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Hamnet: Der neue Shakespeare-Liebes-Film ist eine Sensation

This image released by Focus Features shows Jessie Buckley, left, and Paul Mescal in a scene from "Hamnet." (Agata Grzybowska/Focus Features via AP)
Film Review - Hamnet
Hochbegabte Iren spielen höchst begabte Briten: Jessie Buckley und Paul Mescal als Frau und Herr Shakespeare.Bild: keystone
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Der Shakespeare-Film «Hamnet» platzt fast vor Liebe und ist eine Sensation

Regisseurin Chloé Zhao schenkt uns einen ergreifenden Familienfilm. Und eine Liebeserklärung an die Kunst und die Liebe.
21.01.2026, 10:4821.01.2026, 12:12

Wenn ein paar Psychopathen um die Weltherrschaft buhlen, wenn Sicherheiten und Verträge zerbrechen, wenn Vertrauen zerschellt – dann brauchen wir den Trost des Zwischenmenschlichen und der Weisheit. Dann brauchen wir viel Liebe. Dann brauchen wir Dinge, die immer klug und grossartig sind, zum Beispiel Kunst, zum Beispiel die Werke des bedeutendsten Autoren aller bisherigen Zeiten. Er heisst natürlich William Shakespeare und seine Stücke und Sonette haben sich über die Jahrhunderte so sehr über die Welt verbreitet wie sonst nur die Bibel.

Shakespeare ist immer da und immer nah. «Macbeth» und «Richard III.» analysieren noch immer gültig das Wesen des Psychopathen und wie er dazu geformt wird. «Hamlet» hat Taylor Swift zu ihrem Hit «The Fate of Ophelia» inspiriert. Und «Romeo und Julia» wird ab März in London laufen – mit Sadie Sink («Stranger Things») als Julia und Noah Jupe als Romeo. Noah Jupe spielt übrigens Hamlet im Film «Hamnet». Und Jupes kleiner Bruder Jacobi Jupe spielt Hamnet in «Hamnet». Doch dazu gleich.

Actors Jacobi Jupe (bottom) and Noah Jupe are photographed on the red carpet for the film "Hamnet" during the Toronto International Film Festival in Toronto, on Sunday, Sept. 7, 2025. (Sammy ...
Hochbegabter Nachwuchs: Noah (hinten) und Jacobi Jupe.Bild: keystone

Seine Werke sind also allgegenwärtig, doch über Shakespeare selbst ist nur weniges bekannt. Er eignet sich daher wunderbar zu Fiktionalisierungen aller Art. Man kann ihm beispielsweise Liebesgeschichten, so gross, wie nur er sie hätte erfinden können, andichten. Und nicht selten entstehen daraus Lieblingsfilme. Der siebenfache Oscargewinner «Shakespeare in Love» (1998) war so einer. Darin verliebte sich der im Eheleben romantisch verdorrte Shakespeare in die blutjunge Gwyneth Paltrow und schrieb ganz entflammt «Romeo und Julia».

Gwyneth Paltrow & Joseph Fiennes Characters: Viola De Lesseps, Will Shakespeare Film: Shakespeare In Love USA 1998 Director: John Madden 03 December 1998 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: ...
Es war einmal ... Gwyneth Paltrow und Joseph Fiennes in «Shakespeare in Love» (1998).Bild: www.imago-images.de

Der neue Lieblings-Shakespeare-Liebesfilm heisst «Hamnet» von Chloé Zhao und ist ebenfalls eine Fiktion, keine historische Recherche, es ist die überaus süffige Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Maggie O'Farrell. Das Stück, das auch in diesem Film entstehen wird, heisst selbstverständlich «Hamlet». Damals, um 1600, war Hamnet nämlich bloss eine andere Schreibweise von Hamlet. Und «Hamnet» dürfte mindestens einen Oscar gewinnen, den für die beste Hauptdarstellerin, Jessie Buckley, eine Frau, die allein mit dem Zucken ihres Mundwinkels, dem Zusammenkneifen ihrer Augen oder einem Schrei einen ganzen Roman über Leben, Liebe, Tod und überhaupt alles erzählen kann.

Trailer «Hamnet»

Die chinesisch-amerikanische Regisseurin Chloé Zhao hat 2021 für «Nomadland» bereits die Oscars für den besten Film und die beste Regie gewonnen, es war damals eine seltsam kastrierte Zeremonie, es waren die Pandemie-Oscars, sie waren schnell vorbei und es befanden sich nur wenige Leute im Saal, es war etwas traurig, aber besser als nichts. «Nomadland» war der Roadtrip einer Arbeits-Nomadin (Frances McDormand) durch das deprimierende, deprivierte Amerika.

In «Hamnet» erzählt Zhao nun eine ganz andere Geschichte, eine historische, eine britische, die Geschichte von Shakespeares Anfang und Aufstieg, von Liebe und Tod und Kunst. Jessie Buckley spielt dabei Shakespeares Gattin Agnes, die je nach Quelle auch Anne hiess, Anne Hathaway, um genau zu sein (nicht zu verwechseln mit Anne Hathaway). Agnes ist eine Verbündete der Naturgewalten, sie besitzt einen Falken, ist kräuterkundig und angstfrei, angeblich die Tochter einer Hexe und das totale Gegenteil eines «teiggesichtigen Gelehrten» namens William Shakespeare (Paul Mescal).

Steven Spielberg, left, the producer of "Hamnet," poses with director and co-writer Chloe Zhao at the premiere of the film on Tuesday, Nov. 18, 2025, at the Academy Museum of Motion Pictures ...
Regisseurin Chloé Zhao mit Steven Spielberg, einem der Produzenten von «Hamnet».Bild: keystone

Als sich die beiden kennenlernen, ist der Gelehrte noch kein berühmter Dichter, sondern ein verzweifelter Lateinlehrer mit literarischen Ambitionen. Agnes zeigt ihm die Schönheit der Natur, er übersetzt dies in die Schönheit seiner Sprache, Agnes wird zum Urgrund seiner Dichtung, beide sind voneinander geblendet, sind ein Sturm, Liebe und Triebe schlagen zu und die Familiengründung nimmt ihren Lauf.

Von Agnes ist fast nichts überliefert, vor allem, dass sie bei der Heirat die bessere Partie war als Shakespeare und dass sie und William Eltern von Susanna, Hamnet (der grenzgeniale Jacobi Jupe) und Judith wurden. Ebenfalls gesichert ist, dass der kleine Hamnet mit elf Jahren sein Leben verlor, vermutlich durch die Beulenpest. «Hamnet» ist nach den Pandemie-Oscars ein neues Pandemie-Kapitel in Chloé Zhaos Schaffen.

Vor Hamnets Tod sind die Shakespeares eine Familie, in der man am liebsten selbst Kind wäre, voller Liebe und Fantasie, die Theaterstücke, an denen der Vater arbeitete, werden zur Vorlage aller Kinderspiele, überhaupt lebt der Film sehr reizvoll vom Spielen, Verwandeln, von Spiegelungen, Täuschungen und Zwillingsmotiven.

This image released by Focus Features shows Jacobi Jupe, from left, Bodhi Rae Breathnach and Olivia Lynes in a scene from "Hamnet." (Agata Grzybowska/Focus Features via AP)
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Die Shakespeare Kinder spielen drei Hexen aus «Macbeth»: Hamnet (Jacobi Jupe, von links), Susanna (Bodhi Rae Breathnach) und Judith (Olivia Lynes).Bild: keystone

Nach Hamnets Tod sind die Shakespeares einander entfremdete Gespenster, haben allen Halt verloren und versinken in abgrundtiefer Trauer. Wie sie diese bewältigen, wie William sie in seiner Arbeit verwandelt, und wie Agnes schliesslich erkennt, was ihr Mann da eigentlich monatelang von ihr getrennt in London gebastelt hat, das ist ein so grandioses Finale, dass man allein deswegen ins Kino muss.

Buckley und Mescal lassen sich für Chloé Zhao so sehr ineinander und in die emotionale Tiefe der Geschichte fallen, dass ihnen dafür schon gefühlsselige «Manipulation» (NZZ) und «Trauer-Porno» («The New Yorker») vorgeworfen wurde. Was für ein Quatsch. Jede Regie, jede Kamera, jeder Schnitt, jede Melodie, jedes Kostüm und jede Schauspielführung manipuliert unser Kinoerlebnis, hoffentlich auch, es geht schliesslich um die Entführung aus der Realität. Und wer die beiden Kometen Buckley und Mescal nicht in ihrem Fallen begleiten mag, weil ihm dies zu intim ist und er sich nicht mehr wohl fühlt, der hat noch nie richtig geliebt.

This image released by Focus Features shows Noah Jupe in a scene from "Hamnet." (Agata Grzybowska/Focus Features via AP)
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Noah Jupe als Hamlet in «Hamnet».Bild: keystone

«Hamnet» ist ein ungemein unterhaltsamer Film, dicht und spannend, warm, heiss, mit farbensatten Bildern. Geburten, Pest und Tod sind schonungslos entsetzlich und hochdramatisch erzählt, die Welt von damals ist eh gnadenlos, alles versinkt im Dreck, besonders London, und dass darin irgendwo etwas so Erhabenes wie «Hamlet» entstehen kann, grenzt an ein Wunder.

Und dann geschieht auch noch das Wunder an sich. Jenes Wunder, das nur im Kino oder im Theater möglich ist. Wenn die Grenze zwischen dem Geschehen auf Bühne oder Leinwand und uns dahinschmilzt, wenn das Glück und das Unglück der anderen zu unserem werden, wenn uns die Schauspieler quasi die Hand reichen und wir vor lauter fiebriger Entrückung nicht mehr wissen, wo wir sind.

«Hamnet» ist eine Liebeserklärung an die Kunst und die Liebe. Und zeigt, dass Kunst die Macht besitzt, uns mitzureissen, aufzulösen in etwas, das grösser ist als wir, und uns zu heilen. Dies war nicht nur zu Shakespeares Zeiten, dies ist gerade heute eine reine Wohltat.

«Hamnet»: Ab dem 22. Januar im Kino.

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