Weihnachten im Elternhaus: Sollten sich Paare im Bett zurückhalten?
Von wegen «Stille Nacht, heilige Nacht.» So manches Liebespaar überkommt am Weihnachtsabend, wenn alles schläft und es einsam wacht, die Idee, übereinander herzufallen. Schwebt doch gerade so viel Romantik und Besinnlichkeit in der Luft!
Tatsächlich zeigt eine aktuelle Analyse von «Erotik.com», dass Dezember der umsatzstärkste Monat für Erotikfilme ist, auch die deutschen Suchanfragen nach dem Begriff «Sex» erreichen jedes Jahr in der Woche um Weihnachten ihren Höhepunkt (Google Trends). Lust ist also da.
Das Problem ist nur: Viele Menschen verbringen die Festtage nicht im heimischen Bett, sondern auf der Gästecouch bei Eltern, Schwiegereltern, Tanten oder Onkeln. Wäre Sex da überhaupt angebracht? Und wenn ja – was gilt es zu beachten?
Wir sprachen darüber mit Jana Welch. Die Sexologin und Autorin aus Hamburg («Sex that connects – ein erotisches Playbook für Paare mit 30 Abenteuern», Goldmann) bietet auch Sexualtherapie für Paare an.
«Niemand ist verpflichtet, im Elternhaus keusch zu leben – und niemand ist verpflichtet, dort Sex zu haben», betont Welch ganz grundsätzlich. Es gehe weniger um die Frage «Darf man?», sondern vielmehr darum, was sich für beide stimmig anfühle, was respektvoll gegenüber den Gastgeberinnen und Gastgeber sei und wie viel Stress man sich zumuten wolle.
Kindheitsgefühle und Scham: Warum das Elternhaus für viele tabu ist
Viele Menschen empfinden das Elternhaus als emotional aufgeladenen Ort, besonders zu Weihnachten. «Plötzlich bist du nicht die erwachsene Frau oder der erwachsene Mann, der Sexualität selbstbewusst lebt, sondern wieder ‹Tochter› oder ‹Sohn›, die im Kinderzimmer schläft», erklärt Welch. Diese Rückkehr in alte Rollen könne dazu führen, dass sich Sex absurd anfühlt. Die Expertin: «Der innere Konflikt killt die Lust.»
Das erlebt sie auch bei ihren Klientinnen und Klienten in der Praxis. Viele denken, wenn sie auf das Thema angesprochen würden, «bloss nicht», berichtet die Sexualberaterin. Denn «Weihnachten triggert alte Rollen.» Auch Scham und Kontrollgefühle kommen auf:
Wenn die Angst, erwischt zu werden, alles dominiert, sei es oft entspannter, Erotik auf die Heimkehr zu verschieben, «statt verkrampft an Weihnachten Sex haben zu müssen», führt sie aus.
Praktische Hindernisse wie enge Wohnverhältnisse, dünne Wände oder viele Menschen im Haus erschweren die Situation zusätzlich. «Lust freut sich über ein Mindestmass an Sicherheit und Privatsphäre», sagt die Sexologin. In solchen Fällen könne es sinnvoll sein, Nähe und zärtliche Momente zu geniessen und den «Sex im engeren Sinne» auf später zu verschieben.
Warum man Erotik im Elternhaus nicht grundsätzlich verteufeln muss
Auf der anderen Seite sei Sexualität ein normaler Teil einer Liebesbeziehung – auch, wenn die Eltern im Zimmer nebenan schlafen. «Du bist erwachsen», betont Welch. «Du darfst in einer Beziehung leben, in der Sexualität Raum hat – auch auf Reisen, auch bei der Familie.»
Oft sei die Rückkehr in die Rolle des 16-Jährigen eher eine innere Gewohnheit als ein Anspruch der Eltern. Der Besuch bei der Familie könne sogar ein Anlass sein, mit dem Partner oder der Partnerin über die eigene sexuelle Vergangenheit zu sprechen und dabei dazuzulernen: «Wie hast du Sexualität als Jugendlicher leben dürfen?»
Sex müsse dabei nicht laut, penetrativ oder stundenlang sein, um verbindend zu wirken. «Gerade in ‹Elternhaus-Situationen› kann es schön sein, sich bewusst für eine sanftere, leisere Form von Intimität zu entscheiden – mehr Nähe, mehr Spüren, weniger Performance», erklärt Welch. Für manche Menschen sei es befreiend zu erleben, dass sie in ihrem Elternhaus sein und gleichzeitig ihre erwachsene, sinnliche Seite leben können.
Intimität: Worauf man als Gast und Liebespaar Rücksicht nehmen sollte
Die Sexualberaterin rät, sich im Zweifelsfall an drei Orientierungsfragen zu halten:
- Respekt vor den Gastgebenden: «Möchten deine Eltern explizit nicht, dass Partnerinnen und Partner im gleichen Zimmer schlafen? Dann ist das eine Grenze, die man ernst nehmen sollte», sagt Welch. Wenn die Eltern jedoch ein Doppelzimmer mit Tür zur Verfügung stellen, sei das meist ein stillschweigendes «Wir wissen, dass ihr ein Paar seid» – und auch eine Erlaubnis für Intimität.
- Privatsphäre und Lautstärke: «Dünne Wände? Dann lieber leiser und kürzer – oder andere Intimitätsformen wählen, wie Kuscheln, Streicheln, gemeinsam Duschen oder leise Zärtlichkeit», rät Welch. Musik oder White Noise könnten helfen, Peinlichkeiten zu ersparen. «Niemand muss den anderen beim Sex hören.»
- Eigene Grenzen: «Wenn du innerlich dauernd lauschst, ob jemand den Flur entlanggeht, wirst du dich kaum entspannen können», erklärt Welch. In solchen Fällen sei es oft die bessere Entscheidung, den Sex auf später zu verschieben. «Manchmal ist es die erotischere Entscheidung zu sagen: ‹Lass uns diese Spannung mitnehmen und nach den Feiertagen in Ruhe auspacken.›»
Welch empfiehlt, unbedingt vorab über das Thema zu sprechen: «Ein kurzer Check-in: ‹Wie geht’s dir mit Sex im Elternhaus? Eher ja, eher nein? Worauf hättest du Lust, was wäre dir zu viel?›» So könnten Missverständnisse und Druck vermieden werden.
Wichtig sei auch, dass niemand beleidigt sei, wenn es nicht zu Sex komme. «Gerade an Weihnachten sind viele übermüdet, emotional aufgeladen, vollgegessen. Lust kann nicht erzwungen werden.» An den Feiertagen keinen Sex zu haben, sei völlig in Ordnung und bedeute noch lange kein Problem in der Beziehung.
Ein weiterer Tipp: Mikrosexualität. «Vielleicht ist dieses Jahr die zärtliche Dusche am Morgen, ein langer Kuss in der Küche oder das abendliche Löffelchen im Gästebett genau das, was euch guttut – statt des ‹Pflicht-Sex›, den man sich vornimmt.»
«Man muss sich Sex im Elternhaus an Weihnachten weder grundsätzlich verkneifen, noch hat man die Pflicht, ihn ‹durchzuziehen›», fasst Welch zusammen. Wichtiger sei die Frage: «Fühlt sich das, was wir tun, für uns stimmig, respektvoll und entspannt an – in diesem Kontext?» Wenn die Antwort «Ja» lautet, spricht nichts gegen erotisches Glockengeläut zwischen Tannenduft und Geschenken.
