Die meisten Menschen werden irgendwann alte Eltern haben. Viele fragen sich: Sind Kinder eigentlich verpflichtet, sich um sie zu kümmern?
Volker Kitz: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Meine Mutter ist bereits vor 20 Jahren bei einem Unfall gestorben. Seitdem hat mein Vater alleine in meinem Elternhaus im Odenwald gewohnt. Irgendwann war klar, dass er dort nicht mehr zurechtkommt. Ich habe keine Kinder, bin freier Schriftsteller und flexibel. Darum habe ich mich gefragt: Soll ich zu ihm ziehen? Von Berlin zurück aufs Dorf? Das hätte etwas Biblisches gehabt. Der Sohn kehrt zum Vater zurück, um ihn aus dem Leben zu begleiten.
Wie haben Sie sich entschieden?
Ich habe mich dagegen entschieden, denn dafür hätte ich mein Leben aufgeben müssen. Stattdessen habe ich meinen Vater in ein Pflegeheim in Berlin geholt, ganz in der Nähe meiner Wohnung. Die Entscheidung ist mir schwergefallen. Ich habe versucht, sie zu kompensieren, indem ich ihn alle ein, zwei Tage für einige Stunden besucht habe. Letztlich muss jedes Kind selbst entscheiden, wozu es sich verpflichtet fühlt. Die Antwort hängt sicher davon ab, wie das Verhältnis zu den Eltern ist und war.
Heim oder nicht? Wie soll man seine Eltern pflegen?
Ich habe häufiger den Satz zu hören bekommen: «Wir haben unseren Vater zu Hause gepflegt!» Das war für mich immer ein Stich ins Herz!
Weil es ein kaum versteckter Vorwurf ist?
Ja, und dieser Vorwurf hat mich nachts wach liegen lassen. Ich habe mich gefragt: «Warum machst du das nicht?» Zum Glück habe ich Antworten gefunden. Jemanden, der klar im Kopf ist, kann man auch mal alleine lassen. Jemanden, der Demenz hat, aber noch mobil ist – wie meinen Vater – kann man ab einem gewissen Stadium keine zwei Minuten mehr unbeaufsichtigt lassen. Trotzdem konnte ich das Wort «Heim» lange nicht aussprechen.
Viele alte Eltern wollen vielleicht auch nicht, dass ihre eigenen Kinder sie waschen, ihnen die Windel wechseln oder ihnen den Po abwischen. Auch für pflegende Kinder kann das eine Belastung sein.
Das mag bei vielen so sein. Für meinen Vater und mich waren diese intimen und oft schambehafteten Momente relativ unproblematisch. Das hat mich selbst gewundert. Viel schlimmer war es für mich, zu beobachten, dass mein Vater von Tag zu Tag weniger konnte.
Wie belastend ist die Pflege von alten Eltern für eine Partnerschaft?
Das hängt wohl davon ab, wie das Verhältnis der Schwiegerkinder zu den Schwiegereltern ist. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Als ich meiner Familie sagte, dass ich keine Schwiegertochter, sondern einen Schwiegersohn mit nach Hause bringen würde, hat sich meine Mutter Gedanken darüber gemacht, was die Leute reden. Mein Vater musste das auch verarbeiten, hat meinen Freund aber in die Familie aufgenommen, als wäre es die normalste Sache der Welt – dabei war es das für ihn nicht. Mein Vater und mein Freund hatten bis zum Schluss eine enge Verbindung, und mein Freund hatte Verständnis für meine Sorgen. Trotzdem ist es für jede Beziehung und das Familienleben eine Belastung, wenn die Pflege der alten Eltern ständig ein Thema ist.
Kann man sich emotional dafür wappnen, dass die eigenen Eltern eines Tages dement werden könnten?
Auch als die Anzeichen nicht mehr zu übersehen waren, wollte ich nicht wahrhaben, dass mein Vater an Alzheimer erkrankt ist. Um vieles haben wir uns zu spät und dann mit der entsprechenden Panik gekümmert. Das ist einer der Gründe, warum ich unsere Geschichte in einem Buch erzähle. Ich möchte Menschen die Möglichkeit geben, sich rechtzeitig damit zu beschäftigen, dass die Eltern alt werden. Das ist besser als Verdrängen.
Darf man den Tod der eigenen Eltern herbeisehnen?
Es gab Zeiten, in denen ich mich gefragt habe, ob ich mir wünschen darf, dass mein Vater stirbt. Und es gab Zeiten, da habe ich mich gefragt, ob ich mir wünschen darf, dass er am Leben bleibt. Insbesondere in seinen letzten Monaten fiel es mir schwer, mir vorzustellen, ihn loszulassen. Ein Freund sagte damals zu mir: «Das ist egoistisch. Du musst ihn gehen lassen!» Wünschen kann man sich alles. Schwierig wird es, wenn die Ereignisse plötzlich auch in der eigenen Hand liegen.
Wann liegt die Entscheidung über Leben und Tod der Eltern in Hand der Kinder?
Wenn die Kinder im Besitz einer Patientenverfügung ihrer Eltern sind. Mein Vater hatte seine im Beisein meines Bruders und von mir ausgefüllt. Er war damals noch klar. Er war Notar. Für ihn war eine Patientenverfügung ein Standardtext. Er hat sie ausgefüllt wie einen Aufnahmeantrag für den Tennisverein. Ich habe gefragt: «Hast Du Dir das gut überlegt?» Er hat ohne Zögern geantwortet: «Ich will nicht leiden.» Eigentlich war ich also in der beneidenswerten Situation, eine klare Verfügung meines Vaters zu haben.
Warum sind Sie dennoch in Gewissensnöte geraten?
Ein Jahr vor seinem Tod musste ich mit meinem Vater in die Notaufnahme. Er hatte sehr viel Blut verloren. Die Ärzte wollten wissen, ob es eine Patientenverfügung gebe. Mein Vater hatte festgelegt, dass er nicht wiederbelebt werden wollte. Ich hatte die Verfügung in der Tasche, sagte den Ärzten aber, ich müsste erst zu Hause nachschauen.
Warum haben Sie sich über den Willen Ihres möglicherweise sterbenden Vaters hinweggesetzt?
Ich habe Angst bekommen, das Falsche zu tun. Mein Vater war nicht lebensmüde. In der Notaufnahme war ich überfordert. Zum Glück ging es noch einmal gut, mein Vater hat sich erholt, die Verfügung wurde in diesem Moment nicht relevant.
Als Sie die Beerdigung Ihres Vaters planten, wollten Sie zunächst nicht, dass der Pfarrer über die Krankheit Ihres Vaters spricht. Ist Alzheimer noch immer schambehaftet?
Als ich mir Gedanken über die Beerdigung machte, ist mir bewusst geworden, dass Alzheimer immer noch schambehaftet ist. Auch einen schwulen Sohn zu haben, einen Elternteil ins Pflegeheim zu geben, ist schambehaftet, zumindest in einem Dorf. Ich habe dann die Flucht nach vorne angetreten und bei der Beerdigung selbst eine Ansprache gehalten, in der ich alle drei Themen zum ersten Mal in unserem Dorf explizit angesprochen habe. Um Scham zu überwinden. Es gab nur positive Reaktionen.
Sie selbst haben keine Kinder, die sich eines Tages um Sie kümmern könnten. Haben Sie deshalb Angst vorm Altwerden?
Im Pflegeheim sagten mir viele Bewohner: «Ich habe auch einen Sohn in der Nähe, aber er kommt nie.» Dass man Kinder hat, ist keine Garantie, dass sie sich später um einen kümmern. Mir scheint es wichtig, im Leben einen Menschen zu finden, der Mitgefühl mit mir hat und bei dem ich mich darauf verlassen kann, dass es ihm später nicht egal ist, wie es mir geht. Ein Mensch mit Mitgefühl ist die wichtigste Altersvorsorge. Ob dieser Mensch das eigene Kind, der Partner oder jemand anders ist, ist nachrangig. Da ich keine Kinder habe, kann ich zumindest nicht von meinen Kindern enttäuscht werden. (aargauerzeitung.ch/lyn)
Natürlich wünsche ich mir, dass ich Kontakt zu meinen Kindern und unterdessen auch Enkelkind, bis ins hohe Alter haben kann aber verpflichtet sind sie dazu nicht. Sie sollen ihr Leben leben.
Genauso denke ich aber auch umgekehrt. Ich bin vor kurzem Opa geworden und mein Sohn hatte den Anspruch, dass ich und meine Frau nun regelmässig auf den Kleinen schauen um ihn und seine Frau zu entlasten, NEIN.
Den auch wir wollen nun unser Leben leben …
Pflege der Eltern geht nicht ein paar Wochen, das ist ein Marathon der 10, 15 Jahre dauert.
Ähnlich den Eltern die ein Trisomie 21 Kind pflegen wollen. Das geht dort 40, 50 Jahre und jede, jede Beziehung scheitert. Ohne Ausnahme. Das zuviel ist.
Wer da reinplärrt unds dann imnfal schon besser weis, hat absolut. keine. Ahnung. und bitte: Schweigt einfach. Merci.