«Ein Barbesitzer ist kein Brandschutzexperte»: Das sagen die Anwälte der Morettis
Direkt nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana rückte ein Ehepaar ins Scheinwerferlicht: Jessica und Jacques Moretti. Das Betreiberpaar der Unglücksbar soll wegen Versäumnissen, Fehlentscheiden und Sparmassnahmen an dem Unglück schuld sein, so sieht es die breite Öffentlichkeit. Während Betroffene, Angehörige und Opferanwälte regelmässig mit den Medien sprechen, war von der beschuldigten Seite bisher wenig zu hören. Doch nun haben die Anwälte der Morettis, Nicola Meier, Yaël Hayat und Patrick Michod, Le Nouvelliste ein Interview gegeben.
Sie wollten einige Dinge klarstellen und in Erinnerung rufen, sagen sie. Zum Beispiel, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe. «Und wenn wir von Unfall sprechen, dann heisst das, dass niemand diese schreckliche Tragödie gewollt hat», sagt Hayat. Das heisse nicht, dass niemand die Verantwortung tragen solle, eine Absicht stecke jedoch nicht dahinter.
Angesprochen auf die Schallschutzmatten nimmt Michod Jacques Moretti in Schutz. Immerhin hätten weder der Feuerwehrkommandant noch Sicherheitsbeauftragte oder helfende Angestellte auf die Gefahr hingewiesen. «Ein Barbesitzer ist kein Brandschutzexperte», sagt Michod. Deshalb gebe es ja die Sicherheitsexperten.
Es stimme auch nicht, dass die Morettis Dinge verheimlichen wollten, so Michod. Sie sprechen von einseitigen Berichten, Falschinformationen und Voreingenommenheit. Als Beispiel nennen sie den Vorwurf, Jessica Moretti sei kurz nach dem Brandausbruch mit der Kasse geflohen. Das erwies sich als falsche Behauptung. Hayat räumt dennoch ein: «Als Angehörige eines Opfers wäre ich ausser mir vor Wut, wenn ich diese Geschichte über ihre Flucht lesen würde.»
Auch die Angaben einer Angestellten, dass die Notausgänge auf Geheiss von Jessica Moretti hätten verriegelt werden müssen, seien falsch, so die Anwältin. Dies sei ohnehin gar nicht möglich.
Solche Falschbehauptungen trügen zu einer öffentlichen Hetze bei, wie sie erklärt. Das habe sich bei der Anhörung der Morettis vor rund zwei Wochen gezeigt. «So etwas habe ich noch nie erlebt, erst recht nicht bei einem Unfall. Emotionen lassen sich nicht durch Hetze gegen die Morettis oder sonst jemanden besänftigen», sagt Hayat. Zur Erinnerung: Als die Morettis beim Gebäude, in dem die Anhörung stattfinden sollte, ankamen, kam es zum Gerangel. Angehörige beschimpften das Ehepaar, die Polizei musste es ins Gebäude begleiten. Die Situation hätte leicht eskalieren können.
Trotzdem habe das Ehepaar nicht den Hintereingang benutzt, um nicht respektlos zu wirken, sagen die Anwälte. «Natürlich fragen wir uns im Nachhinein, ob wir einen Fehler gemacht haben. Aber diese Situation war nie so geplant. Mit solch einer Gewalt hätten wir niemals gerechnet», so Hayat.
Michod gibt auch einigen Opferanwältinnen und Opferanwälten die Schuld an Rachegelüsten. Er wirft ihnen Manipulation vor, die Hass schüre. «Das verursacht weiteres Leid, insbesondere für die Opfer.» Auch die Staatsanwaltschaft wird kritisiert. Dies, weil sie zwar unter Androhung einer Strafe ein Kommunikationsverbot über den Inhalt des Verfahrens verhängt habe, jedoch nicht gegen die Anwältinnen und Anwälte vorgehe, die gegen dieses Verbot verstossen würden. «Die Regeln müssen für alle gleich sein», so Hayat.
Die Umstände liessen an der Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft zweifeln. Dass ständig Informationen durchsickerten, verstärke auch das Misstrauen gegenüber der Justiz.
Dennoch hoffen die Anwältinnen und Anwälte, dass der Fall am Schluss aufgeklärt wird. «Wir werden mit objektiven Beweisen belegen können, dass das Ehepaar Moretti die Wahrheit gesagt hat, aber das werden wir vor Gericht tun.» Bis es so weit ist, dürfte noch einige Zeit vergehen. Wegen der vielen Beteiligten rechnet Michod mit einer Dauer von rund fünf Jahren, bis das Verfahren abgeschlossen werden kann. (vro)
