehrwert für uns als Veranstalter ist.

Wie unterscheidet sich das Booking eines Konzerts von jenem eines Festivals?
Wenn du im Club ein Konzert machst, hast du meistens einen einzigen Act. Dieser Act muss eine bestimmte Anzahl Tickets verkaufen, um das Geld wieder reinzuholen. Das ist eine andere Ausgangslage, als wenn du drei Tage hast, die aufeinander abgestimmt werden müssen. Beim Festival ist es so, dass schlussendlich das Gesamtprogramm eine gewisse Anzahl Tickets verkaufen muss: Hier sind die grösseren Namen die treibende Kraft. Es sollte kein Act komplett aus der Reihe tanzen und gleichzeitig sollten alle Besucher und Besucherinnen auf ihre Kosten kommen.

Wie unterscheiden sich die Genres? Ist es beispielsweise im Schlager einfacher, weibliche Auftritte zu finden als im Hiphop?
Auch hier hat sich viel getan in den letzten Jahren. Es gibt unglaublich viele grosse Pop-Sängerinnen, wohingegen es beim Rock oder Hardrock vermutlich schwieriger wird. Ich würde behaupten, wenn man die Menschen auf der Strasse bittet, spontan einige Hiphop Künstler aufzählen, nennen sie vor allem Männernamen. Und das, obwohl es so viele Rapperinnen gibt. Hier sind wir wieder beim Problem der Repräsentation angekommen.

Was da wäre?
Lena Fischer: Aufgrund fehlender Repräsentation von Frauen in gewissen Genres wird uns bereits in jungen Jahren die Idee in den Kopf gepflanzt, Hiphop beispielsweise sei eine Männerdomäne. Wenn wir diese Stereotypen aufbrechen können, haben wir bereits extrem viel geschafft.

epa06083775 Festival-goers watch the concert of British band Royal Blood during the 34st Gurten music open air festival in Bern, Switzerland, 12 July 2017. The festival runs from 12 to 15 July. EPA/AN ...
Bild: EPA/KEYSTONE

Unausgeglichene Line-Ups sind also die Folge eines strukturellen Problems, und nicht das Produkt ignoranter Veranstalter, die keine Frauen ins Programm nehmen möchten.
Das ist definitiv ein strukturelles Problem. Das, was wir als Veranstalter machen können, ist, in unserem Wirkungsfeld Einfluss zu nehmen. Wir müssen bei uns selbst ansetzen. Mein Wirkungskreis besteht aus meinem Team und meinem Job. Ich kann nicht grundlegende Gesellschaftsstrukturen im Alleingang verändern. Aber ich kann mit meinen Bookings, meiner Kommunikation und meinem täglichen Schaffen etwas bewirken. Wie so oft gilt auch hier: Wenn alle bei sich selbst anfangen, können wir gemeinsam Grosses bewirken.

Werden Künstler in verschiedene Klassen eingeteilt? Also gibt es wie bei den Promis A-, B- und C-Acts?
Wir haben keine A-, B- oder C-Bezeichnung. Aber es ist natürlich so, dass man sich überlegt, wie viele Tickets ein Auftritt in etwa verkaufen wird. Wir brauchen eine gewisse Anzahl Tickets, damit das Festival rentiert. Insofern wird sicherlich abgestuft und die Slots dementsprechend verteilt: Beyoncé gehört in eine andere Liga als Lo&Leduc.

Was bedeutet das für das Budget, das für einen Act ausgegeben werden kann?
Wir haben ein Festivalbudget, das für vier Tage reichen muss. Aber wir sagen nicht, Slot X bekommt Y Franken zugesprochen. Es gibt jedoch bestimmt eine Preisrange, die nicht überstiegen werden kann. Dann müssen wir auf einen anderen Künstler ausweichen.

Wieviel kostet so ein Headliner wie beispielsweise Erykah Badu?
Das verraten wir nicht (lacht).

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1977 – Die Bands:
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quelle: gurtenfestival.ch
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100 Kommentare
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The Danisher
05.06.2022 16:33registriert Juni 2019
Ich finde die Thematik anstrengend. An Festivals gehe ich aufgrund der Musik, der Künstler ist mir grundsätzlich egal.
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eddie_c
05.06.2022 16:35registriert Mai 2020
Kommentarspalte im anderen Artikel: firstworldproblems.jpeg

Watson heute: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen 😤
17729
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Smee Afshin.
05.06.2022 18:44registriert April 2021
Wenn gendergerechtes Casting so schwierig ist, empfehle ich genderunabhängiges Casting: Engagiert einfach Bands, die gute Musik machen.
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