«28 Years Later: The Bone Temple» ist knallharter Zombie-Death-Metal
Cillian Murphy wurde uns vollmundig versprochen und Cillian Murphy wird in «28 Years Later: The Bone Temple» geliefert, aber wie! Möglicherweise als dreistester XXXX (sorry, Spoilervermeidung) der Filmgeschichte! Was für ein Geschenk! Es wird zum Ende von «Bone Temple» derart schamlos mit dem Zaunpfahl der Fortsetzungs-Fähigkeit gewinkt, dass man sich jetzt schon freuen kann: Auf noch mehr Zombies – nein, sie heissen hier ja nobler «Infizierte» – in schönen englischen Landschaften, mehr Durchgeknallte, mehr geniale Kinderdarsteller, mehr tolle britische Musik. Und auf mehr Murphy? Und vielleicht auf ein minimales Bisschen weniger Blut, ausgeweidete Bäuche, gehäutete Körper und ausgerissene Köpfe samt Wirbelsäulen dran?
Denn das war die grosse Sorge des Testpublikums, das im vergangenen Dezember «Bone Temple» vorab sehen durfte. Dass der vierte Teil der «28»-Saga, die 2002 ihren gespenstischen Anfang nahm, jetzt gewaltbefreiter sein könnte. Wie die Testies wohl auf diese Idee kamen? Weil mit Nia DaCosta jetzt zum ersten Mal eine Frau Regie führte? Frage: Wessen Alltag ist tendenziell öfter von Blut, sehr viel Blut, und existentiellem Body Horror geprägt? Der von Männern oder Frauen? Na? Also. Die Testies waren glücklich und ernannten «Bone Temple» zum besten Film der Reihe. Oder anders formuliert: Bis jetzt waren die «28»-Filme Punk. «Bone Temple» ist knallharter Death Metal.
In «28 Years Later» katapultierten uns Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland im Sommer 2025 völlig übermotiviert in eine Welt, in der die eigentliche Geschichte, ihre möglichen Bedeutungen (Corona, Brexit, Isolationismus, Radikalisierung) und ästhetische Experimente sich immer wieder ineinander verkeilten wie Infizierte und ihre Opfer/Jäger. Es war quasi ein äusserst attraktiver Autounfall von einem Film, man konnte vieles daran bewundern, nicht zuletzt die rohe Energie, die über allem lag, man konnte stundenlang einzelnen Motiven nachgehen – einen Sinn ergaben sie nicht zwingend.
Jetzt hat erneut Garland das Drehbuch geschrieben, und die 36-jährige Nia DaCosta bringt zwar noch mehr Gewalt, aber auch etwas mehr narrative Schlankheit und dramaturgische Stringenz ins Ganze. Die beiden nehmen, was am Ende des dritten Films übrig blieb: Den kleinen Spike (Alfie Williams), der seine Mutter ans Monster Krebs verlor, den verschrobenen Arzt und Aussteiger Dr. Kelson (Ralph Fiennes), der aus den Knochen von Menschen und Infizierten einen majestätischen Vergänglichkeits-Park errichtet hat, und den Sadisten Jimmy Crystal (Jack O'Connell), dem als Einziges aus der Welt vor dem Zombie-Befall seine Liebe zu den Teletubbies geblieben ist.
Spikes Familiengeschichte wurde in «28 Years Later» abgewickelt, jetzt ist Psychopath Jimmy an der Reihe, denn der ist überzeugt, dass sein Vater der Satan selbst sei. Schliesslich erlebte er als Kind, wie der Vater sich gleich zu Beginn des letzten Films vom Pfarrer in einen Zombie-Anführer verwandelte. Und Dr. Kelson, der jetzt auch DJ spielen darf, hat ein Problem, dass nun wirklich noch niemand vor ihm hatte: Der hühnenhafte Alpha-Zombie Samson (Chi Lewis-Parry) wird süchtig nach Kelsons Drogenkabinett, er braucht jetzt seinen regelmässigen Schuss. Dr. Kelson schafft, was Dr. Frankenstein mit seiner Schöpfung verbockte – ein beruhigtes, emphatisches Miteinander von Mensch und Monster. Lauter schöne Ideen also.
Es geht sehr stark um Väter und Söhne, um Sinnsuche und um Glauben, der zum neuen Schrecken wird, wenn man ihm blindlings folgt. Um die Unfähigkeit des Menschen, in einer schlechten Welt gut zu bleiben. Die Zombies sind jetzt eher ein Hintergrundgeräusch, den schrecklichsten Lärm machen die Menschen – was definitiv interessanter ist als tumb rennende Horden. Der sadistische Satan Jimmy und seine Gang erinnern dabei an «A Clockwork Orange» von Kubrick, ihre mit zynischem Nihilismus verrichteten Taten sind das wahrhaft Monströse.
Und Ralph Fiennes darf offensichtlich den Spass seines Lebens haben (((ein bisschen muss man dabei an Meryl Streep in «Mamma Mia!» denken))), sein alter Lord Voldemort aus den «Harry Potter»-Filmen verblasst dagegen voller Scham. Fiennes Feuertanz zu Iron Maidens «The Number of the Beast» ist derart fantastisch, dass der «Guardian» fordert, Iron Maiden müsse diesen zum neuen offiziellen Musikvideo machen. Wetten, dass sie dies demnächst tun werden?
«28 Years Later: The Bone Temple» läuft ab dem 15. Januar im Kino. «28 Years Later» läuft aktuell auf Netflix.
- «People We Meet on Vacation» ist die perfekte Gute-Laune-RomCom
- «The Pitt» ist gerade die beste Serie der Welt. Wieso wir sie so dringend brauchen
- «One Battle After Another» räumt ab – hier sind alle Golden-Globe-Gewinner
- Auch krank zuhause? Dann solltest du diese Comfort Movies schauen
- Brigitte Bardot: Ihr Zauber, ihre grössten Lieben, ihr Rechtsrutsch
