Erinnerst du dich? Die schönsten Autobahn-Restis deiner Sommerferien damals
Uff. Langweilig waren sie, die langen Autofahrten gen Süden. So, als Kind, damals in den 1970er oder 1980er Jahren. Nö, Tablets gab es damals nicht. Und irgendwann liess der Reiz des x-ten «Ich sehe was, was du nicht siehst»-Spiels nach. Glücklich konnte sich schätzen, wem es beim Lesen im Auto nicht übel wurde. Bei mir – leider Fehlanzeige. Ich war dazu verdammt, aus dem Fenster zu gucken.
Umso grösser war die Freude, wenn es endlich einen Rasthalt gab. Und die allergrösste Freude war, wenn dieser Halt in einer jener richtig grossen Autobahn-Raststätten stattfand. Ihr wisst schon – so ein Mega-Ding mit Selbstbedienungsrestaurant, Shops, Spielplatz und allem Drum und Dran. Die Betreiber erkannten das Potenzial dieser Orte früh und setzten konsequent auf Kundenbindung. Gastro-Konzept und Sortiment wurden eng mit der jeweiligen Marke verknüpft …
… und um die Kundschaft weg von der Autobahn zu locken, brauchte es auch mal ein architektonisches Statement.
In der Schweiz kannte man als Kind schon den «Fressbalken» Würenlos im Aargau (eröffnet 1972, Bild oben) oder die Raststätte Pratteln bei Basel, die 1978 eröffnet wurde:
Die Restaurants waren oft von Mövenpick …
… oder Silberkugel.
Ich mochte die Silberkugel-Restis vor allem wegen ihrer Fingerdock-Esstheken. Und der Silber-Beefy war ordentlich fein.
Aber die allerbeste Silberkugel (aus Kindersicht) war die bei der Autobahnraststätte Deitingen-Süd an der A1 im Kanton Solothurn, …
… weil … nun, weil hey, schon als Knirps fand man die Architektur grossartig!
1968 wurde diese Raststätte mit dem markanten Betonschalendach des Ingenieurs Heinz Isler eröffnet.
Fun Fact: Unter der Dachwölbung entsteht ein geniales 50s-Elvis-Echo – je nachdem, wo genau ihr euch hinstellt. Singt beim nächsten Tankstopp mal «Heartbreak Hotel» – ihr werdet staunen, wie geil das klingt.
In Grossbritannien derweil gab es das hier:
Little Chef war jahrzehntelang in Grossbritannien allgegenwärtig. Diese Raststätten-Restis waren in etwa eine Mischung aus konventionellem Restaurant und Büezer-Café. Beliebt war etwa das «Olympic Breakfast» (das im Grunde genommen ein typisches Full English Breakfast war – allerdings zu einem sehr fairen Preis).
Und ja, auch hier gab es das eine oder andere architektonische Statement.
Anstelle einer marktbeherrschenden Einzelmarke wie Little Chef setzte Deutschland auf ein staatlich sanktioniertes Monopolsystem. In der Bundesrepublik wurden die Autobahnraststätten von der Gesellschaft für Nebenbetriebe (später umbenannt in Tank & Rast) verwaltet.
Bekannt war etwa die 1969 eröffnete Raststätte Dammer Berge auf der Autobahn A1 in Niedersachsen:
«Restauroute» hiess so was in Frankreich. Dort gab es unter anderem das ikonische Isardrôme (eröffnet 1967) an der A7 bei Saint-Rambert-d'Albon in der Auvergne.
Ja, in Frankreich haben sie Platz.
Aber meine absoluten Favoriten als Kind waren italienische Autobahnraststätten. Genauer: Autogrill. Noch genauer: Autogrill Villoresi Ovest bei Lainate an der Autobahn Milano–Laghi. Ihr wisst schon, welchen ich meine:
Wer hat's erfunden? Naja, in Europa ganz klar die Italiener. Der Biscuithersteller und Unternehmer Mario Pavesi hatte bereits 1947 seinen ersten Strassenimbiss eröffnet. Doch nach einer USA-Reise brachte er das Konzept der amerikanischen Roadside-Diners mit nach Italien, passte die Idee an den lokalen italienischen Geschmack an und liess «Autogrill» 1959 offiziell als Marke eintragen.
Die ikonische Raststätte Villoresi Ovest, entworfen von Angelo Bianchetti, wurde bereits ein Jahr zuvor, im Jahr 1958, eröffnet. Viele fanden, dass sie eher wie eine Raketenstartrampe als wie eine Raststätte aussah. Die kreisförmige Glasfassade wurde von drei Bögen gekrönt, auf denen das Pavesi-Logo in 51 Metern Höhe über dem Boden prangte.
Sie wurde sogar in der Zeitschrift «Life» (26. September 1960) als eines der Bauwerke vorgestellt, die den wirtschaftlichen Aufschwung Europas symbolisierten.
Ach, übrigens, die Raststätte Villoresi EST, auf der anderen Strassenseite, kann sich auch sehen lassen:
Die ist aber neueren Datums – von 2013. Vom Architekten Giulio Ceppi entworfen, fungiert der «Vulkangipfel» als natürliche Belüftung und strahlt über Tausende Quadratmeter klimaregulierende Rohrschlangen aus. Die geschwungenen Linien bestehen aus einem massiven Gerüst aus nachhaltig gewonnenem Schichtholz, das so konstruiert ist, dass es Sonnenenergie sammelt und Regenwasser auffängt.
Zurück zu den Vintage-Teilen! Bianchetti war übrigens auch der Schöpfer der allerersten Brücken-Autobahnraststätte Europas mit dem Autogrill Fiorenzuola d’Arda anno 1959:
Natürlich gab es noch andere ikonische italienische Raststätten-Brands – zum Beispiel Motta. Doch 1977 schlossen sie sich alle unter dem Markennamen Autogrill zusammen.
Bereits als Kind erkannte ich, dass einige davon in den 1980er-Jahren ein wenig von ihrem Charme verloren hatten. Aber das Essen – hey, das Essen war immer gut. Jedenfalls um Längen besser zumindest als die schweizerischen oder französischen Pendants (von den Deutschen und Engländern ganz zu schweigen). Ja, die Italiener bewiesen der Welt, dass selbst Autobahn-Food vom Selbstbedienungsbuffet ordentlich fein sein kann.
Anders als Little Chef, das 2018 dichtgemacht wurde, oder Silberkugel, von dem heute genau noch eine einzige Filiale in Zürich-Oerlikon existiert, gibt es Autogrill-Raststätten heute in über 30 Ländern auf der Welt – auch in der Schweiz. Die eingangs erwähnte Pratteln-Raststätte? Genau. Autogrill. Autogrill S.p.A. ist weiterhin eine italienische Firma, … gehört aber mittlerweile zum Schweizer Duty-Free-Konglomerat Avolta.
Ach übrigens: Die Raststätte Villoresi Ovest wurde 2020 komplett renoviert.
Und der Kronleuchter ist weiterhin da!
Vielleicht halte ich dort demnächst auf meinem Weg nach Süden kurz an … einfach aus Nostalgie.
BONUS:
Jenes vorhin gezeigte Little-Chef-Gebäude? Es heisst The Markham Moor Scorer Building und war 2012 bis 2019 unbenutzt ... und jemand beschloss, es als Halfpipe zu benutzen. 😅
