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Langsam hineinlaufen. langsam atmen und ja nicht zögern. Die Autorin im Januar im Bodensee: Sieht eigentlich ganz warm aus, ist aber 5 Grad kalt. bild: max hegge

Warum immer mehr Menschen in eiskalte Seen steigen oder halbnackt im Schnee wandern

Bei Minustemperaturen in den See zu steigen, sei etwas für Freaks, fand unsere Autorin. Bis sie es ausprobiert und von den Profis lernte, was die Kälte alles kann.

Katja Fischer De Santi / ch media



Die Sonne knallt vom Himmel, der Bodensee liegt kristallklar und eiskalt vor mir, ich stehe bei knapp unter null im Bikini am Steg und halte mich etwas verkrampft an Geländer fest. «Versuch einfach, an nichts zu denken», hat eine Freundin geraten.

Schwierig, wenn meine innere Stimme mich grade dauernd fragt, warum ich in fünf Grad kaltes Wasser steigen soll. Besser wäre, jetzt entspannt zu atmen, langsam und tief, so rät es Kälteguru Wim Hof. Der Holländer ist mehr Yeti als Mensch und ein versierter Geschäftsmann. 2011 verharrte er fast zwei Stunden bis zum Hals in Eiswasser.

Seine Anhänger setzen sich derweil weltweit in Badewannen voller Eiswürfel, um sich nach seiner Methode zu entspannen. Einer, der das gemacht hat, ist Simon Hegener. Der Zürcher IT-Berater und Coach hat im Kältetraining seine zweite Berufung gefunden. Er führt Anfänger und Geübte in seine «Eskimo»-Fitness ein, er organisiert Kältewanderungen in kurzen Hosen und hat die Swiss Cold Training Association in der Schweiz mitgegründet.

Hegeners Mission ist es, möglichst vielen Menschen den Vorteil der Kälte zu zeigen. Früher sei er oft krank gewesen und gestresst. Unter der kalten Dusche habe er gemerkt, dass er loslassen könne. «Das Drehen im Kopf stellt in der Kälte ab, ich atme tief bis in den Bauch hinab und entspanne mich.»

Entspannen im Eiswasser? Bei mir löst schon eine kalte Dusche Schnappatmung aus. «Reine Kopfsache, unser Körper kann mehr, als wir ihm zutrauen», sagt Hegener. Betont aber, dass er das Kältetraining nicht als Challenge versteht. Zwei bis drei Minuten im Wasser sind im Winter genug. «Wer die Grenzen seines Körpers überschreitet, geht unnötige Risiken ein.»

Kreischen und Japsen ist nicht das Ziel, in der Ruhe liegt die Kraft

Gut, habe ich nicht vor, mehr als eine Minute im See zu bleiben. Das Atmen hilft, ich hab das Geländer losgelassen, drei langsame Schritte, und ich werde im Wasser sein. Sowieso sollte alles langsam gehen beim Winterschwimmen: der Einstieg, das Eintauchen, die Schwimmzüge, der Ausstieg, die Aufwärmphase. Nichts mit schnell rein, raus und dabei Quietschen und Schreien wie Kinder in der Badi. Nun, ich nehme es hier vorneweg, geschrien habe ich erst ganz am Schluss.

Beni Imhof hingegen watet, ohne einen Ton von sich zu geben, in den Vierwaldstättersee. Seit gut fünf Jahren steigt er jeden Tag in den See bei Brunnen, auch wenn es Mitternacht wird und Katzen hagelt. Ein Workaholic sei er gewesen, habe kaum je abgeschaltet, bis er zu schwimmen begann und im Herbst nicht mehr damit aufhörte.

«Ein irrsinniges Gefühl, je struber das Wetter, desto besser.»

Seine Familie sagt, er sei süchtig nach dem Kältekick, «und das stimmt wohl auch». Ist er in den Bergen und schafft es nicht, irgendwo ein Eisloch in einen See zu schlagen, dann legt sich Beni Imhof einfach in den Schnee.

Immer mehr Schweizer suchen den Kick im kalten Wasser

Winterschwimmen entwickelt sich gerade zu einem Trend. «Friday is Rhine Day» nennt sich etwa eine lose zusammengewürfelte Gruppe in Basel, in Luzern treffen sich die «Winterschwimmer» mehrmals in der Woche, ebenso der «Gfrörli Club» in Bern oder die «Pinguine» in Schaffhausen. Neulinge sind meist sehr willkommen. Fragt man, was sie antreibt, klingen die Antworten ähnlich: Rauszukommen, die Komfortzone zu verlassen, die eigenen Grenzen zu überschreiten, die in dieser Pandemie eng gesteckt sind wie nie. Der See oder der Fluss hingegen, die sind weit und virenfrei, ob bebadbar oder nicht, hängt nur vom eigenen Willen ab.

Glaubt man «The Ice Man» Wim Hof, lässt sich das Immunsystem mit der Kälte trainieren wie ein Muskel, und zwar nach seiner Methode. Doch der wahre Kick, der Lohn der Überwindung kommt bei fünf Grad Wassertemperatur nach etwa 20 Sekunden, also genau dann, als ich das dringende Bedürfnis verspüre, wieder aus dem See zu ­klettern.

Hinein bin ich erstaunlich gut gekommen. Doch drin verschluckt mich die Kälte komplett. Es fühlt sich an, als ob mir das eisige Wasser die Luft abschnürt. Schnappatmung setzt ein, zum Schreien fehlt mir schon die Kraft. Plötzlich, wie ein Stoss, beginnt sich mein Körper gegen die Kälte zu wehren, Wärme schiesst in die Brust, und Arme und Beine beginnen zu brennen wie von tausend Nadeln gepikt. Klingt schrecklich, fühlt sich aber fantastisch an. Wie ein Reset-Knopf, für einen Moment ist mir alles andere egal, ich hab keine Kontrolle mehr und bin doch klar und wach wie nie, spüre jede Zelle meines Körpers.

Zu vergleichen ist dieses Gefühl eigentlich nur mit gutem Sex. Als ­Himalaja-Gefühl für Unsportliche wurde Eisbaden schon beschrieben. Das hat was. «Das kann jeder gesunde Mensch, es ist reine Kopfsache», hat ja Simon Hegener gesagt. Danach herrscht Hochstimmung, ich strahle und lache, bin zufrieden mit mir und der Welt. Das Gefühl hält fast den ganzen Tag an. Mehr kann man in diesen Zeiten nicht verlangen. Dafür nehme ich kalte Füsse und Hände in Kauf. Und diesen Sonntag bleibe ich eine Minute länger im Wasser.

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