Studierte Frauen wollen keine Karriere machen, sondern einen vermögenden Mann heiraten. Diese steile These ging diese Woche online, nachdem Studentinnen der Uni Zürich und der ETH einen Fragebogen ausgefüllt hatten. Für eine ehemalige Studentin der Uni Zürich trifft das sicher nicht zu: Livia Leu. Ihres Zeichens höchste Schweizer Diplomatin.
Livia Leu ist wahrscheinlich die einzige Schweizer Diplomatin, der wegen ihrer Karriere ein ganzes Buch gewidmet wurde, und wahrscheinlich auch die Einzige, die Arm in Arm mit Hillary Clinton strahlend in die Kamera lächeln durfte. Der «Tagesanzeiger» bezeichnet sie als «eine der mächtigsten Frauen in der Bundesverwaltung». Und: Livia Leu hat zwei Kinder sowie einen erfolgreichen Ehemann.
Nun räumt diese Powerfrau also ihren aktuellen Posten. Der Zeitpunkt ist ungünstig, die Umstände sorgen für Gerüchte.
Am Mittwoch wurde vom Bund bestätigt, was CH Media bereits vor Wochen vermutete: Livia Leu verlässt ihre Stelle als Staatssekretärin des EDA und EU-Chefunterhändlerin.
Als Staatssekretärin des EDA ist Leu verantwortlich für die Umsetzung der vom Bundesrat festgelegten aussenpolitischen Strategie. Als EU-Chefunterhändlerin vertritt sie als Diplomatin die Schweizer Positionen in den Verhandlungen mit der Europäischen Union – besonders relevant ist hier das gescheiterte Rahmenabkommen. So leitet Leu auf Schweizer Seite neun Sondierungsgespräche mit der EU, bei denen Vorverhandlungen geführt wurden, für neue Verhandlungen.
Und gerade in Hinsicht auf diese Gespräche mit der EU ist der Zeitpunkt für die Mitteilung von Leus Abgang äusserst ungünstig. Bis Ende Juni soll die Diplomatin nämlich mit ihren Kolleginnen aus der EU die Basis für ein Verhandlungsmandat aushandeln. Im Juli wird der Bundesrat dann entscheiden, ob er das Mandat erteilt. Allerdings würde dann nicht mehr Leu, sondern ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin die konkreten Verhandlungen führen.
Ob eine neue Person die verfahrene Situation mit der EU sofort lösen kann, bleibt dahingestellt.
CH Media vermutete bereits vor einem Monat, dass Leu bald gehen müsse, weil sie nicht so gut mit ihrem Chef könne. Oder er mit ihr. Der «Tagesanzeiger» schreibt davon, dass Leu jetzt endgültig den Bettel hinwerfe.
Ihr Chef: Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), Ignazio Cassis.
Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass es Meinungsverschiedenheiten gegeben habe zwischen Leu und Cassis. Darüber zum Beispiel, welche Optionen überhaupt bestünden, neue Wege in den Verhandlungen mit der EU einzuschlagen, schreibt der «Tagesanzeiger».
Die Version des Bundes lautet etwas anders: Leu wolle unbedingt als normale Botschafterin nach Berlin – einer der begehrtesten Botschafterposten der Schweiz. Bereits kurz nachdem CH Media berichtet hatte, dass die Zeichen auf Abbruch stünden zwischen Cassis und Leu, kommunizierte der Bund entsprechend. Man habe sie sogar vertrösten müssen, da der aktuelle Botschafter in Deutschland, Paul Seeger, erst im Dezember pensioniert werde.
Heute schreibt die «Aargauerzeitung», dass Recherchen gezeigt hätten, wie sehr Leu im Departement Cassis für ihre Arbeit geschätzt werde. Für die Sondierungsgespräche zum Rahmenabkommen sei sie auch die beste Person gewesen, denn die Diplomatin zeichne sich durch exakte Arbeit und Fleiss aus. Für die konkreten Verhandlungen brauche es aber jemanden, der nicht als gar so reserviert gelte wie sie.
Auffällig ist auf jeden Fall, dass unter Cassis die Staatssekretäre etwas gar rasch verschlissen werden. Unter dem aktuellen Aussenminister waren vor Leu bereits Pascale Baeriswyl und Roberto Balzaretti Staatssekretäre des EDA. Ein «veritabler Schleudersitz» sei das Amt, so der «Tagesanzeiger».
Die «Aargauerzeitung» schreibt darum:
Als Diplomat, mit dem Cassis sich gut versteht, wird Alexandre Fasel gehandelt, der derzeit «Sonderberater für Science Diplomacy» in Genf ist.
Livia Leu ist 62 Jahre alt. Gut möglich also, dass der Botschaftsposten in Berlin ihr letzter sein wird vor der Pensionierung. Ob es ein krönender Abschluss einer beeindruckenden Karriere sein wird, kann nur Leu für sich entscheiden.
Livia Leu stammt aus einer Hotelier-Familie, ihre Eltern führten in verschiedenen Regionen der Schweiz gehobene Häuser. Die Diplomatie schien ihr also in die Wiege gelegt, denn wo sonst, wenn nicht in der gehobenen Hotellerie lernt man, sich souverän in internationalen Kreisen zu bewegen, mit verschiedenen Kulturen umzugehen und schwierigen Gästen das Gefühl von Aufmerksamkeit zu geben.
Ihr Studium zog Leu im Eiltempo durch: Sie studierte Jura in Zürich und erlangte das Anwaltspatent. Doch sie habe rasch erkannt, dass die Juristerei nicht ihr Lebensinhalt sein werde, so ihre Biografin, die Publizistin Esther Girsberger. Leu ging also in die Diplomatie.
Nach Stationen in Bern, Paris und Genf wechselte sie in den 90er-Jahren als Diplomatin zur UNO in New York.
Ihre wahrscheinlich berühmteste diplomatische Station vor ihrem Amt als Staatssekretärin war ihr Botschaftsposten in Iran, den sie von 2009 bis 2013 innehatte. Ihre damalige Chefin, Micheline Calmy-Rey, setzte sich durch und schickte Leu als erste Schweizerin und weltweit erst zweite Frau in das erzkonservative Land. Während ihrer Zeit im Iran entstand auch das Foto mit Hillary Clinton. Der Hintergrund des Bildes ist, dass Leu als Schweizer Botschafterin auch die Interessen der USA im Land vertrat. Als drei Amerikanerinnen verhaftet wurden, weil sie während einer Wanderung die Landesgrenze zum Irak übertraten, schaffte Leu es, die Frauen wieder freizubekommen. 2013 wurde sie dafür in Washington mit dem «Common Ground Award» für ihre diplomatischen Verdienste im Iran geehrt. Girsberger schreibt:
Ab 2018 war Leu noch für zwei Jahre als erste Frau Botschafterin der Schweiz in Frankreich. In der «Aargauerzeitung» lobte die Publizistin Girsberger Leu einst: «Gleichstellung lebt sie, indem sie nicht in erster Linie darüber spricht, sondern handelt.»
Dazu passt auch, dass sie unter anderem einen Verein für Diplomatinnen im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten mitgegründet hat. Und einmal unterbrach Leu ihren diplomatischen Einsatz zugunsten der Familie. Als ihr Mann ein gutes Angebot in Los Angeles bekam, begleitete sie ihn zusammen mit damals zwei Kleinkindern.
Girsberger schreibt: «Allerdings war sie erleichtert, nach dem Jahr, das sie vor allem den beiden Söhnen widmete, nach Bern in die Diplomatie zurückzukehren.» Ihre Kinder sind mittlerweile nicht mehr in einem Alter, in dem sie Betreuung bräuchten. Ein Besuch in Berlin wird aber bestimmt drin liegen.