«The Pitt» ist gerade die beste Serie der Welt. Wieso wir sie so dringend brauchen
Es gibt da diese eine amerikanische Familie, die nach dem Ausgang der Golden Globes kollektiv im Glück versunken sein dürfte. Die Tochter ist nämlich ein grossartiger Teil der grossartigen Spital-Serie «The Pitt», die als beste ernsthafte Serie ausgezeichnet wurde. Und der Vater spielt die lustigste Rolle seiner Karriere in der schamlos selbstreferentiellen Hollywood-Serie «The Studio», die den Preis für die beste komische Serie entgegennehmen durfte.
«The Studio» von und mit Seth Rogen läuft auf Apple TV. «The Pitt» läuft bei uns ab dem 13. Januar endlich auf dem brandneuen Streamer HBO Max. Und wer ist nun mit der amerikanischen Familie gemeint? Der Vater ist «Breaking Bad»-Veteran Bryan Cranston, in «The Studio» ist er ein 82-jähriger, ziemlich undichter Hollywood-CEO. Seine hyperbegabte Tochter heisst Taylor Dearden (nicht zu verwechseln mit Brad Pitt als Tyler Durden in «Fight Club») und spielt in «The Pitt» die neurodivergente Notfallärztin Melissa King, eine Frau mit sehr interessanten Zugängen zu ihren Patienten. Doch dies nur eine Klatschnotiz am Rande.
«The Pitt» also. Entstanden aus dem Erbe der 16 Staffeln dauernden Hitserie «ER» (1994–2009), zu Deutsch «Emergency Room: Die Notaufnahme». Der Schöpfer von «ER» hiess damals Michael Crichton, die Helden von «ER» waren George Clooney (Nespresso), Julianna Margulies («The Good Wife») und ein sehr junger Mann namens Noah Wyle. Er blieb am längsten dabei, 254 von 331 Folgen lang war er Dr. John Carter, zuerst ein Welpe in Ausbildung, dann immer wichtiger, bis er zum Leiter der Notfallaufnahme wurde. 30 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer pro Folge waren normal, als Clooney ein Kind vor dem Ertrinken retten musste, schalteten 47,5 Millionen zu.
Wyle war jung, good looking und beliebt, er bekam attraktive Filmangebote, doch der strenge Drehplan der Serie liess höchstens kleine Ausflüge nach Hollywood zu, wer bei «ER» dabei war, arbeitete 80 Stunden die Woche. Irgendwann war Wyle der berühmteste «Arzt» der Welt, Hilfsorganisationen engagierten ihn, um auf Seuchen und medizinische Unterversorgung in Kriegsgebieten und Flüchtlingslagern aufmerksam zu machen. Der junge Mann aus L.A., dessen Mutter Krankenschwester war und dessen jüdische Vorfahren («Wyle» hiess einst «Weil») aus der Ukraine und Russland geflohen waren, verschmolz mit seiner Rolle: Noah-John Wyle-Carter wurde zur guten Symbolfigur für das Gesundheitswesen schlechthin. Nur seine Mutter rief ihn nach jeder Folge an und kritisierte ihn für seine «Ärztefehler» in Grund und Boden.
Danach ging für ihn alles nicht so weiter, wie erhofft. Er arbeitete viel, doch er wurde nicht zum anderen Clooney. Und erhielt keine eigene Serie wie Margulies. Er fand sich damit ab, dass sein grösster Erfolg Vergangenheit war. Und dann kam Corona. Und plötzlich stand das Gesundheitspersonal im Mittelpunkt. Als Heldinnen und Helden am Anschlag. Und viele von ihnen wünschten sich einen wie John Carter auf die Bildschirme zurück. Einen Mutmacher und Gutmacher. Einen, der in der schwersten Katastrophe Hoffnung zu verbreiten wusste. Einfach eine positive Repräsentationsfigur.
Es folgten die Hollywoodstreiks, Wyle engagierte sich Tag und Nacht, demonstrierte, plakatierte, hielt Reden – und irgendwann schmückte Warner Bros., das Studio hinter «ER», seine Fassade mit einem riesigen «ER»-Poster, es war eine Liebeserklärung an Wyle. Das war der Moment, in dem er wusste: Es gibt kein Zurück, es gibt jetzt nur noch ein Vorwärts, hoffentlich mit ein paar alten «ER»-Weggefährten, hoffentlich mit Warner, vielleicht sogar mit Einverständnis des Michael Crichton Estates? Alle waren begeistert, nur Crichtons Nachlassverwalter nicht, die haben jetzt Wyle und seine Mitstreiter wegen Ideenklau verklagt, der Gerichtstermin steht noch aus.
Die anderen arbeiteten fieberhaft und Wyle am meisten, er half, wo er konnte, auch beim Drehbuch und bei der Regie. Und spielte die Hauptrolle, nämlich den jüdischen Arzt Dr. Michael Robinavitch (der Name stammt von Wyles Urgrossmutter), den alle Dr. Robby nennen. Und da war er wieder: In einem Emergency Room, jetzt nicht in Chicago, sondern in Pittsburgh, die Belegschaft reicht von Auszubildenden bis Altgedienten, das Stresslevel ist unfassbar hoch, der Herzschlag der Serie kurz vor dem Hyperventilieren, die Dialoge sind schnell und knackig, die Fälle sind nicht exotisch, wie bei «Dr. House», sondern äusserst realitätsnah, die Behandlungsmethoden ebenfalls, die Probleme sind ganz von heute und zugleich zeitlos existenziell, vieles droht am maroden amerikanischen Gesundheitssystem zu zerschellen.
Eine Staffel «ER» umfasste jeweils ein Jahr, eine Staffel «The Pitt» umfasst einen Tag, das sind 15 Folgen für eine 15-Stunden-Schicht, am Ende ist man beim Zuschauen fast so erschöpft wie das Personal, «The Pitt», das ist Petra Volpes «Heldin» auf Ketamin. Ort, Zeit, Handlung sind ganz nach der aristotelischen Dramentheorie synchron, mehrere Spannungsbögen ziehen sich wie Blutbahnen durch das Wimmelbild aus Dutzenden von Menschen und ihren Schicksalen und spätestens nach zweieinhalb Folgen hat man restlos alle aus Dr. Robbies Team so lieb wie die bestmögliche Wahlfamilie. Eine davon ist Dr. Melissa King, eine andere ist die Pflegedienstleitende, Dana Evans (Katherine LaNasa), eine drahtige Frau mit dem kühlsten Kopf und dem wärmsten Herzen weit und breit, LaNasa hat dafür gerade einen Emmy und einen Critics Choice Award gewonnen.
Und Dr. Robby? Gott, ist er gut! Vermutlich wird er auf Jahre hinaus den neuen idealen Arzt verkörpern, cool und unerschütterlich, so engagiert, dass er sich selbst den Toilettengang stundenlang verklemmt, immer das Wohl der anderen zuvorderst, immer unterstützend, sich kümmernd – und dabei doch auch streng und strafend, wenn es sein muss.
«The Pitt» ist nicht die Neuerfindung der Spitalserie. Es ist einfach eine rasend gut gemachte Spitalserie. Und eine Serie, die in unseren irren, zerstörerischen Tagen Menschen zeigt, deren Berufung das Helfen, Heilen, Wiedergutmachen ist. Menschen, die sich ganz grundlegend dem körperlichen und damit auch allgemeinen Wohl ihrer Mitmenschen widmen. Wer tut das sonst in der Unterhaltungsbranche? Genau, Kochsendungen. Auch sie sind wohltuend.
Der Lohn? Über 20 Millionen schalteten 2025 in den USA pro Folge von «The Pitt» ein. Jetzt ist die zweite Staffel gestartet, der ganze Preissegen (auch bei den Emmys und den Critics Choice Awards gab die Trophäe für die beste Serie) bringt grossartige Zusatzwerbung mit sich. Und Noah Wyle? Setzt sich vor amerikanischen Politikern für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Gesundheitspersonals ein.
Und HBO Max könnte sich für seinen Europa-Start kein besseres Zugpferd wünschen. Es ist dennoch ein tollkühnes Unterfangen, aktuell weiss niemand, wie lange der Alleingang von HBO Max gut gehen wird, weil niemand weiss, wer die neuen Besitzer von Warner und damit auch HBO werden: Netflix oder Paramount? Vor wenigen Tagen mahnte die Warner-Chefetage ihre Aktionäre wiederholt, den ideologisch prekären (es droht die Auflösung oder zumindest politische «Neuorientierung» des Nachrichtensenders CNN), aber lukrativeren Deal mit Paramount bitte auszuschlagen.
Bisher war bei uns Sky die Heimat von HBO, nun wird sich für Sky-Kunden Folgendes ändern: Neue HBO-Serien wird es auf Sky keine mehr geben, doch was bereits läuft, wird auch in den neuen Staffeln zu sehen sein – «The Last of Us», «House of the Dragon», «The Penguin», «The White Lotus» oder «Industry». Was bereits abgelaufen ist, wird möglicherweise nicht mehr lange auf Sky, sondern bald auf HBO Max zu sehen sein.
Mindestens «The Last of Us», «The Penguin» und «The White Lotus» laufen jetzt aber auch auf HBO Max. Und – wie aktuell auch noch auf Sky – alle acht von Warner produzierten «Harry Potter»-Filme. Ebenfalls der Warner-Oscar-Favorit «One Battle After Another». Und die Warner-Sitcom «Friends». Und, und, und. Als wäre der bisherige Streamer-Markt nicht schon chaotisch genug. Ob es HBO Max hier gelingt, zu einem neuen Herzschrittmacher zu werden? Dr. Robby, bitte übernehmen Sie!
HBO Max zeigt ab dem 13. Januar die ganze erste Staffel «The Pitt». Immer freitags wird eine neue Folge der zweiten Staffel aufgeschaltet. HBO Max kostet in der Schweiz monatlich 16.90 Franken (Standardabo ohne Werbung). Sportübertragungen kosten 7 Franken extra.
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