Wegen Scham: Immer mehr Männer entscheiden sich für Brustverkleinerung
Man muss nur einmal Instagram öffnen und dann dauert es meist nicht lange, bis einem der erste scheinbar perfekt durchtrainierte Mensch begegnet. Fit, muskulös, makellose Haut – wie machen die das bloss?
Wenn man dann an sich selbst herunterschaut, fallen die Körperteile, die nicht dem Insta-Ideal entsprechen, doppelt so deutlich auf. Pickel statt glatter Haut, Speckröllchen statt Sixpack ... solche Vergleiche können ganz schön am Selbstbewusstsein nagen. Zumal manche körperlichen Eigenschaften genetisch bedingt sind und man mit einer Änderung des Lebensstils nur bedingt Einfluss darauf nehmen kann.
Männerbrust: Betroffene erleben Leidensdruck
Es gibt aber auch Fälle, in denen sowohl genetische als auch externe Faktoren eine Rolle spielen können, zum Beispiel bei der Gynäkomastie. Dabei handelt es sich um eine Vergrösserung des Brustdrüsengewebes bei Männern; im Deutschen spricht man teils von «Männerbrust», im Englischen ist die Rede von «man boobs».
Laut AOK sind im höheren Alter (zwischen 50 und 80 Jahren) mindestens ein Viertel der Männer betroffen. Aber auch unter Teenagern ist die Männerbrust verbreitet: 60 Prozent der 13- bis 14-Jährigen würden zumindest zeitweise eine Gynäkomastie entwickeln. Bei einigen bildet sie sich von selbst wieder zurück, bei anderen bleibt sie hingegen bis ins Erwachsenenalter erhalten. Und das hat für manche Betroffene schwere psychologische Folgen.
«Es gab Sommer, da musste ich zwei Shirts übereinander tragen, nur um mich wohl genug zu fühlen, um nach draussen zu gehen, selbst bei 38 Grad Celsius», erzählt Lewis Gonzalez der «New York Post» zufolge. Mit Anfang 20 habe er nach einer Trennung noch einmal deutlich zugenommen, sodass er am Ende 136 Kilogramm wog.
«Das zusätzliche Gewicht verschlimmerte alles nur noch. Es sah aus wie ein Paar Frauenbrüste», erinnert sich der heute 44-Jährige. «Es war schwierig, Kontakte zu knüpfen. Es war schwierig, überhaupt etwas zu unternehmen.» Irgendwann nahm er wieder deutlich an Gewicht ab, doch die «man boobs» blieben – und damit auch die psychische Belastung.
Um sich nicht bis zu seinem Lebensende damit auseinandersetzen zu müssen, entschied sich Gonzalez vor einigen Jahren für eine Brustverkleinerung. Insgesamt 10'000 Dollar musste er dafür zusammensparen. Am Ende hat es sich aber für ihn gelohnt: «Es hat mein Leben verändert». Nach der OP habe er sich erst daran gewöhnen müssen, wieder mit erhobenem Oberkörper und Selbstvertrauen vor die Tür zu gehen.
Männerbrust: Schönheitschirurgen verzeichnen Anstieg
Gonzalez ist längst nicht der einzige Mann, der sich für solch einen Eingriff entschieden hat. «Seit 2020 habe ich definitiv einen starken Anstieg bei Männern beobachtet, die sich beraten lassen und sich einer Gynäkomastie-Operation unterziehen», zitiert die «New York Post» Claudia Kim, die als Schönheitschirurgin in New York arbeitet.
Auch die American Society of Plastic Surgeons hat dem Bericht zufolge einen deutlichen Anstieg verzeichnet. Mittlerweile sei der Eingriff in Zusammenhang mit der Gynäkomastie die beliebteste Schönheitsoperation unter US-amerikanischen Männern. Während sich 2019 noch knapp 21'000 Menschen wegen ihrer Männerbrust operieren liessen, waren es 2024 schon über 26'000.
Einen Grund für die Entwicklung liefert womöglich Social Media. Dort werden Menschen zwar häufig mit unrealistischen Schönheitsidealen konfrontiert. Allerdings gibt es auch Männer, die ganz offen über die Probleme mit ihrer Gynäkomastie sprechen und das Thema so schrittweise enttabuisieren.
Gonzalez selbst rät Betroffenen dazu, sich nur operieren zu lassen, wenn man es für sich selbst tun wolle. Das eigene Wohlbefinden sei am wichtigsten. «Habt keine Angst davor, ihr selbst zu sein, ungeachtet eurer möglichen Unvollkommenheiten», sagt Gonzalez. «Es gibt mehr im Leben als das, was andere Leute denken.»
