«Gegen linke und grüne Frauen wird richtig gehetzt, das ist die bittere Realität»
Der Fall wäre fast unbekannt geblieben. Canal9 machte ihn am 19. Februar publik – grosse Wellen schlug er trotzdem nicht. Dabei hatte er es in sich: Über Wochen hinweg wurde die Walliser Staatsrätin Franziska Biner von einem Unbekannten gezielt online belästigt.
Der Fall der Walliser Staatsrätin macht deutlich: Die politische Kultur in der Schweiz wird rauer – und kippt teils ins Extreme. Eine Studie der Universität Zürich zeigt das deutlich: Über 3500 Politikerinnen und Politiker aus Bund, Kantonen und Gemeinden wurden befragt. Das Resultat ist alarmierend: Viele berichten von Beleidigungen, Drohungen oder sogar körperlichen Angriffen. Besonders krass: Drei Viertel geben an, sie seien schon betroffen gewesen.
Um zu sehen, wie weit das Problem reicht, haben wir mehrere Staatsrätinnen und Staatsräte aus der Romandie zu Wort kommen lassen.
Von watson kontaktiert, sagt der Waadtländer Staatsrat Frédéric Borloz, dass «sich die Dinge ändern». Und er erinnert an eine für ihn grundlegende Wahrheit:
Er spürt einen echten Richtungswechsel: «Die Politik ist offener und direkter geworden. Junge Leute sind weniger zurückhaltend, ihre Anliegen radikaler – und die Reaktionen darauf ebenso.»
Als Stadtpräsident von Aigle berichtet er von ernstzunehmenden Drohungen:
Heute leitet er als Staatsrat das Waadtländer Departement für Unterricht und Berufsbildung (DEF) und wirkt gelassen. Trotzdem ist das Klima deutlich rauer geworden. Als Beispiel nennt er die Demonstrationen und Streiks, die Ende 2025 durch den Kanton gingen:
Physisch angegriffen wurde er nie, aber im Laufe seiner Jahre als Exekutivchef habe er «einige unschöne Begegnungen mit schwierigen Leuten» hinter sich.
Solche Fälle nehmen zu, sind aber noch lange nicht die Regel. «Ich bin viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs – und die meisten Leute bleiben höflich und respektvoll», betont Frédéric Borloz.
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Der Waadtländer Staatsrat hebt vor allem anonyme Schreiben hervor – und die Gewalt, die dadurch entstehen kann. Ähnliches beobachtet seine Kollegin Valérie Dittli. Die Chefin des Waadtländer Departements für Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Klima und Digitalisierung (DADN) erklärt in einer kurzen schriftlichen Stellungnahme: «Die meisten Nachrichten kommen elektronisch, per E-Mail oder über die Kontaktformulare meiner Website, seltener per Post – und oft sind sie dann direkter und konkreter.»
Auch wenn sie im Vergleich zu den zahlreichen Unterstützungsbekundungen nach wie vor deutlich in der Minderheit sind, versichert sie:
Frédéric Borloz hebt seinerseits «eine Generation hervor, die stark mit den sozialen Netzwerken verbunden ist»:
Er erklärt es so: «Irgendwann gewöhnen sich die Menschen daran, Dinge direkt von Angesicht zu Angesicht zu sagen. Dann werden die Worte spitzer, aggressiver.»
Auf die Frage, ob der Waadtländer seine Kommentare und privaten Nachrichten durchgeht, versichert er, sich nicht lange damit aufzuhalten:
Zwischen 13 und 14 Beschwerden von Céline Vara
Céline Vara prangert diese Praktiken schon seit Langem an – und das nicht ohne Grund. Auf ihrem politischen Weg zwischen Bern und dem Kanton Neuenburg, wo sie aufgewachsen ist, musste sie so einiges einstecken. Sie spricht offen über Angriffe auf sie als Frau und Politikerin: «Gegen linke und grüne Frauen wird richtig gehetzt, das ist die bittere Realität.»
Die Neuenburgerin kennt das Thema genau. «Ja, ich wurde belästigt.» Ein Fremder filmte sich stundenlang, während er sie kritisierte. «Meistens sind das Leute, die psychisch auffällig sind», erklärt sie.
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Wenn wir sie bitten, einen Überblick über die Angriffe zu geben, die sie als Spitzenpolitikerin erleidet, unterscheidet sie zwei Arten davon:
Der zweite Fall ist eine ganz andere Kategorie. «In den letzten Jahren traf ich Journalisten, die gezielt nach schlechten Infos über mich suchten, um mich blosszustellen. Erst kürzlich kontaktierte einer von ihnen verschiedenste öffentliche Institutionen, um eine Story gegen mich und meine Partei zu basteln.» Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: «Für mich ist das eindeutig Belästigung.»
Auch wenn sich Céline Vara «wie eine Zielscheibe» fühlt, macht sie deutlich, wie gross der Einfluss sozialer Netzwerke ist:
Die Neuenburgerin teilt aus:
Ihr zufolge waren die Angriffe jedoch heftiger, als sie im Ständerat in Bern sass. 2021, während der Kampagne zu synthetischen Pestiziden, erhielt sie Todesdrohungen – auch ihre Töchter. Die ganze Familie wurde damals unter Polizeischutz gestellt. «Sechs Wochen unter Polizeischutz hinterlassen Spuren», erzählt die Neuenburgerin.
Nach zehn Monaten in der Kantonsregierung sieht sie einen klaren Unterschied zwischen ihrem jetzigen Amt und dem vorherigen:
Auch Mathias Reynard wurde angegriffen
Mathias Reynard bestätigt watson, dass auch er mit solchen Situationen zu kämpfen hatte. «Ich habe tatsächlich schon Belästigungsformen erlebt, die denen von Franziska Biner ähneln», sagt er, bevor er eine besonders schwierige Phase thematisiert:
Seitdem hat sich die Situation laut dem Walliser Regierungspräsidenten beruhigt: «Ab und zu passiert es noch, aber das ist nicht mehr vergleichbar.»
Während die Angriffe meist aus den sozialen Medien kommen, die «oft anonym genutzt werden», erlebt man auf der Strasse «ganz im Gegenteil Unterstützung und Dankbarkeit», erklärt der Walliser Regierungsrat.
Carole-Anne Kast kritisiert sexistische Angriffe
Carole-Anne Kast, Genfer Regierungsrätin und Leiterin des Departements für Institutionen und Digitalisierung, zieht eine ähnliche Bilanz. «Wie viele politisch engagierte Frauen war ich Ziel wiederholter Angriffe in den sozialen Netzwerken und wurde mit Kommentaren von Trollen konfrontiert», sagt sie.
Sie betont, dass sie «nie im strafrechtlichen Sinn während ihrer Amtszeit belästigt wurde», macht aber auf eine organisierte Vorgehensweise aufmerksam, die ihrer Ansicht nach von «xenophoben und rechtsextrem-identitären Kreisen» ausgeht. Solche Exzesse geschehen in einem Umfeld, in dem «Gender-Bias nach wie vor existiert, auch in der Medienberichterstattung», so Kast.
In diesem Bereich formuliert Kast eine klare Forderung an die Medien:
Eine Haltung, die für sie die grundsätzliche Frage der Online-Anonymität aufwirft.
Eine «wachsende Misstrauenskultur» in Freiburg
Im Kanton Freiburg wollte kein Mitglied des Staatsrats direkt Auskunft geben. Die Kanzlei bestätigt jedoch ein Gefühl wachsender Polarisierung: «Die Mitglieder des Freiburger Staatsrats stellen tatsächlich eine zunehmende Misstrauenskultur gegenüber den Behörden fest, ohne dass sich eines von ihnen speziell belästigt fühlt.»
Im Jura herrscht ebenfalls Schweigen – trotz mehrerer Anfragen und Nachfassaktionen. «Kein Minister hat zu diesem Thema etwas zu berichten», teilte uns der kantonale Informations- und Kommunikationsdienst mit.
Ängste unter jungen Politikerinnen und Politikern
Dieses belastende Klima wirft eine weitere Sorge auf, die von mehreren gewählten Vertretern geteilt wird: Hat es Auswirkungen auf das politische Engagement der neuen Generationen? Céline Vara berichtet:
Carole-Anne Kast teilt diese Einschätzung: «Diese Angriffe können tatsächlich demobilisieren, und wir haben die Verantwortung zu reagieren und Lösungen zu finden, insbesondere auf rechtlicher Ebene.» Sie relativiert jedoch: «Ich sehe auch bei den neuen Generationen eine grössere Sensibilität für Fragen von Belästigung und persönlichen Angriffen. Das könnte zu mehr Entschlossenheit und konkreten Massnahmen führen.»
Frédéric Borloz beobachtet hingegen die Auswirkungen bis ins Parlamentsplenum. Auf einer zunehmend harten politischen Bühne «erleben die jungen Politiker dieses Klima sehr negativ». Er fügt hinzu:
