Luftfahrt
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protokoll eines passagiers

«Ich sass im entführten Flugzeug nach Genf – und ich hoffe, niemand von euch muss das je erleben»

Ein 25-jähriger Franzose sass an Bord der entführten Ethiopian-Airlines-Maschine, die in Genf landete. Dem Internetdienst Reddit schildert er, wie er die Stunden im entführten Flugzeug erlebte.



Das Endziel seines Flugs war Genf. Der 25-jährige Franzose arbeitet dort, wie er nach dem Horrorflug zu Protokoll gab. Die Entführung von Flug ET702 habe eine Stunde nach dem Start in Addis Abeba begonnen. Das Protokoll: 

Luggage Tag, ET702, Reddit

Beweisstück: das Gepäcketikett des 25-Jährigen. Dieses musste er Reddit vorlegen. Bild: Reddit

«Ich sass in der Economy, Fensterplatz auf der rechten Seite.

Da es bereits Mitternacht war, schlief ich bald ein. Als die Sauerstoffmasken herunterfielen, wachte ich auf. Ich dachte: was zum ... Ich sah meine Sitznachbarin an, die ebenso verwirrt war. Da das Flugzeug ganz normal weiterflog, vermuteten wir eine technische Störung. Vielleicht hatte jemand den falschen Knopf gedrückt. Alle schauten sich fragend an. 

Dann plötzlich kam eine tiefe und wütende Stimme über Funk dreimal: ‹Setzen Sie sich, setzen Sie Ihre Sauerstoffmaske auf, ich stelle den Sauerstoff ab.›

Zu diesem Zeitpunkt realisierte ich, dass die Lage ernst war: Jemand ist im Cockpit und hat das Flugzeug entführt. Innert Sekunden sank die Sauerstoffkonzentration in der Kabine. Mir wurde schwindlig und ich setzte wie alle anderen die Sauerstoffmaske auf. Dann plötzlich sackte das Flugzeug für etwa acht Sekunden ab und gewann dann schnell wieder an Höhe, bevor es sich stabilisierte. 

Die Leute weinten, schrien und beteten. Ich geriet in Panik. Mir wurde kalt. Alle warteten auf irgendeine Information, wie es weitergeht, doch nichts kam.

Wir flogen für weitere sechs Stunden und wussten nur, dass ein Pirat am Steuer sass. Wer ist er und was ist seine Absicht? Ich überlegte zu viel: Da er wahrscheinlich allein war, wird er kaum an einem Flughafen landen, wo er sofort verhaftet werden würde. Also verwarf ich die Möglichkeit einer sicheren Landung. 

Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich nur die schwarze Nacht. Die nächsten sechs Stunden stellte ich mir jeden möglichen Ausgang dieser Geschichte vor: Absturz ins Meer, Absturz in ein Gebäude, Kollision mit einem anderen Flugzeug, Landung und dann Märtyrertod. 

Ich versuchte meiner Familie und meiner Freundin ein SMS zu schreiben: ‹Es gibt ein Problem mit dem Flugzeug, ich liebe euch, ihr seid die besten.›

Ich hatte nur noch fünf Prozent Akku und zudem Angst, dass ein weiterer Terrorist mich sehen und erschiessen würde. Es gab keine Abdeckung, also entschied ich, das Handy auszustellen und kurz vor dem Absturz wieder anzustellen, damit die SMS doch noch versendet werden. 

Die ganze Zeit hielt ich die Hand meiner Nachbarin, einer netten, älteren Italienerin.

Jede einzelne Sekunde dieser sechs Stunden der Unsicherheit und des bevorstehenden Todes waren psychologische Folter. Ich brach zusammen, liess los, verabschiedete mich, dachte an meine Familie, vergangene Momente, wer meine Sachen erben würde und vieles mehr. 

Das Flugzeug hätte um 04.40 Uhr in Rom landen sollen, doch um 05.30 waren wir immer noch in der Luft. Durch das Fenster sah ich die Morgendämmerung und die Küste, was mich beruhigte. Dann begannen wir zu kreisen. Links, rechts, mindestens 20 Mal. 

Ich dachte, vielleicht will der Pirat den Treibstoff aufbrauchen, damit wir aus dem Himmel fallen.

Wir verharrten auf derselben Flughöhe und machten keinerlei Anstalten zu landen. Dann plötzlich setzte der Sinkflug ein. Als wir die Wolken erreichten, wurden die Vorflügel ausgefahren, wie bei einer normalen Landung. Doch ich dachte, er will vielleicht einfach mehr Schaden anrichten. Ich dachte: Das war's, jetzt stürzen wir irgendwo ab. 

Ich blickte aus dem Fenster und sah zwei, drei Lichter. Mehr nicht, es war immer noch dunkel. Wir waren schnell und überflogen viele Häuser. 

Dann plötzlich unter uns der Flughafen. Ich zittere, wenn ich an diesen Moment denke. Wir landeten, wir landeten wirklich. Kann es wahr sein? Ist es ein Wunder? Wir setzten auf und das Flugzeug hielt in einiger Entfernung von den Gates an. Ich weinte, während viele Italiener applaudierten.

An dieser Stelle informierte uns ein Flugbegleiter über den Kopiloten, dass wir in Genf gelandet waren und die Schweizer Polizei das Flugzeug bald evakuieren würde. 

Wenig später betraten Spezialeinsatzkräfte die Kabine und befahlen uns, die Hände hinter den Kopf zu nehmen und ruhig zu bleiben. Jede Person wurde einzeln herausgebracht, was je zwei bis drei Minuten dauerte. Eine Stunde später war ich endlich draussen. 

Wir wurden kontrolliert und von den Schweizern sehr nett betreut. Es gab Sandwiches, heisse Schokolade, gratis Wifi und psychologische Betreuung. Wenige Stunden später konnte ich mein Gepäck holen und durch ein normales Gate den Flughafen betreten. Meine Mutter erwartete mich schon.

Wir gingen am Genfersee spazieren und sie kochte etwas Gutes. Die psychischen Folgen sind nicht zu vernachlässigen, ich stehe immer noch unter Schock. Ich bin ein Glückspilz. 

Ich hoffe, niemand von euch muss das erleben.»

Passagier beantwortet User-Fragen

Sehr detailliert hat der 25-Jährige aber auch die Fragen von Usern über Reddit beantwortet. Hier ein Auszug:

Wie fühlte es sich an, dem Tod ins Gesicht zu schauen?

«Es war, wie im Spitalbett zu sterben. Du hast Angst, du weisst, dass es vorbei ist. Und du stellst dir viele Fragen: Bereue ich etwas, wer kommt an meine Beerdigung? Und weil man nichts machen kann, akzeptiert man es zu 90 Prozent.» 

Haben Sie je daran gedacht, den Helden zu spielen?

«Ja, ich habe oft daran gedacht. Aber das Risiko war zu gross, dass es nicht klappt.» 

Ist der Tag nach der Entführung der beste in Ihrem Leben?

«Gute Frage. Mein Kopf ist immer noch im Flugzeug...» 

Werden Sie je wieder fliegen?

«Ja.»

Der Hinweis auf diese Geschichte kam von watson-User @_deniaz

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