«Brotox»: Männer lassen Falten häufiger behandeln als Frauen
Der Schlaf wird getrackt, das Essen wird mit Supplements ergänzt und die Fitness mit Smartwatches vermessen. Das Bewusstsein für die eigene Gesundheit hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Nichts verdeutlicht dies besser als der Megatrend Longevity. Erholung, Genuss und Bewegung sind heute allesamt mess-, vergleich- und somit auch optimierbar. Leistungsdruck herrscht heute nicht mehr bloss am Arbeitsplatz, sondern auch in Bezug auf den eigenen Körper. Doch was macht das mit den Menschen?
Das Gottlieb Duttweiler Institut hat in einer repräsentativen Online-Erhebung rund 3000 Personen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu ihrer Ernährung, Gesundheit und Schönheit befragt. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) gab an, einen hohen Druck zu verspüren, gut aussehen zu müssen. Davon profitiert die «Wellness-Ökonomie», in der die Bereiche Ernährung, Gesundheit und Schönheit miteinander verschmelzen und einen gigantischen Markt eröffnen.
Gleichzeitig verweisen die Studienautorinnen und -autoren auf einen Widerspruch, den ihre Resultate deutlich machen: Zwar soll Wellness helfen, gesund, leistungsfähig und schön zu sein. Gleichzeitig wird der Druck nach Wohlbefinden aber selbst zum Stressfaktor. So erachtet die Hälfte der Befragten es als anstrengend, ständig auf Ernährung, Bewegung und Aussehen zu achten. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) fühlt sich manchmal von all den Erwartungen an ein gesundes Leben gar gestresst. Frauen stehen dabei stärker unter Druck als Männer.
Auch diese fünf weiteren Punkte lassen aufhorchen:
Knapp die Hälfte trackt die eigene Gesundheit
Fast jede zweite Person (44 Prozent) überwacht mit Geräten und Apps bereits die eigene Gesundheit im Alltag. Am häufigsten werden Schritte gezählt (76 Prozent), die Herzfrequenz gemessen (53 Prozent) oder der Schlaf getrackt (51 Prozent).
Nahrungsergänzungsmittel sind weitverbreitet
84 Prozent der Befragten schlucken mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel. Zu den drei beliebtesten Supplements gehören Mineralstoffe (64 Prozent), Vitamin D (59 Prozent) und weitere Vitamine wie C oder B (57 Prozent). Frauen greifen häufiger zu Nahrungsergänzungsmitteln als Männer. Das könnte mit dem Zeitstress zusammenhängen, schreiben die Studienautorinnen und -autoren: Frauen fühlen sich deutlich häufiger davon betroffen als Männer. Und je grösser dieser Stress ausfalle, umso mehr Nahrungsergänzungsmittel werden gemäss der Studie konsumiert. Auch ein Stadt-Land-Graben zeigt sich bei den Supplements. In den Städten werden sie häufiger eingenommen als in ländlichen Regionen. Auffällig auch: Fast nie wird bloss ein Präparat geschluckt. Im Schnitt werden 3,7 Supplements konsumiert.
Männer nutzen mehr Botox als Frauen
Wie verbreitet Botox unter Männern ist, zeigt sich daran, dass es für dieses Phänomen ein eigenes Wort gibt: «Brotox» (zusammengesetzt aus Bro und Botox). Gemäss den Studienteilnehmenden sollen Männer (8 Prozent) sogar häufiger als Frauen (6 Prozent) Botox nutzen. Auf Nachfrage sagt Christine Schäfer, Studienautorin und Trendforscherin am Gottlieb Duttweiler Institut: «Männer können genauso eitel sein wie Frauen.»
Die Befragung zeige, dass Frauen bei ihrer Schönheitspflege eher auf nicht-invasive, alltägliche Produkte setzen – etwa auf Sonnenschutz, Tages- und Nachtcremes, Peelings oder kosmetische Behandlungen. «Im Vergleich dazu führen Männer weniger Schönheitsrituale durch, die längerfristig Aufmerksamkeit erfordern und scheinen eher offen für schnellere Korrekturen zu sein», sagt Schäfer. So gaben etliche männliche Befragte an, Gesichts-OPs (8 Prozent), Zahnästhetik (18 Prozent) oder Haartransplantationen (7 Prozent) bereits vorgenommen zu haben.
Das Wunschalter liegt höher als die Lebenserwartung
Bei guter Gesundheit den 90. Geburtstag noch erleben: Das wünschen sich die Befragten im Median. Dieses Wunschalter liegt rund sechs bis acht Jahre über der aktuellen Lebenserwartung in den Ländern der Studienteilnehmenden – also in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Fast jede fünfte Person (18 Prozent) möchte sogar 100 Jahre oder älter werden.
Um sich das Wunschalter bei guter Gesundheit zu erfüllen, wären die befragten Schweizerinnen und Schweizer bereit, im Schnitt 199 Franken pro Monat auszugeben. Hochgerechnet entspricht dies einem potenziellen Markt von 1,4 Milliarden Franken.
Trotz grossem Optimierungsdruck: Skepsis ist hoch
Der Wellness-Bereich – bestehend aus Ernährung, Fitness und Schönheit – beinhaltet bereits heute eine riesige Produktpalette – von Lichttherapien über Nutricosmetics (Getränke oder Snacks, die mit Kollagen, Biotin oder Antioxidantien versehen sind) bis zur Yoga-Matte, welche die Körperhaltung monitort.
Obwohl der Optimierungsdruck hoch ist, herrscht auch eine grosse Skepsis gegenüber dem angepriesenen Nutzen von Wellness-Produkten. Die Studienautorinnen und -autoren schreiben gar von einer «ausgeprägten Vertrauenskrise». So erachten drei Viertel der Befragten viele Trends im Beauty- und Anti-Aging-Bereich als reine Geldmacherei. Und mehr als die Hälfte (54 Prozent) misstraut den meisten Gesundheitsversprechen. Die Daten zeigen aber auch eine starke Verunsicherung seitens der Konsumentinnen und Konsumenten: Mehr als ein Drittel (39 Prozent) findet es schwierig, zwischen fundierten und übertriebenen Gesundheitsversprechen zu unterscheiden. (bzbasel.ch)

