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Dreiviertel der Menschen in der Schweiz tragen wegen einer Impfung oder einer Infektion Antikörper im Blut.
Dreiviertel der Menschen in der Schweiz tragen wegen einer Impfung oder einer Infektion Antikörper im Blut.
Bild: keystone

Die Schweiz ist bereits gut durchseucht – warum das doch nicht reicht

Bis zu 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben Corona-Antikörper im Blut. Doch heisst das wirklich, dass wir der Herdenimmunität nah sind?
02.10.2021, 13:48
Bruno Knellwolf / ch media

Die Durchseuchung in der Schweiz ist inzwischen hoch. Das zeigen die aktuellen Zahlen von Corona Immunitas. Dieses wissenschaftliche Programm unter Leitung von Milo Puhan von der Universität Zürich erforscht die Verbreitung von Covid-19 in der Schweiz. Seit Beginn der vierten Welle im Juni hat die Seroprävalenz, welche die Antikörper im Blut der Bevölkerung angibt, massiv zugenommen. Milo Puhan sagt:

«Über die ganze Schweiz betrachtet werden wir bald eine Seroprävalenz von 75 bis 80 Prozent sehen.»

Noch höher sei sie schon bei Menschen über 65 Jahre.

Das hat in erster Linie mit der gestiegenen Impfquote zu tun. Hierzulande sind aktuell 5.5 Millionen Personen zumindest einmal geimpft. Das entspricht 74 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Bezieht man die 1.1 Millionen Kinder unter 12 mit ein, die sich nicht impfen lassen dürfen, sind das 64 Prozent der Gesamtbevölkerung. Während die Zahl der Geimpften genau bekannt ist, kann jene der Genesenen vom BAG nicht explizit ausgewiesen werden. Die Daten aus den Meldeformularen geben das nicht her. Registriert werden nur Todesfälle als Ausgang der Erkrankung, heisst es beim BAG.

Impfquote Schweiz und Liechtenstein

quelle: bag / grafik: jn

Bis drei Mal mehr asymptomatisch Infizierte

Somit kann die Zahl der Genesenen nur geschätzt werden. Seit Beginn der Pandemie im Februar 2020 haben sich in der Schweiz 840’000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 10’700 davon sind gestorben. Zu den Genesenen mit Symptomen kommen noch die asymptomatischen Fälle dazu. Das können nach Corona Immunitas 2.5 bis 3 Mal mehr sein. So könnten zu den 5.5 Millionen Geimpften noch bis 2 Millionen Personen dazukommen, die Antikörper im Blut haben oder hatten.

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Milo Puhan, Epidemiologe Universität Zürich
Milo Puhan, Epidemiologe Universität Zürich
Bild: UZH, Frank Brüderli

Haben wir dank dieser Durchseuchung somit eine Immunität erreicht, die wie in Dänemark ein baldiges Zurück zur Normalität erlaubt? Nein, sagen die Epidemiologen Puhan und Marcel Tanner – und dafür gibt es mehrere Gründe. «Die Antikörper-Situation in der Schweiz ist zwar sehr erfreulich», sagt Tanner. «Aber nicht jeder, der Antikörper im Blut hat, ist genau gleich gut geschützt.» Entscheidend ist nämlich vor allem die Menge der neutralisierenden Antikörper. Wer viele hat, ist besser geschützt.

Ein grosser Teil der Bevölkerung wird solche im Blut haben, aber nicht alle Menschen. Die Impfung schützt zu 90 Prozent gegen eine schwere Erkrankung und zu 65 bis 80 Prozent gegen eine Infektion. Bei den Genesenen ist der Schutz jedoch unterschiedlich. Wer nur mild an Covid-19 erkrankte, ist aufgrund seiner Immunantwort oft viel weniger geschützt als jemand, der eine schwere Erkrankung durchgemacht hat.

Auch Puhan ist vorsichtig: «Es macht wenig Sinn, einen Schwellenwert der Seroprävalenz zu definieren». Die Virusvarianten änderten laufend und die erzielte Immunität nach einer Infektion oder Genesung sei nicht fix. «Wenn also 80 oder mehr Prozent einmal Antikörper hatten, dann bedeutet dies nicht, dass die Immunität in der Bevölkerung zu jedem Zeitpunkt danach hoch ist.»

Die Impfquote in Dänemark ist deutlich höher

Das alleinige Vorhandensein von Antikörpern gegen Corona in der Bevölkerung ist also nicht ganz gleichzusetzen mit deren Abwehrkraft gegen die Viren. «Aber es zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Tanner. Dänemark konnte auf Normalität umstellen, weil dort die Impfquote sehr hoch ist, was einen gesicherten Schutz vor dem Coronavirus garantiert. In Dänemark sind 96 Prozent der über 50-jährigen geimpft. In der Schweiz sei die Strategie eine andere.

Für die Normalisierungsphase muss die Bedingung erfüllt sein, dass alle, die geimpft werden können und wollen, einen Piks erhalten haben. «Diese Bedingung haben wir noch nicht erfüllt, deshalb müssen Massnahmen beibehalten werden», sagt Tanner. Dänemark habe dagegen seine selbst gesetzten Bedingungen erfüllt, die besonders auf den Impfschutz der älteren Bevölkerung zielten. Der Weg führe über die Impfung und nicht über die Durchseuchung, die nur bedingt eine Aussage zur Immunität der Menschen mache, sagt Tanner.

Da das hoch ansteckende Delta-Virus in nächster Zeit wohl sehr viele Ungeimpfte infizieren wird, steigt die Antikörper-Zahl in nächster Zeit weiter an. Vor allem bei den Jungen. Sieht man sich die verschiedenen Kantone an, wird deutlich, dass dort, wo am meisten geimpft worden ist, auch die höchste Seroprävalenz vorliegt. Das decke sich mit Beobachtungen, die man auch schon in verschiedenen Staaten der USA gemacht hat, sagt Puhan.

Die neuen Resultate von Corona Immunitas zeigen, dass in der Ostschweiz der Anteil von Personen mit Antikörpern gegenüber der letzten Studienphase deutlich gestiegen ist. Auch im Osten vor allem wegen der Impfungen. In Luzern haben 58 Prozent der Bevölkerung Stand Juli 2021 SARS-CoV-2-Antikörper. Die über 65-Jährigen weisen 91 Prozent Antikörper auf. Noch aktueller sind die Zahlen aus Basel, wo die Seroprävalenz im Durchschnitt aller Altersklassen heute bei 79 Prozent liegt. Gleich sind die Antikörperverhältnisse in Zürich und Freiburg.

Gemäss Puhan sind Geimpfte besser geschützt als Genesene

Da Genesene, wie vorhin dargelegt, aufgrund der Stärke der Erkrankung danach unterschiedlich geschützt sind, ist es schwierig zu definieren, wie lange Genesene als immun gelten sollen. Milo Puhan hat aufgrund seiner Studien vor zwei Monaten erklärt, der Schutz von Geimpften sei deutlich besser als von Genesenen. Inzwischen sind Studienresultate veröffentlicht worden, die dem widersprechen.

Doch Puhan bleibt dabei: «Bis drei Monate ist die Antikörper-Antwort nach einer Impfung viel konstanter und höher als nach einer Genesung.» Allerdings verfüge er bis heute nur über Daten über drei Monate hinweg und warte gespannt auf die Daten, welche die Antikörper-Menge sechs Monate nach der Impfung oder Genesung zeigen. Die nun vorgestellten Studienresultate aus Israel, die einen höheren Schutz bei Genesenen zeigen, seien mit Vorsicht zu betrachten, da die Resultate wegen unklarer Stichproben vermutlich verzerrt seien.

Auch gegen neue Virusvarianten hält Puhan den Schutz der Impfung weiterhin für höher als durch eine Erkrankung, was Nani Moras vom BAG bestätigt. Zum Schutz nach Genesung sagt sie: «Das ‹European Centre for Disease Prevention and Control› hat aufgezeigt, dass rund 95 Prozent der Menschen das Immungedächtnis für rund sechs Monate nach der Infektion behalten.

Das Ausmass der Immunität ist jedoch unterschiedlich, und es ist nicht klar, wie sich die Immunität mit dem Schweregrad der Infektion und dem Alter und schliesslich mit dem effektiven Schutz verhält», sagt Nani Moras. Es gebe auch keinen standardisierten Ansatz zur Messung einer Immunantwort. Um das Zertifikat für Genesene über sechs Monate hinaus zu verlängern, brauche es noch mehr Nachweise. (aargauerzeitung.ch)

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