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Wie ein WOZ-Journalist in Nidwalden für den Nationalrat kandidiert  – und so der SVP schweizweit einen Stimmenzuwachs von 0,4 Prozent beschert

Wie ein WOZ-Journalist in Nidwalden für den Nationalrat kandidiert  – und so der SVP schweizweit einen Stimmenzuwachs von 0,4 Prozent beschert

02.09.2015, 16:0103.09.2015, 17:52
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Andreas Fagetti, Woz-Journalist und chancenloser Herausforderer.
Andreas Fagetti, Woz-Journalist und chancenloser Herausforderer.bild. wochenzeitung

WOZ gegen Weltwoche: Die Meldung machte am Montag in Windeseile die Runde: Die linke Wochenzeitung schickt ihren Bundeshausredaktor Andreas Fagetti ins Rennen um den einzigen Nationalratssitz des Kantons Nidwalden. Der bisherige, Weltwoche-Journalist Peter Keller, kann somit nicht in einer stillen Wahl wieder ins Bundeshaus einziehen. 

Historiker und Weltwoche-Redaktor Peter Keller tritt für die SVP im Kanton Nidwalden als Bisheriger an.
Historiker und Weltwoche-Redaktor Peter Keller tritt für die SVP im Kanton Nidwalden als Bisheriger an.Bild: KEYSTONE

Die Chancen des WOZ-Reporters sind nicht gering, sie sind inexistent. «Fagetti», schreibt die NZZ, «tritt nicht einmal mit Aussenseiterchancen an.» Was sind die Gründe des Woz-Redaktors, sich in einem aussichtslosen Wahlkampf der Nidwaldner Bevökerung als Nationalrat zu empfehlen? Er kandidiere aus demokratiepolitischen Überlegungen, erklärte Fagetti gegenüber der NZZ. Die Nidwaldner sollten eine Wahl haben. 

Möglicherweise entwickelt sich der Wahlstunt aber zu einem krassen Eigengoal. Wie der Politikwissenschafter Michael Hermann in einem Tweet am Mittwoch schrieb, könnte die SVP durch die Kandidatur von Fagetti auf nationaler Ebene satte 0.4 Prozent Plus machen.

«Der Woz war es wichtiger, sich in einem medialen Schlagabtausch mit der Weltwoche als Hüterin der Demokratie zu inszenieren»
Michael Hermann, Politologe

Wie das? «Wäre Peter Keller der einzige Kandidat gewesen, so wäre er in einer stillen Wahl ohne Stimmen nach Bern gewählt worden. So aber werden die Stimmen in Nidwalden ausgezählt», erklärt Hermann. SVP-Mann Keller werde mindestens 10'000 Stimmen machen, so die moderate Schätzung von Michael Hermann. «Das bedeutet auf nationaler Ebene 0.4 Prozent Wählerzuwachs.» Das würde der SVP zwar keine zusätzlichen Sitze im Bundeshaus bescheren, allerdings könnten die 0.4 Prozent darüber entscheiden, ob die SVP als Siegerin aus den Wahlen hervorgeht. 

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Anders hätte es freilich ausgesehen, wenn Fagetti nicht für die Vereinigung «Demokratie ermöglichen» angetreten wäre, sondern für eine Partei, die ebenfalls auf nationaler Ebene antritt, zum Beispiel die SP. 

«Der Woz war es wichtiger, sich in einem medialen Schlagabtausch mit der Weltwoche als Hüterin der Demokratie zu inszenieren.» Dass die linke Zeitung nicht gewusst hätte, welche Vorteile sie der SVP mit der Aktion zuschanzte, kann sich der Polit-Analyst nicht vorstellen. «Der Verfasser der Wahlen-Reihe <Wahlgymnastik> hat in der letzten Woche sogar selber vorgerechnet, wieviel Zuwachs die SP auf nationaler Ebene hätte, wenn sie einen – aussichtslosen – Gegenkandidaten ins Rennen schicken würde.» Die WOZ, so Hermann, läuft der SVP sehenden Auges ins Messer.

0.4 Prozent, so what?

WOZ-Redaktor Fagetti reagiert gelassen auf Hermanns Eigengoal-Vorwurf: Es gehe um eine Grundsatzdiskussion, so der 55-Jährige. «Plädiert Hermann generell für stille Wahlen? Wenn ich politisiere, dann nicht für Wähleranteile, sondern für Menschen. Ich argumentiere demokratiepolitisch. Es kann nicht sein, dass ein Kandidat für ein gewichtiges Amt im Schlafwagen nach Bern fährt», sagt Fagetti.  

Im Schlafwagen nach Bern? Demokratiepolitisch bedenklich, findet Andreas Fagetti. Im Bild: Nachtzug an der lithauisch-russischen Grenze.
Im Schlafwagen nach Bern? Demokratiepolitisch bedenklich, findet Andreas Fagetti. Im Bild: Nachtzug an der lithauisch-russischen Grenze.Bild: AP

Und was ist mit den 0.4-Prozent Zuwachs an Wähleranteilen? «So what», wichtiger sei, dass auf die Misstände in Nidwalden aufmerksam gemacht werde. 

«Es kann nicht sein, dass ein Kandidat für ein gewichtiges Amt im Schlafwagen nach Bern fährt»
Andreas Fagetti, WOZ-Redaktor

Die drohende stille Wahl ist Fagetti aber nicht der einzige Dorn im Auge. Auch, dass mit Peter Keller ein Journalist in der Legislative sitzt, stösst dem WOZ-Journalist sauer auf. «Keller übt eine problematische Doppelrolle aus. Einerseits sitzt er im Nationalrat und anderseits arbeitet er für die Weltwoche.» Damit verstösse Keller gegen den Grundsatz der Gewaltenteilung, die den Medien die Aufgabe als Watchdog der Demokratie zuteilt.

Und wie sieht es bei ihm selber aus? Immerhin ist Fagetti auch Journalist. «Während des Wahlkampfs bin ich von der WOZ freigestellt. Abgesehen von Kolumnen schreibe ich nichts.» Und sollte es zur Wahl in den Nationalrat kommen? «Dann werde ich Politiker sein und nicht Journalist», sagt Fagetti lachend, im Wissen, dass seine Kandidatur chancenlos ist.

Tief in die Schatulle greift die WOZ denn auch nicht für den Wahlkampf. «Wir haben ein Budget von 15'000 Franken, damit werden wir einige Aktionen veranstalten», so Fagetti. (wst)

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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ElHainzo
02.09.2015 16:51registriert Februar 2014
Ich bin sehr froh kandidiert Fagetti in Nidwalden. Ansonsten hätte ich meinen Stimmzettel gleich nach Erhalt wegschmeissen können.
Ob Peter jetzt ein paar Tausend Stimmen mehr macht oder nicht ist mir auch relativ egal, solange ich meine demokratischen Rechte ausüben kann.
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Cynorris
02.09.2015 16:32registriert September 2015
Es scheint, dass Herr Herrmann die schlussendlich unbedeutende Zahl der schweizweiten Parteiprozente als Indikator für einen Wahlsieg verwendet. Wahlsieger oder Wahlverlierer ist allerdings jener, der tatsächlich im Parlament zugelegt bzw. verloren hat. Der nidwaldner Sitz wäre sowieso bei der SVP verblieben. Durch die Kandidatur von Herrn Fagetti wird wenigstens die Abgabe von Wahlzetteln (auch leereingeworfener!!) ermöglicht. Daher ist es völlig falsch von Selbstprofilierung seitens der WOZ zugunsten der SVP zu sprechen.
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SomeoneElse
02.09.2015 16:57registriert Februar 2014
Kann mir einer Erklären was genau das Problem an den 0.4% Zuwachs am nationalen Wähleranteil sein soll? Mehr Sitze können sie daduch ja nicht holen... Ansonsten hätte man halt eine 0.4% schwächere SVP mit genau gleich vielen Sitzen. Es würde ja aber auch nicht die echte Stärke darstellen... also wäre das Resultat verzehrt. Es fehlen einige tausend Stimmen. So kommt man der Realität näher. Warum das ein Eigengoal sein soll verstehe ich nicht...
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