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Suizid nach Cybermobbing: Zwei Jugendliche im Fall Céline verurteilt – Mutter kritisiert

Nadya Pfister, die Mutter von Céline, wurde durch den Fall zu einer Aktivistin gegen Cybermobbing. Sie plant eine politische Kampagne – und kritisiert die Justiz.

Andreas Maurer / ch media



Céline Pfister, eine 13-jährige Bezirksschülerin aus Spreitenbach AG, nahm sich im Spätsommer 2017 das Leben. Zuvor war sie auf Social-Media-Plattformen blossgestellt und diffamiert worden. Ihr Schicksal löste schweizweit Bestürzung aus. Die traurige Geschichte ging danach um die Welt als abschreckendes Beispiel für die Folgen von Cybermobbing. Es war der erste öffentlich thematisierte Fall dieser Art in der Schweiz.

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Céline Pfister, 3.12.2003 – 28.8.2017. Bild: ho

Jetzt hat die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis die Strafverfahren abgeschlossen, wie diese auf Anfrage bestätigt. Einen männlichen Jugendlichen aus Dietikon ZH hat sie per Strafbefehl wegen Nötigung verurteilt. Eine weibliche Jugendliche, ebenfalls aus Dietikon, hatte sie zudem bereits vor Monaten wegen versuchter Drohung und Beschimpfung sanktioniert. Die Strafe ist in beiden Fällen dieselbe: eine persönliche Leistung. In der Regel handelt es sich dabei um gemeinnützige Arbeitseinsätze von wenigen Tagen.

Sarah Reimann, Sprecherin der Jugendanwaltschaft, sagt: «Gemäss den Erkenntnissen der Jugendanwaltschaft kann der Suizid in beiden Fällen nicht auf das Handeln der Jugendlichen zurückgeführt werden.»

Die Mutter klagt an

Nadya Pfister, die Mutter von Céline, wurde durch den Fall zu einer Aktivistin gegen Cybermobbing. Sie plant, in den nächsten Tagen eine politische Kampagne zum Thema zu lancieren. Deshalb äussert sie sich jetzt zum ersten Mal mit ihrem vollen Namen und befürwortet den Abdruck eines unverpixelten Bildes ihrer Tochter.

Nadya Pfister sagt: «Die Jugendanwaltschaft sieht keinen Kausalzusammenhang zwischen dem Mobbing und dem Suizid, weil sie zwei getrennte Strafverfahren durchgeführt hat.» Das sei ein Fehler. Denn die beiden Verfahren hingen zusammen: «Die eine Tat wäre ohne die andere nicht passiert.»

«Als das Jugendstrafrecht geschrieben wurde, gab es Cybermobbing noch nicht.»

Nadya Pfister, Mutter von Céline

Zudem kritisiert sie die Kommunikation: «Ich bin ein trauerndes Mami. Doch ich wurde im Dunklen gelassen.» Die Strafverfolgungsbehörde habe die Informationen über die Verfahren immer zurückgehalten.

Und sie fordert die Politik zum Handeln auf: «Als das Jugendstrafrecht geschrieben wurde, gab es Cybermobbing noch nicht. Deshalb braucht es dafür einen neuen Straftatbestand.»

In der Mobbing-FalleUm die Vorwürfe zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen. Zur Eskalation kam es wegen einer Intrige. Céline verliebte sich in einen Jugendlichen, der zuvor mit einer früheren Kollegin von ihr zusammen gewesen war. Diese wurde eifersüchtig. Der Junge nutzte die Konstellation für ein perfides Doppelspiel aus.

Es begann mit einem Foto aus Célines Kinderzimmer. Sie sass in Shorts und T-Shirt auf ihrem Bett und machte ein Selfie in einer freizügigen Pose. Es war kein pornografisches Bild, doch es war nicht für fremde Augen bestimmt. Nur für ihren Angehimmelten. Dieser leitete es jedoch seiner Ex-Freundin weiter. Zwei Wochen bevor sich Céline das Leben nahm, hatte die Ex das Bild auf Snapchat verbreitet. Der Junge setzte Céline danach unter Druck, ihm weitere Fotos von ihr zu schicken – sonst würde er seine Ex mit weiterem Bildmaterial beliefern.

Zuerst eskalierte der Streit online. Dutzende Jugendliche, die sich in der realen Welt teilweise noch nie begegnet waren, heizten den Konflikt auf Social-Media-Plattformen an.

Am zweitletzten Tag in Célines Leben fand die Badenfahrt statt, ein Volksfest. Der Streit verlagerte sich vom Internet auf die Strasse. Céline wurde von ihrer Ex-Kollegin mit Sprüchen über ihre Affäre vor einer Gruppe blossgestellt.

Die Folgen von Cybermobbing sind weitreichender als jene von herkömmlichem Mobbing. Online ist die Verletzung der Intimsphäre schmerzhafter, weil sie vor einem grösseren Publikum stattfindet. Im Fall Céline kam beides zusammen.

Erziehung statt Sühne

Sarah Reimann, die Sprecherin der Jugendanwaltschaft, sagt: «Untersuchungen in solch tragischen Fällen sind bei allen Beteiligten mit vielen Emotionen verbunden und gestalten sich dementsprechend aufwendig und herausfordernd.» Das Jugendstrafrecht sei ein Erziehungsstrafrecht und habe das Ziel, weitere Delikte zu verhindern. Reimann: «Diese Grundausrichtung führt dazu, dass allfälligen Wünschen nach Sühne und Vergeltung, so nachvollziehbar sie auch sein mögen, kaum entsprochen werden kann.» (aargauerzeitung.ch)

Lass dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • honesty_is_the_key 13.04.2019 19:41
    Highlight Highlight Ich habe keine Ahnung was hier gerichtlich richtig wäre. Ich finde es einfach extrem traurig was passiert ist. Und das tut weh.
  • Newski 13.04.2019 16:07
    Highlight Highlight Gemäss eigener Aussage der Jugendanwaltschaft sollen deren Urteile 'erzieherischen Charakter' haben. Meine Frage an die Jugendanwaltschaft: Wo ist denn der erzieherische Charakter, wenn als aussenstender lesen muss, dass die Haupttäterib so weiter mobbt, als wäre nichts geschehen? Eine wirkliche erzieherische Massnahme müsste das Fehlverhalten der Täterin stoppen. Tut es aber offensichtlich nicht. Bitte glaubwürdige erzieherische Massnahmen ergreifen, welche das Fehlvethalten der Töterin auch wirklich ändern. Es braucht definitiv kein weiteres Suizidopfer!
  • Garp 13.04.2019 15:39
    Highlight Highlight Es ist tragisch, kann man als Eltern seine Kinder nicht vor allem beschützen.

    Es ist sicher wichtig, dass es ein neues Gesetz für Cybermobbing erarbeitet wird.

    Es braucht aber auch noch viel Aufklärung in der Schule, von Eltern und es braucht Anlaufstellen, wo Betroffene sich Hilfe holen können und wo man nicht verurteilt wird, wenn man von sich ein freizügiges Bild verschenkt hat, sondern gestärkt und unterstützt wird.

    Die Pubertät wird aber auch wenn man das alles beherzigt für so manchen Pubertierenden eine labile Phase bleiben, in der sie sehr verletzlich sind.



  • Cédric Wermutstropfen 13.04.2019 14:02
    Highlight Highlight „Das Jugendstrafrecht sei ein Erziehungsstrafrecht und habe das Ziel, weitere Delikte zu verhindern.“

    Ach, und diese paar Tage gemeinnützige Arbeit sind in diesem Falle Erziehung genug? Eine Schande ist das.
    • DrGuybrush 14.04.2019 10:42
      Highlight Highlight Ja gut aber eine komplette Aussondierung aus der Gesellschaft müssten dann die Steuerzahler tragen.
  • floorball4ever 13.04.2019 13:42
    Highlight Highlight R.I.P
  • Turi 13.04.2019 12:25
    Highlight Highlight Gut rückt das Thema Suizide in den Fokus der Medien und der Politik.
    Ist es bis anhin für Medien und Politik so uninteressant, weil der Grossteil der Suizide Knaben trifft, die keine Lobby hinter sich haben?
    • Garp 13.04.2019 16:16
      Highlight Highlight Also vorwiegend für Männer sind Suizide von Jungen und Männern uninteressant?
  • Matrixx 13.04.2019 11:40
    Highlight Highlight Das Strafmass für Mobbing/Cybermobbing ist viel zu tief.
    In Fällen wie diesem hier sollten die Täter gleich behandelt werden wie bei Beihilfe zu Mord. Denn das tun sie, jemanden über langere Zeit ermorden, auch wenn sie diesen nicht aktiv ausführen.
    • Madison Pierce 13.04.2019 14:45
      Highlight Highlight So weit würde ich nicht gehen. Aber die verhängten Strafen sind schon viel zu niedrig. Gefängnis wäre angebracht, auch wenn es nur ein Monat oder so ist. Einfach dass klar ist, dass solches Verhalten nicht toleriert wird.
  • Clife 13.04.2019 11:17
    Highlight Highlight Mobbing ist ein Auslöser für Stress und Stress wiederum kann bei genügender Intensität auch zu Suizid führen. Dieser „Stress“ wird denn auch nicht durch die eigene Beteiligung, sondern die der Aussenstehenden gewählt (im Gegensatz zu herkömmlicher Arbeit kann man nichts beeinflussen). Dass das Jugendstrafrecht erzieherisch wirken soll ist verständlich, aber wenn dann die Erziehung der Eltern und Lehrer versagt, bringt es auch nicht viel. Man wird de facto für Mobbing-Handlungen meist nichtmal mit Nachsitzen bestraft...als wäre die Schule ein Freipass für Rassismus (jetzt mal so im Vergleich)
    • sowhat 13.04.2019 19:18
      Highlight Highlight Und was sollen die Lehrer noch alles hinbiegen, was die Eltern verpasst haben? Respekt vor dem Gegenüber lernt man zu Hause.
    • sowhat 13.04.2019 19:33
      Highlight Highlight Ich will damit nicht sagen, dass es in der Schule nicht thematisiert werden soll. Das muss es sogar. Die Jugendlichen müssen ja von jemand erklärt bekommen, dass Texte wie sie sie in den landläufigen Kommentaren verschiedener Newsplattformen lesen, NICHT der richtige Ton sind. Das können Sie eben eher verstehen, wenn sie zu Hause schon Respekt vorgelebt bekommen.
  • ChrigeL_95 13.04.2019 11:12
    Highlight Highlight Wenn sich jemand wegen Mobbings das Leben nimmt ist das für mich fahrlässige Tötung, wenn die Täter gar die Absicht hatten, dass sich das Opfer etwas antut dann... sorry.. geht das schon fast in Richtung Mord und Totschlag. Wie die Strafen bei sowas sind sollte ja bekannt sein..
  • Miicha 13.04.2019 11:09
    Highlight Highlight Die Mutter hat recht, es ist heute nicht mehr das selbe. Ein Foto oder Video kann ewig gehen dich verwendet werden.
  • carmse 13.04.2019 08:44
    Highlight Highlight Eine sehr traurige, aber leider auch alltägliche Geschichte.

    Der richtige Umgang mit sozialen Medien muss unbedingt zu Hause und in den Schulen thematisiert werden - denn aufhalten kann man diese Entwicklung nicht, indem man es einfach totschweigt.

    Generell wünsche ich mir, dass jungen Menschen mehr Gehör verschafft und ihre Anliegen ernster genommen werden. Sie sind unsere Zukunft und ihre Probleme/Ängste haben genauso eine Daseinsberechtigung wie die unseren.
    • Natürlich 13.04.2019 09:07
      Highlight Highlight Ehm, ich denke nicht, dass Suizid infolge Cybermobbing Alltag ist...

      Zum Rest des Kommentars stimme ich zu.
    • Legume 13.04.2019 09:14
      Highlight Highlight aus welchem grund gibt es zu dieser aussage blitzer? sehr traurige geschichte !
    • carmse 13.04.2019 16:45
      Highlight Highlight @Natürlich: Mobbing ist Alltag - Suizid infolge (Cyber)-Mobbing ist leider auch keine Randerscheinung...
  • Me, my shelf and I 13.04.2019 08:25
    Highlight Highlight Cyber-Mobbing oder
    Humanity defeating itself

    Ruhe in Frieden, Céline.

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