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Prüft Massnahmen, um importierte Corona-Fälle zu verhindern: Stefan Kuster.
Prüft Massnahmen, um importierte Corona-Fälle zu verhindern: Stefan Kuster.
Bild: keystone

Die Fallzahlen steigen: Kommt nun die zweite Welle?

Die Ferien könnten zu zusätzlichen Ansteckungen führen. Beim Bund sind die Verantwortlichen beunruhigt. Psychisch sind wir ausserdem keinen Schritt weiter als vor dem Lockdown.
25.06.2020, 21:54
Doris Kleck, Sabine Kuster / ch media

52 neue Covid-Fälle meldete das Bundesamt für Gesundheit am Donnerstag. Es ist die höchste gemeldete Fallzahl seit dem 12. Mai. Am Tag zuvor waren es 44 und Stefan Kuster, Leiter der Sektion Übertragbare Krankheiten beim BAG, sagt: «Wir sehen eine Tendenz zu leicht ansteigenden Fallzahlen. Das ist angesichts der Öffnungsschritte nicht ganz unerwartet.»

Der Nachfolger von Daniel Koch wählte vor den Medien eine vorsichtige Formulierung. Und er betonte, es sei nun wichtig, dass mit Contact Tracing die Infektionsketten unterbrochen werden können. Dafür verantwortlich sind die Kantone. Früher gab es eine magische Grenze: Bei der ersten Welle waren die Kantone ab 100 Neuinfektionen pro Tag nicht mehr in der Lage, den einzelnen Fällen nachzuspüren, Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen und sie in Quarantäne zu setzen. Nun sagt Kuster: «100 Fälle über die ganze Schweiz verteilt sind definitiv kein Problem mehr.» Die Kantone könnten ihre Ressourcen bei Bedarf hochfahren. Er schränkt aber auch ein. «Bewegungsabklärungen von mehreren hundert Personen wären eine grosse Herausforderung.»

Den Kantonen hilft derzeit: Die Neuinfektionen sind über die ganze Schweiz verteilt. Gemäss Kuster sind 15 bis 20 Prozent der Fälle importiert, sprich, die Personen steckten sich im Ausland an und reisten später in die Schweiz ein. Besonders oft in Serbien, wie Kuster sagt. Die epidemiologische Lage dort sei nicht überschaubar.

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Nach den Ferien freiwillig in die Quarantäne

Das BAG beobachtet die Situation und prüft Massnahmen, um importierte Fälle zu verhindern. Die Möglichkeiten sind gross: von Empfehlungen zur Selbstquarantäne nach der Rückkehr aus bestimmten Ländern über das Ausfüllen von Gesundheitsfragebogen an der Grenze, über die Messung der Körpertemperatur bis hin zu Tests noch im Reiseland. Kuster appelliert im Hinblick auf die Sommerferien daran, sich der epidemiologischen Lage im Reiseland bewusst zu sein und sich auch dort an die Hygiene- und Distanzregeln zu halten. Kuster sagt:

«Eine freiwillige Selbstquarantäne während 10 Tagen nach der Rückkehr wäre optimal.»

Die anstehende Ferienzeit beunruhigt die Verantwortlichen offenbar - und auch die Nachlässigkeit der Bevölkerung. Der Bund begleitet die Lockerungsschritte mit einem Monitoring. Der dritte Bericht zeigt, dass gerade im Pendlerverkehr die Distanzregeln im ÖV nicht mehr eingehalten werden können. Dennoch tragen in Bussen nur 0 bis 5 Prozent der Passagiere eine Hy­gienemaske. In den Zügen liegt der Wert zwischen 6 und 20 Prozent.

Zwang ist für die Psyche nicht gut - aber ganz ohne geht's nicht

Die Situation erinnert an den Februar: Die Warnungen aus anderen Ländern waren da, aber dass es hier zu einer ­Epidemie-Welle kommen werde, konnte man trotzdem schwer glauben. Nun, da wir eines Besseren belehrt wurden, sollte es eigentlich leichter sein, eine zweite Welle zu verhindern. Aber so ist es nicht: Denn gleichzeitig zur Warnung treten immer mehr Lockerungen in Kraft. Wir hören, dass sich Tausend Leute wieder versammeln dürfen - dass wir gerade deswegen mehr aufpassen sollten, passt nicht zur Stimmung, die sich ebenfalls lockert.

Ausserdem ist das nun geforderte Maskentragen nichts, woran wir uns in der Pandemie schon gewöhnt hätten. Der menschliche Verstand sei gegenüber etwas Neuem immer kritisch, sagt Charles Benoy, leitender Psychologe an den Universitären Psychiatrischen ­Kliniken Basel. Er hat am Donnerstag ein Buch zum Einfluss des Virus auf unsere Psyche veröffentlicht. Wenn Masken tragen, dann sollten wir es freiwillig tun. Denn Zwang sei nicht gut für unsere Psyche, sagt Benoy. «Wenn wir uns freiwillig für eine Einschränkung entscheiden, dann ist das für unsere Psyche immer besser.»

So sei auch der moderate Schweizer Lockdown besser gewesen für die psychische Gesundheit als die krasseren Massnahmen in Frankreich oder China.

Auf Verbote musste aber auch die Schweiz zurückgreifen, denn auf der gesellschaftlichen Ebene sorgen diese sehr wohl für mehr Sicherheit. Benoy erklärt das Dilemma: «Ich fühle mich sicherer, wenn die anderen dazu gezwungen werden - aber persönlich geht es mir nicht besser, wenn ich selber auch gezwungen werde.» Wohl deswegen sind laut einer Umfrage des «TagesAnzeigers» 78 Prozent für eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr - doch tatsächlich tragen tun wie gesagt die wenigsten eine.

Hilfreicher, als nun weiter zu warnen, ist es, aufzuzeigen, was bereits geschafft ist. Das sagt Vica Tomberge, die an der Uni Bern aktuell über unser Befinden während der Pandemie forscht. «Dass die Infektionszahlen runtergegangen sind, ist unser Verdienst. Wir sollten nicht nachlassen, damit das so bleibt.»

Aber sie sieht auch: «Viele sind echt müde und wollen ihr altes Leben zurück.» Deshalb müsse es den Leuten erleichtert werden, die Regeln einzuhalten. Zum Beispiel mit einem Zeitfenster zum Einkaufen für Senioren. «Auch den Jungen müssen Alternativen für Partys geboten werden, man kann das nicht einfach ignorieren.»

Die App könnte einen in falscher Sicherheit wiegen

Die neue Covid-App findet die Forscherin theoretisch eine gute Möglichkeit, sich selbst zu überwachen, genau wie Sportapps, die zu mehr Bewegung motivieren. «Doch es kann auch sein, dass man sich in einer falschen Sicherheit wähnt und denkt, man könne mit der installierten App alles machen, was man will.»

Was wir brauchen, sei ein neues kollektives Gesundheitsdenken, sagt Tomberge. Direkte und indirekte Betroffenheit fördern dies genauso wie sozialer Druck. Doch bis sich unser Verhalten automatisiert, braucht es viel mehr Zeit.

Was man über Corona-Warn-Apps wissen muss
Contact Tracing meint die persönliche Rückverfolgung von Infektionsketten. Ziel ist es, die (unbemerkte) Verbreitung von gefährlichen Infektionskrankheiten einzudämmen oder im besten Fall zu stoppen. Konkret sollen alle Leute gewarnt werden, die über eine gewisse Zeit in relativ engem körperlichen Kontakt standen mit einer infizierten Person und sich angesteckt haben könnten, ohne es zu wissen.

Zu Beginn der Corona-Krise in der Schweiz wurde Contact Tracing übers Telefon gemacht, das heisst, Infizierte (in Quarantäne) wurden zu ihrem Umfeld befragt, das sie vielleicht angesteckt hatten. Wegen der exponentiellen Zunahme der Covid-19-Infektionen war dieses System allerdings bald einmal überlastet, es wird aber in der Phase nach der Lockerung der staatlichen Zwangsmassnahmen («Lockdown»), wenn es wenige Covid-19-Fälle gibt, flächendeckend betrieben von den kantonsärztlichen Diensten.

Digitales Contact Tracing funktioniert per Smartphone-App. Die Mobilgeräte registrieren über ihre Bluetooth-Verbindung automatisch und anonym, wenn sie sich über eine gewisse Zeit in unmittelbarer Nähe zueinander befunden haben. Dieses Verfahren wird auch als Proximity Tracing bezeichnet. Erst später, bzw. nur wenn eine Infektion durch einen medizinischen Test bestätigt worden ist, kann die erkrankte Person andere App-User, die sie vielleicht angesteckt hat, schnell und diskret warnen.

Singapur hat im März 2020 als einer der ersten Staaten eine auf der Messung von Bluetooth-Low-Energy-Signalen basierende App namens TraceTogether lanciert, wobei die Funktionalität eingeschränkt ist, weil der Datenaustausch zwischen iPhones und Android-Geräten nicht gut funktionierte. In Europa und weltweit werden nun Proximity-Tracing-Apps lanciert, die dieses Problem nicht haben, weil Apple und Google bei iOS und Android auf Betriebssystem-Ebene eine Schnittstelle zur Verfügung stellen.

Beim dezentralen Ansatz gilt der Grundsatz Privacy by Design: Die Datenverarbeitung (zur Berechnung des Infektionsrisikos) erfolgt auf den Mobilgeräten. Nur bei einer offiziell bestätigten Infektion und der Einwilligung des Users werden dessen anonymisierte Proximity-Daten (Schlüssel) an einen Server überragen, die es ermöglichen, Dritte zu warnen, und den Datenschutz zu gewährleisten.

Beim zentralen Ansatz werden die Proximity-Daten an einen staatlich kontrollierten Server übermittelt, wo das Infektionsrisiko berechnet wird. Diese System-Architektur ist von über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rund um den Globus als problematisch bezeichnet worden, weil der System-Betreiber nachträglich und heimlich Funktionen ändern («Function Creep») oder zusätzliche Funktionen einführen könnte («Mission Creep»).

Apple und Google unterstützen dezentrale Proximity-Tracing-Apps durch eine technische Kooperation. Sie stellen autorisierten App-Entwicklern eine Programmierschnittstelle (API) zur Verfügung, die Corona-Warn-Apps zuverlässige Bluetooth-Distanzschätzungen und Datenaustausch zwischen Android- und iOS-Geräten ermöglicht. Zudem haben die US-Techkonzerne das Proximity Tracing direkt in die weltweit dominierenden mobilen Betriebssysteme integriert.

Freiwillige Nutzung ist laut Apple und Google Bedingung und wird auch von der Schweizer Corona-Warn-App «SwissCovid» umgesetzt. Das heisst, digitales Contact Tracing kann nicht vom Staat erzwungen werden, sondern erfolgt nur mit Zustimmung der User (Opt-in).
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