Von der Krankheit zerstört: Netflix zeigt Eric Danes letztes Interview
Der Mann hat keinen gemütlichen Job: Brad Falchuk ist der Sterbebegleiter von Netflix. Früher schrieb er als Drehbuchautor lustige Serien wie «Nip/Tuck», «Glee», «American Horror Story» oder «The Politician». 2019 unterschrieb er einen Vertrag für ein nicht weiter bekanntes Projekt mit Netflix, seit dem Tod der grossen Primatenforscherin Jane Goodall Anfang Oktober 2025 wissen wir auch, wie es heisst: «Famous Last Words».
Seit ein paar Jahren führt Falchuk (privat übrigens der Gatte von Gwyneth Paltrow) nämlich intime Gespräche mit Menschen, die offenen Auges dem Ende entgegengehen, weil sie sehr alt oder sehr krank sind. Menschen, die das Bedürfnis haben, der Welt etwas Gewichtiges oder ihren Liebsten etwas Persönliches zu hinterlassen und in ihren eigenen Worten auf ihr Leben zurückzublicken.
Goodall war zufälligerweise die Erste von ihnen, die starb. Sie war 91 und sie ging, wie man es sich nicht schöner vorstellen kann, ein Herzstillstand riss sie während einer Vortragsreise aus dem Leben. Zwei Tage nach ihrem Tod wurden ihre letzten Worte ausgestrahlt. Goodall richtete sich dezidiert gegen Trump und Musk und stärkte sich mit regelmässigen Whisky-Schlückchen («für meinen Hals, meine Stimme»).
Und jetzt also der Schauspieler Eric Dane. Im Herbst 2023 begann er unter ersten Symptomen zu leiden, im April 2025 erhielt er die Diagnose: Er litt an Amyotropher Lateralsklerose, einer Nerven und Muskeln zersetzenden Krankheit. Im November 2025 war er bei Falchuk zu Gast, er musste im Rollstuhl ins Studio gefahren werden. Am 19. Februar starb der 53-Jährige, seit dem 20. läuft seine Folge auf Netflix.
Sein Fall ist ein anderer als der von Goodall. Sie war ein vergnügtes Urgrosi. Er in allem sichtlich beeinträchtigt. Die Krankheit hat ihn geschwächt, hat seine Muskeln schwinden lassen und seine Bewegungsfähigkeit radikal vermindert, das Sprechen fällt ihm schwer. Er habe sich sein Ende nicht so vorgestellt, sagt Dane, aber nun sei es unausweichlich, nicht zuletzt weil es im aktuellen Amerika keine Forschungsgelder mehr gebe. Dabei leben in den USA 31'000 Betroffene. Das ist nicht nichts, aber zu wenig für die Administration in Washington. Er nennt keine Namen wie Goodall, aber wen er meint, ist schmerzhaft klar.
Was vor allem bleibt von Danes letzten Worten, ist dies: dass der Mann kein leichtes Leben hatte. Von der Kindheit an bis zuletzt nicht. Da war der Vater, ein Alkoholiker, der sich im Badezimmer erschoss, als Eric sieben Jahre alt war. Da war die viel zu junge, überforderte Mutter, die von ihrem Kind verlangte, den Schmerz wegzustecken, nicht zu weinen, stark zu sein. Doch der Tod des Vaters machte ihn nicht stärker, er traumatisierte ihn bloss nachhaltig. Seiner Mutter verzeiht Dane zu Lebzeiten nicht mehr.
Er ist keiner der Menschen, die aufgeräumt in den Tod gehen, die allen und sich selbst verzeihen und nichts bereuen. «Ich bereue vieles», sagt er. Seine Alkohol- und Drogensucht, die immer dann zuschlug, wenn er zu wenig Struktur im Leben hatte. Etwa als seine TV-Heimat «Grey's Anatomy», in der er einen von vielen sexy Ärzten spielte, wegen eines Drehbuchautorenstreiks monatelang pausierte. Eric Dane bleibt bis zuletzt ein Mensch mit vielen unglättbaren Widersprüchen. Das ist wohltuend, ehrlich, nahbar, sehr, sehr menschlich und natürlich himmeltraurig. Denn es zeigt, dass wir auch im Angesicht des Todes nicht über uns hinauswachsen können.
Es liege sehr viel von seiner Dunkelheit in der Figur des Cal Jacobs aus der Serie «Euphoria», sagt Dane, bald wird er dort posthum in der dritten Staffel zu sehen sein. So wie er jetzt posthum auf Netflix zu uns spricht. Für einen Schauspieler ist die Vorstellung, dass er nach seinem Tod noch zu sehen sein wird, nichts Aussergewöhnliches. Cal Jacobs ist der Vater von Nate (Jacob Elordi), ein strenger, ja böser Mann, der eigentlich schwul ist, aber die grosse Liebe seines Lebens verloren hat und jetzt versucht, seinen Sohn zu dem Ideal zu trimmen, das er selbst gerne gewesen wäre. Die Beziehung der beiden scheint die Beziehung zwischen Dane und seinen eigenen Eltern widerzuspiegeln, nicht realistisch, aber psychologisch, eine reine Trauma-Hölle.
Eric Dane setzte es sich selbst zum Lebensziel, ein «guter Vater» zu werden, und dieses Ziel, da ist er sich sicher, hat er erreicht. Seine Töchter würden ihn als «liebevoll, strapazierbar und vertrauenswürdig» bezeichnen, schliesslich habe er jedes Beachvolleyball-Turnier und jede Ballettaufführung gesehen – so viele «Nussknacker»-Vorstellungen: «Weisst du, es gibt da richtig gute Passagen, aber Mann, das Ding zieht sich! Drei Stunden!»
Manchmal sind seine Lebensweisheiten brachial bodenständig: «Wenn dein Boot ein Loch hat, versuche nicht, es zu flicken, schaff dir ein neues Boot an.» Manchmal ist die Betrachtung seines Zustands ganz abgeklärt, er findet den Krankheitsverlauf «interessant», er studiere die zunehmende Zersetzung seines Körpers, die jedoch auf seinen Geist keinen Einfluss habe, der sei immer noch ganz da. Starallüren hat er unter null: «Wenn du eine Gelegenheit hast, dein Ego zu zerstampfen, nimm sie wahr.»
Dann nickt Falchuk mit grossen, feuchten Augen, findet alles sehr «meaningful» und sorgt für etwas weihevollen Kitsch. Als Moderator ist der Mann wirklich gewöhnungsbedürftig. Oder einfach sehr, sehr amerikanisch.
Die letzten Worte seines letzten Auftritts richtet er an seine Töchter, es sind vier Dinge, die er ihnen mit auf den Weg gibt, auch diese sind sehr zugänglich:
– «Lebe im Jetzt.»
– «Verliebe dich! Nicht notwendigerweise in eine Person, obwohl ich das empfehle.»
– «Wähle deine Freunde weise.»
– «Kämpfe mit jeder Faser deiner Existenz und mit Würde.»
Er schliesst mit: «Billie und Georgia, ihr seid mein Herz, mein alles. Gute Nacht, ich liebe euch, das sind meine letzten Worte.»
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