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bild: via vintag.es/watson

Hyggest du noch oder Social Cocoonst du schon?

Eine leicht genervte Wort- und Trend-Betrachtung.
03.10.2021, 16:03

Clanning* war gestern. Heute ist Social Cocooning angesagt.

Darauf hat die Welt gewartet. Noch so ein saublöder Begriff.

Das lieber zuhause Rumhängen als sich in irgendeiner überfüllten Bar herumzutreiben hat also einen neuen Namen bekommen. Obwohl. So neu nun auch wieder nicht. Den Trend- und Zukunftsforschern ist zumindest das Cocooning – ohne Social – bereits seit 1981 bekannt. Faith Popcorn hat den Begriff erfunden. Wie sollte die Mutter der Futurologie auch sonst heissen.

Damals jedenfalls soll es angefangen haben, die Sache mit dem Cocooning, dem sich Einspinnen im heimeligen Kokon.

Kim Kardashian beim modernen Hard-Core-Cocooning.
Kim Kardashian beim modernen Hard-Core-Cocooning.

Nur bevor wir uns ordentlich über diesen strunzdummen Begriff auslassen, ihn nackt durch die Gassen zerren und dem Spott, den faulen Tomaten und allem sonstigen Unrat des Pöbels aussetzen, werden wir ihn wohl erklären müssen. Ganz nach dem Motto: Kenne deinen Feind.

Erschöpft vom ständigen Partymachen in den 70ern, die Beine vom andauernden Discofoxen noch ganz wackelig, hauten sich die jungen Leute zuhause aufs Sofa und ergötzten sich fortan am neu erworbenen Kabelfernsehen. Das zuvor beim Friseur so sorgsam ondulierte Haar begann Fett anzusetzen und allmählich matt und unansehnlich zu werden.

Tausende Menschen frönten nun also erstmals dem Cocooning. Bis sie irgendwann ihre lampig gewordenen Dauerwellen abschnitten, den Rest ihres Haars streng nach hinten gelten, ihren Boss-Anzug anzogen und zur Arbeit gingen.

Aus den kiffenden Hippies waren koksende Yuppies geworden – und mit diesen konsumfreudigen Hedonisten ging der Trend nun so richtig los. Wohngemeinschaften und Kommunen waren passé, jetzt hauste man in ultraschicken Single-Appartements an bester Lage. Auf einer sündhaft teuren Rolf-Benz-Couch liess es sich selbstredend noch viel genüsslicher cocoonen.

Auch davor zu cocoonen war völlig legitim.
Auch davor zu cocoonen war völlig legitim.
bild: rolfbenz.com

Und weil der Begriff Cocooning aus jenen wirtschaftlich bombigen Zeiten stammt, scheint er noch heute einen moralisch ramponierten Schatten zu werfen. Den Schatten der Gleichgültigkeit, die der sich zuhause eingemummelte Yuppie dem Rest der Welt entgegenbrachte. Sein mickriger Verantwortungshorizont, der nicht mehr länger über die eigene Haustür reichte. Sein arrogantes Sekt-Geschlürfe. Sein rücksichtsloser Individualismus.

Die Wirtschaftskrise 2007/8 bescherte jenen Grossspur-Städtern dann auch ein Ende. Ihr Erbe traten die Bobos (bourgeoise Bohemien) und Hipster an.

Und mit ihnen gesellt sich jetzt eben dieses nebulöse Wörtchen «social» zum Cocooning.

Die Dänen allerdings kennen diesen Lebensstil schon sehr lange. Sie nennen ihn Hygge. Sie brauchen ein einziges schönes Wort, das in seiner ursprünglichen Bedeutung so viel wie «hegen», «Wohlbefinden verbreiten» meint, aber in seinem gelebten Pendant noch viel weiter geht: Man richtet seine Wohnung schön ein, man macht es sich gemütlich, friedlich, warm.

Auf dem Midcentury-Sideboard steht ein farbreduzierter Trockenblumenstrauss in einer handgetöpferten Vase, eine Kerze flackert auf dem lose gebauten Bücherturm neben dem blassrosa Sofa. Über seiner Lehne hängt, als wär sie nachlässig da hingeworfen worden, eine grobmaschige Chunky-Wolldecke.

Nun aber hockt man sich nicht allein in jene hyggelige Atmosphäre, man geniesst sie mit der Familie, man lädt Freunde ein, man ist zusammen. Ausser man will einfach eines dieser #mycosylivingroom-Bilder auf Insta posten. Auf dem dann die Kafitasse mit Milchschaum-Herzli – #latteart – überaus umständlich über die in dicken Wollsocken steckenden Füsse gehalten wird.

Die Lichterkette darf natürlich nicht fehlen! Wer breitet sie nicht neben sich auf der Decke aus, während man liest und den Daumen in den Kaffeetassenhenkel steckt, damit man möglichst bequem daraus trinken kann.
Die Lichterkette darf natürlich nicht fehlen! Wer breitet sie nicht neben sich auf der Decke aus, während man liest und den Daumen in den Kaffeetassenhenkel steckt, damit man möglichst bequem daraus trinken kann.
bild: shutterstock

Die ganze Herzlichkeit gilt dann halt nicht den am heimeligen Social Cocooning Beteiligten, sondern der digitalen Community da draussen auf Social Media. Dafür gibt's digitale Herzen.

Wenn wir nun aber Hygge haben, warum um Himmels Willen brauchen wir dann auch noch den Begriff Social Cocooning?

Braucht ein neuer Megatrend einfach ein megadoofes englisches Wort?

Und warum immer dieses mittlerweile hochgradig pervertierte Wort «social» für etwas, was gerade im Vergleich zu seiner Online-Spiegelung auf Social Media ein echtes Interesse an, ein wahres Verbundensein mit anderen Menschen meint?

Hygge ist nicht inszeniert. Hygge ist frei von Neid und Heuchelei. Hygge hat keinen Geltungsdrang über sich selbst hinaus. Hygge ist Frieden. Hygge ist Freiheit.

Also zwingt jenes ungezwungene Zusammensein gefälligst nicht in dieses schmähliche «social-»Korsett.

Und was soll das überhaupt mit dem Cocooning?

Damit man in Zeiten von Corona den nochmal um eine Nuance unerquicklicheren Ausdruck Corcooning ersinnen kann, um von einem Pandemie bedingten Daheimbleiben zu sprechen?

Ich hab keinen Kokon, ich hab ein Haus. Und es ist auch nicht aus dem Sekret meiner Mutter gebaut. Nur mit ihrem Geld gekauft. Wie sollte ich denn auch meine Freunde in einen Kokon einladen, ist ja viel zu klein.

Ich bin auch keine Larve im bewegungslosen Übergangsstadium zum geschlechtsreifen Vollinsekt.

Und wenn man schon für so einen grüseligen Insekten-Vergleich herhalten muss, dann gib mir statt so eines ordinären Mumiensacks wenigstens eine ordentliche Oothek, wie sie die Amerikanische Grossschabe anfertigt.

Und dann nennen wir das Ganze Caring Oothecing.

Zwei Ootheken (altgr. ὠόν oon «Ei» und gr. θήκη théke «Ort zur Aufbewahrung») der Amerikanischen Grossschabe (Periplaneta americana).
Zwei Ootheken (altgr. ὠόν oon «Ei» und gr. θήκη théke «Ort zur Aufbewahrung») der Amerikanischen Grossschabe (Periplaneta americana).
bild: wikimedia

Obwohl. Darin hat's dann auch bloss Platz für die «untrennbar miteinander verklebten Eier».

Bäh.

Das Cocooning – ob sozial oder nicht – wird als Rückzug definiert. Oft auch von einer bösen, unüberschaubar und unsicher gewordenen Welt. Eine Art Flucht also. Ein Zurückweichen aufgrund einer Unterlegenheit. In der Militärtaktik auch als das gefechtmässige Lösen vom Feind bezeichnet.

Napoleon auf dem Rückzug von Moskau, 1812. Wir lernen: Versuch erst gar nicht, in Russland einzufallen, es ist fast so dumm wie der Ausdruck «Social Cocooning».
Napoleon auf dem Rückzug von Moskau, 1812. Wir lernen: Versuch erst gar nicht, in Russland einzufallen, es ist fast so dumm wie der Ausdruck «Social Cocooning».
bild: wikimedia

Nur, was hat denn eine Larve schon von der Welt gesehen? Wovon soll sie sich bitte schön zurückziehen? Die war ja gar nie woanders. Die beginnt ihr Leben in ihrem Gespinst.

Und hierin steckt dann auch das einzig Versöhnliche an diesem blöden Begriff. Des Pudels Kern.

Alles beginnt Zuhause. Und wenn man es sich da schön gemacht hat, dann geht man eben auch immer wieder gern dahin zurück. Mit lieben Menschen, die man in jenem garstigen Draussen zusammengesammelt hat.

*Clanning beschreibt die Suche nach Gruppenzugehörigkeit und damit das menschliche Bedürfnis, sich einem Clan zugehörig zu fühlen. Auch dieser Begriff wurde erstmals von der amerikanischen Trendforscherin Faith Popcorn beschrieben.

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