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«Die Gastro war ein einfaches Opfer»: Das sagen Toni Brunner und andere Beizer zur Öffnung

Am Montag dürfen Restaurants wieder aufmachen. Das Land ist glücklich, weil das bedeutet, dass die Normalität einen grossen Schritt näher rückt. Auch in den Gaststuben steigt die Vorfreude. Doch die langen Monate des Lockdowns haben dort viele Spuren hinterlassen.

Dominic Wirth / ch media



«Arbeiten, endlich wieder, das Geld nicht abholen, sondern es selbst verdienen.»

Barbara Schneider, Gasthaus zum Rössli in Oberägeri (ZG)

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Wirte-Ehepaar Schneider im Rössli in Oberägeri. Bild: Britta Gut

Sie ist überall im Gasthaus zum Rössli in Oberägeri, schwirrt munter umher. Man kann die Vorfreude aus den Stimmen hören, aus den Gesichtern lesen. Am meisten aus jenem der Hausherrin, Barbara Schneider. Die Wirtin sitzt an einem Tisch in der Gaststube und erzählt, was es jetzt noch alles zu tun gibt. Das Essen einkaufen. Die Getränke bestellen. Die Vorhänge waschen. Die Speisekarte machen.

Und dann nächste Woche: Die Türe öffnen. Gäste empfangen. «Arbeiten, endlich wieder, das Geld nicht abholen, sondern es selbst verdienen», so sagt es Schneider. Das Rössli, das ist ein denkmalgeschütztes Haus im Dorfkern von Oberägeri, Kanton Zug. Im ersten Stock liegt das Restaurant, gleich darüber die Wirtewohnung, in der Schneider mit ihrem Mann lebt. Nur ein paar Schritte trennen in ihrem Leben die Arbeit und die Freizeit, wobei die Grenzen sowieso fliessend sind.

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Nach fünf Monaten Zwangspause kann auch das Rössli wieder öffnen. bild: britta gut

Im Rössli gibt es eine Gaststube und ein Säli mit einem alten Cheminée. Dort stehen die Stühle an diesem Tag noch auf den Tischen, doch bald ändert sich das. Das gilt für das Rössli, und es gilt für Tausende andere Beizen und Restaurants. Auch die Innenräume gehen jetzt wieder auf, mit Sicherheitsabstand zwischen und maximal vier Personen an den Tischen zwar. Aber sie gehen auf, nach über fünf Monaten Zwangspause und sechs Wochen, in denen nur die Terrassen offen waren.

40 Prozent der Wirte fürchten um ihre Existenz

Es wird ein grosser Tag für Wirtinnen und Wirte wie die Schneiders in Oberägeri. Und für das ganze Land, weil die zugesperrten Restauranttüren zu einem Symbol geworden sind für den Ausnahmezustand, in den die Coronapandemie alles versetzt hat. Dass die Gaststuben jetzt wieder aufgehen, passt zur allgemeinen Stimmung, welche die Schweiz in den letzten Wochen erfasst hat: Es läuft gerade ganz gut, und vielleicht ist bald wirklich alles vorbei.

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Das «Rössli» in Oberägeri gehört zu den ältesten Restaurants im Kanton Zug. bild: Britta Gut

Auf der Speisekarte des Rössli steht viel Fleisch und nur Schweizer Wein. Die Schneiders wirten seit 30 Jahren, vor 25 Jahren haben sie in Oberägeri das «Rössli» übernommen. Sie sind stolz darauf, dass ihr Restaurant zu den ältesten im ganzen Kanton gehört. Seit 1766 gibt es das «Rössli» schon.

Die Schneiders haben viel erlebt im Lauf der Zeit, doch kein Jahr war wie das letzte: Der Schock, als dieses unbekannte Virus aus dem fernen Asien plötzlich durchs Land rollte. Die Angst davor, wie lange alles dauert. Welche Folgen es hat. Die Erleichterung, als der erste Lockdown vorbei war. Die Ernüchterung, als für die Restaurants der zweite verhängt wurde – und aus der bald auch Ärger wuchs.

«Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle», sagt Barbara Schneider, und auch wenn allmählich die Normalität einkehrt: Als ehemaliges Vorstandsmitglied des Branchenverbands Gastrosuisse und Präsidentin von Gastro Zug schaut Schneider bei aller Vorfreude auch sorgenvoll auf die nächsten Monate. Sie glaubt, dass dem Gastgewerbe eine Bereinigung bevorsteht. Dazu passt eine Zahl, welche die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich diese Woche veröffentlicht hat: Über 40 Prozent der Gastwirte gaben an, ihre Existenz sei sehr stark oder stark gefährdet. Tausende Arbeitsplätze sind wegen der Pandemie bereits verschwunden.

Die Gastronomie ist ein emotionales Gewerbe, schon in normalen Zeiten. Die Pandemie hat das noch verstärkt. Es gibt in der Branche gerade viel Vorfreude, aber auch: Zukunftszweifel. Und andere tiefe Spuren, die die letzten Monate hinterlassen haben.

«Man hat ein Exempel an der Gastronomie statuiert, weil wir ein einfaches Opfer waren.»

Toni Brunner, Landgasthof Sonne in Ebnat-Kappel (SG)

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Toni Brunner mit Bruder Andi und Partnerin Esther Friedli auf der Terrasse des Hauses der Freiheit ob Ebnat-Kappel im Toggenburg. bild: Britta Gut

Das Haus zur Freiheit steht an einem steilen, grünen Hang im Toggenburg. Es gibt dort oben zwei Dinge zu hören. Das eine ist Ländlermusik. Das andere ist ein Lachen, das mit zuverlässiger Regelmässigkeit erschallt: das von Toni Brunner. Der St.Galler wurde als SVP-Präsident im ganzen Land bekannt. Er war ein politisches Naturtalent, das es schaffte, die scharfe Rhetorik seiner Partei mit einem breiten Grinsen unter die Leute zu bringen.

2018 hat er sich aus der Politik zurückgezogen. Seither widmet er sich zu Hause im Toggenburg seinen Eringerkühen und dem Haus zur Freiheit, das er mit seiner Partnerin, der SVP-Nationalrätin Esther Friedli, führt. Brunner ist jetzt Bauer und Wirt und die Attraktion seines Gasthauses, weil man ihn kennt und er für jeden einen Spruch und einen Gruss parat hat. Aber natürlich lässt einen wie ihn, der mit 21 Jahren in Nationalrat gewählt wurde, die Politik nicht los.

Toni Brunner und die Demütigung aus Bern

Brunner sitzt an einem der Tische auf der Terrasse. Er hat eine provisorische Überdachung bauen lassen und Heizpilze aufgestellt, die er in den letzten Wochen öfter gebraucht hat. Eben hat er noch mit Gästen einen Jass geklopft, einen Zwicker. Ein SVP-Jass sei das, sagt er, «man hat nur Gegner, keine Partner». Lautes Lachen. Jetzt legt er zwei Bücher auf den Tisch, «Der arme Mann im Toggenburg» von Ulrich Bräker ist eines davon.

Dann wettert Brunner über den Bundesrat darüber, wie er Gastwirte im Land in Existenznot gebracht habe. Eine Demütigung sei das gewesen. «Man hat ein Exempel an der Gastronomie statuiert, weil wir ein einfaches Opfer waren», sagt er, «der ÖV in den Städten durfte derweil friedlich weiter fahren, die Grenzen blieben offen.» Es sei verrückt, an welche Regeln man sich strikt halten müsse. «Aber es bleibt einem ja nichts anderes übrig.»

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Das «Haus zur Freiheit» freut sich über den «bescheidenen Öffnungsschritt für die Gastronomie». bild: britta gut

Es sind Sätze, wie man sie von früher kennt von ihm. Die Mächtigen gegen die Kleinen. Realitätsferne Beamte, die das Gewerbe drangsalieren. Zugespitzt natürlich. Und doch auch repräsentativ, vielleicht nicht im Tonfall, aber in der Aussage. Man hat uns Wirten unrecht getan, uns zu lange zugesperrt und dann das Leben schwer gemacht mit all den Regeln: Die Botschaft war oft zu hören in den letzten Monaten, in denen Gastro Suisse ein Polit-Powerplay aufzog, angeführt von Casimir Platzer, dem Präsidenten.

Irgendwann an diesem Nachmittag – er hat da schon gesagt, dass er froh um jeden sei, der sich impfen lasse, selbst aber zurückhaltend sei, weil er nicht glauben könne, dass eine asiatische Fledermaus ihn in die Knie zwingen könne – vernimmt Brunner, dass der Bundesrat das Rahmenabkommen beerdigt hat. Er stösst einen Freudenjuchzer aus, streckt die Hände zum Himmel, schlägt sie zusammen. «Das ist ein echter Befreiungsschlag, im Gegensatz zum bescheidenen Öffnungsschritt für die Gastronomie», ruft er. Dann gibt es im Haus zur Freiheit eine Freirunde.

«Jede andere Generation vor uns musste Kriege überstehen. Unsere ein Jahr mit Maske.»

Alex Capus, Galicia Bar in Olten (SO)

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Wie sehen die GastronomInnen ihre Rolle in der Coronapandemie ? Wir haben in drei verschiedenen Betrieben vorbeigeschaut. Aufgenommen am 26.05.21 bild: britta gut

Alex Capus hat eine genaue Vorstellung davon, was eine Kneipe zu sein hat und was nicht. Und dazu gehört, dass sie immer offen ist, 365 Tage im Jahr, weil sie da sein muss für ihre Gäste. Und so war die Galicia Bar stets offen, seit Capus sie vor siebeneinhalb Jahren eingeweiht hat. Zumindest bis zum 16. März des letzten Jahres, dem Abend vor dem ersten Lockdown. Sehr emotional sei das damals gewesen, sagt Capus, der Wirt ist und vor allem ein erfolgreicher Schriftsteller. Im Roman «Das Leben ist gut» hat er diese zwei Welten zusammengeführt.

Die Galicia Bar liegt in der Nähe des Oltner Bahnhofs. Capus hat sie so benannt, weil sie dort entstanden ist, wo früher galizische Gastarbeiter in einem kleinen Lokal ein Stück Heimat fanden. Irgendwann waren alle Arbeiter weg. Capus kaufte das Haus, weil er findet, dass jedes Quartier ein Lokal braucht. Im Keller wird jetzt Bier gebraut, oben steht unter einer hohen Decke ein Billardtisch auf Holzparkett.

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Alex Capus glaubt, dass die Zeit der Kneipen mit Seele anbricht. bild: britta gut

Machen, was halt möglich war

Capus macht die Löhne und die Bestellungen, er überlegt gerade, wie viel Bier er braucht, wenn er auch drinnen wieder auftun darf. Draussen ist das Galicia schon länger offen, es gab eine Zeit lang, als die Sperrstunde schon um sieben war, sogar Gipfeli und Cappuccino. Das ist alles andere als die DNA der Bar. «Aber wir haben immer gemacht, was irgendwie möglich war», so der 59-Jährige.

Capus sagt, natürlich sei es hart gewesen, so lange zuzuhaben. Aber er betont auch, dass es das richtige Mittel gewesen sei, selbstverständlich, «es ist ja das Wesen der Gastronomie, Kontakte herzustellen, und das geht in einer Pandemie halt nicht». Überhaupt ist es Capus wichtig, die Dinge im Verhältnis zu betrachten. «Jede andere Generation vor uns musste Kriege überstehen. Unsere ein Jahr mit Maske», sagt er. Die Behörden lobt er für die Hilfe, die rasch und unbürokratisch geflossen sei, «das System Schweiz hat hier ganze Arbeit geleistet», sagt er.

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Bald kann in der Galicia Bar auch wieder Billard gespielt werden. bild: britta gut

Das Galicia hat Capus gefehlt, die Runde Billard am Abend und das Glas Wein, wenn die Kinder schon schlafen. Aber wenn er in den letzten Monaten durch die Strassen Oltens gegangen ist, hat er Gesichter gesehen, die er kannte und denen er angesehen hat, dass sie mehr leiden als er. Weil zu Hause niemand auf sie wartet und auch die Stammkneipe geschlossen ist. «Ich hoffe, dass diese Gesichter jetzt wieder aufblühen», sagt Capus.

Wenn der Schriftsteller eines nicht leiden kann, dann ist es die Systemgastronomie, die viele Innenstädte erobert hat. Capus glaubt, dass für sie jetzt schwere Zeiten anbrechen. Und jene Restaurants profitieren, die sich vom Einheitsbrei abheben. Eine Seele haben, wie er das nennt. «Das Beliebige haben die Leute im letzten Jahr längst vergessen, aber diese Orte nicht», sagt er. Wenn er recht hat, wäre das eine gute Nachricht für Capus. Und auch für Barbara Schneider und Toni Brunner. (aargauerzeitung.ch)

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«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten

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quelle: keystone / peter klaunzer
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