Schweiz
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YouTube-Video von deutscher Wissenschaftlerin geht viral – so sieht es in der Schweiz aus

Wie eine Epidemie zu einer weltweiten Pandemie wird, haben wir in den letzten Wochen miterlebt. Aber wie verschwindet ein Virus wieder? In einem Video erklärt eine deutsche Wissenschaftlerin drei Auswege – und landet damit einen viralen Hit. Wir haben uns das genauer angeschaut.



Das Youtube-Video der deutschen Journalistin und promovierten Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim geht derzeit viral. Innerhalb einer Woche verzeichnete es über viereinhalb Millionen Klicks.

Bild

Die Journalistin und Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim versucht darzulegen, warum es bis zum Ende der Pandemie noch länger gehen könnte. bild: screenshot

Im 22-minütigen Video legt sie mit Daten der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und des Robert Koch-Instituts dar, «warum Corona erst gerade losgeht.» Darüber, wie lange die Pandemie noch anhalten könnte, sei bisher nicht genug berichtet worden. «Es ist richtig und wichtig, im Nebel auf Sicht zu fahren. Aber wir wollen doch trotzdem wissen, wie lange die Strasse sein wird, oder?», sagt Nguyen-Kim, deren YouTube-Kanal übrigens von funk unterstützt wird. funk ist ein Gemeinschaftsangebot der deutschen Medienunternehmen ARD und ZDF.

Ihre Analyse ist düster. Aber dazu später mehr. Sie erwähnt im Video drei Auswege aus dem Lockdown: die Herdenimmunität, die gezielte Isolation und das Impfen. Das sind deren Vor- und Nachteile im Detail.

Mögliche Enden Epidemien

alle grafiken: watson

Herdenimmunität

Mögliche Enden Epidemien

Bei der viel diskutierten Herdenimmunität müssen sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren, damit das Virus zu wenige neue «Wirte» findet und somit ausgerottet wird.

In der Schweiz entsprächen diese 60 bis 70 Prozent ca. 5,1 bis 6 Millionen Menschen, die diesen Prozess durchlaufen müssten. Aktuell gibt es in der Schweiz 21’737 (Stand 7. April 2020) positiv Getestete. Wir wären also jetzt bei knapp 0,25 Prozent des vorausgesetzten Herdenimmunitätswerts. Doch niemand weiss, wie viele tatsächlich schon angesteckt sind oder die Krankheit ohne Symptome schon überstanden haben. Über diese Dunkelziffer herrscht momentan Unklarheit. Rechnen wir also wie die Wissenschaftlerin Nguyen-Kim mit einer zehnfachen Dunkelziffer. Wir wären dann erst bei 2,5 Prozent Herdenimmunität.

Mögliche Enden Epidemien

Um 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus zu infizieren, gibt es im Grundsatz zwei Möglichkeiten (respektive eine Mischung daraus).

1. Die langsame Option

Zurzeit gelten für die Schweiz massive Massnahmen. Dank ihnen konnten wir die Zahl der positiv Getesteten auf rund 600 pro Tag drücken. Gehen wir nochmals von einer zehnfachen Dunkelziffer aus, würde dies bedeuten, dass sich pro Tag in der Schweiz 6000 Personen mit dem Coronavirus infizieren.

Bis wir also die 5.1 Millionen infizierten Personen haben, die es für die Herdenimmunität braucht, würde es also noch rund 850 Tage dauern – also knapp zweieinhalb Jahre! Und das selbstverständlich nur mit den bestehenden Massnahmen: also geschlossene Schulen, Grenzen und Geschäfte.

Obwohl so unser Gesundheitssystem stabil bliebe und den Erkrankten die bestmögliche Pflege garantieren würde – für die Wirtschaft ist das keine Option.

2. Die schnelle Option

Natürlich könnte man die Massnahmen lockern und dafür sorgen, dass sich wieder mehr Personen mit dem Virus infizieren. So wäre innerhalb kürzerer Zeit unsere Gesellschaft immun.

Das Problem hier: Da viel mehr Personen gleichzeitig krank sind, würde unser Gesundheitssystem völlig überlastet. Es würde sich schnell die Frage stellen, wer an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird und wer nicht. Wie viele Menschenleben wir in Kauf nehmen müssten, ist kaum vorhersehbar und ethisch in einer Demokratie nur schwer zu vertreten.

Die beiden Optionen (und eine Mischlösung) im grafischen Vergleich

Mögliche Enden Epidemien

So sähen die Kurven unter den bestmöglichen Bedingungen (2% aller Infizierten benötigen intensivmedizinische Betreuung, 10 Tage Liegedauer) aus. grafik: watson / quelle: deutsche gesellschaft für epidemiologie

Die Grafik für Deutschland zeigt: Bei der schnellen Option infiziert 1 Person 3 weitere Personen (mehr dazu weiter unten). Dadurch ist die Epidemie in Deutschland zwar nach «bereits» etwas über 100 Tagen vorbei und die Herdenimmunität erreicht – mehrere 100'000 Personen wären aber gleichzeitig auf ein Bett in einer Intensivstation angewiesen und würden die Spitäler überlasten.

Würde ein Infizierter jedoch nur 1,1 weitere Personen anstecken, verliefe die Kurve deutlich flacher. Weniger Personen wären gleichzeitig auf intensivmedizinische Betreuung angewiesen – die Kurve zieht sich dadurch allerdings massiv in die Länge und ist auch nach einem Jahr noch nicht vorbei.

Vor- und Nachteile Herdenimmunität

Gesellschaft ist immun (zumindest solange das Virus nicht mutiert)

Grosser Schaden entweder für das Gesundheitssystem (= viele Tote) oder für die Wirtschaft

Quellenangabe

Die Angaben für ihre Thesen hat Mai Thi Nguyen-Kim von diversen Quellen, die sie unterhalb ihres YouTube-Videos auflistet. Sie wird unterstützt von funk, einem Gemeinschaftsangebot der deutschen Medienunternehmen ARD und ZDF.

Infizierte isolieren und Kontaktketten kontrollieren

Mögliche Enden Epidemien

Das Ziel dieser Methode ist, mit einem strengen Lockdown die Anzahl der Infizierten so weit zu senken, dass man wieder einen Überblick über die Neuinfizierungen hat. Die infizierten Personen werden dabei professionell isoliert und ihre Kontaktketten dadurch gebrochen. Das Virus würde sich also nur in einem Kreis bewegen, den man ganz genau kennt. So versucht man zu erreichen, dass eine infizierte Person so wenige Menschen wie möglich ansteckt.

Bei dieser Zahl handelt es sich um die sogenannte Basisreproduktionszahl (R0). Sie sagt also aus, ob eine infizierte Person drei weitere Personen oder eben nur eine weitere Person ansteckt. Sinkt die Zahl R0 unter 1, wird das Virus längerfristig verschwinden. Bei SARS-CoV-2 liegt dieser Wert gemäss dem deutschen Robert Koch-Institut aktuell zwischen 2.4 und 3.3. Jeder Infizierte steckt also, wenn keine Massnahmen getroffen werden, zwei bis drei weitere Personen an.

Bei aktuell über 20'000 Fällen in der Schweiz ist es unmöglich, jetzt noch nachzuverfolgen und zu testen, wer infiziert ist und mit wem diese Person allenfalls Kontakt hatte. Die Youtuberin und Wissenschaftlerin Nguyen-Kim nimmt im Video als Grössenordnung an, dass dies erst bei ungefähr 1000 Fällen in Deutschland wieder möglich wäre.

Eine Senkung auf unter 1000 Fälle in der Schweiz ist nur möglich, wenn drastische Massnahmen eingehalten werden. Und aktuell steigen die Zahlen ja noch – auf eine allfällige vollständige Lockerung des Lockdowns müssten wir entsprechend noch lange warten.

Vor- und Nachteile Isolation von Infizierten

Nach einer Zeit mit strengen Massnahmen würde für ein Grossteil der Bevölkerung langsam wieder Normalität einkehren

Strenge Massnahmen bleiben vorerst für einige Zeit bestehen

Sobald ein Fehler passiert und man die Kontrolle über die Infizierten verliert, kann das Ganze von vorne los gehen

Impfstoff / Medikament

Derzeit laufen laut WHO weltweit 68 Impfstoffprojekte. Die Projekte, die schon am weitesten vorangekommen sind, haben bereits die Etappe 4 erreicht oder werden sie demnächst erreichen. In dieser wird der Impfstoff an Freiwilligen getestet.

Die Entwicklung, Erprobung und Zulassung der Impfstoffe sind jedoch nicht die einzigen entscheidenden Faktoren. Es hängt auch von den Produktionskapazitäten ab. Deshalb ist nicht primär entscheidend, wer mit dem ersten Impfstoff die Zulassung erreicht, sondern auch, dass davon möglichst viel hergestellt werden kann.

Obwohl die Forschenden mit Hochdruck an Impfstoffen arbeiten, werden sie wohl erst im Frühjahr 2021 bereit sein, wie der Präsident des Robert Koch-Instituts gegenüber ARD sagte.

Neben dem Impfstoff soll das Virus auch mit Medikamenten bekämpft werden. Weltweit werden knapp 70 Medikamente getestet. Doch die WHO kritisierte die mangelnde Qualität der bisherigen Studien. Deshalb kündigte die Weltgesundheitsorganisation an, gemeinsam mit zehn Ländern eine grosse Studie unter dem Namen «Solidarity» aufzulegen. Es soll die zentrale Frage beantwortet werden, ob eines der Medikamente die Sterblichkeit oder die Zeit im Krankenhaus verringern kann.

Vor- und Nachteile Impfstoff

Gesellschaft und insbesondere die Risikogruppen wären nachhaltig immun gegen das Coronavirus

Zeitplan schwierig abzuschätzen, vermutlich nicht vor Frühjahr 2021 verfügbar

Fazit

Natürlich gibt es auch noch andere Faktoren, die den Verlauf der Pandemie beeinflussen können. Beispielsweise untersuchen Wissenschaftler zurzeit, ob das Virus im Sommer weniger ansteckend ist. Es könnte auch sein, dass doch ein grösserer Teil der Bevölkerung als zurzeit angenommen immun gegen das Virus ist. Zur Klärung, wie gross diese Dunkelziffer ist, laufen derzeit verschiedene Projekte, wie Daniel Koch vom BAG am Dienstag mitteilte.

Das Fazit für ist für die Wissenschaftlerin Nguyen-Kim aber klar: Egal, welche Faktoren schlussendlich dafür sorgen, dass die Pandemie gestoppt wird: Wir brauchen Geduld, das Ende ist noch in weiter Ferne. Das Video schliesst sie ab mit den Worten: «Es ist ein Marathon.»

Das Video in voller Länge:

abspielen

Video: YouTube/maiLab

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