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Online-Hass bei Regierungsmitgliedern: Berichte aus der Romandie

De nombreux conseillers et conseillères d'Etat ont été harcelés.
Belästigung, Hass und Drohungen: Angriffe auf Schweizer Politikerinnen und Politiker sind keine Einzelfälle.Image: Keystone / watson

«Gegen linke und grüne Frauen wird richtig gehetzt, das ist die bittere Realität»

Die Walliser Staatsrätin Franziska Biner machte kürzlich Online-Hass öffentlich. Ihr Fall ist kein Einzelfall, sondern steht für ein Klima, das zunehmend rauer wird. Wir wollten wissen, wie gross das Problem ist, und haben mit mehreren Regierungsmitgliedern aus der Romandie gesprochen.
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07.04.2026, 19:5507.04.2026, 20:30
Sven Papaux

Der Fall wäre fast unbekannt geblieben. Canal9 machte ihn am 19. Februar publik – grosse Wellen schlug er trotzdem nicht. Dabei hatte er es in sich: Über Wochen hinweg wurde die Walliser Staatsrätin Franziska Biner von einem Unbekannten gezielt online belästigt.

«Ein Unbekannter hat mich belästigt»
Franziska Biner, Conseillere d'Etat valaisanne parle lors d'une conference de presse du projet de reconstruction du futur Blatten ce mercredi, 3 septembre 2025 a Ferden dans le Loetschental. ...
Franziska Biner wurde im Internet von einem Mann belästigt.Keystone

Der Fall der Walliser Staatsrätin macht deutlich: Die politische Kultur in der Schweiz wird rauer – und kippt teils ins Extreme. Eine Studie der Universität Zürich zeigt das deutlich: Über 3500 Politikerinnen und Politiker aus Bund, Kantonen und Gemeinden wurden befragt. Das Resultat ist alarmierend: Viele berichten von Beleidigungen, Drohungen oder sogar körperlichen Angriffen. Besonders krass: Drei Viertel geben an, sie seien schon betroffen gewesen.

Um zu sehen, wie weit das Problem reicht, haben wir mehrere Staatsrätinnen und Staatsräte aus der Romandie zu Wort kommen lassen.

Von watson kontaktiert, sagt der Waadtländer Staatsrat Frédéric Borloz, dass «sich die Dinge ändern». Und er erinnert an eine für ihn grundlegende Wahrheit:

«Wer es allen recht machen will, sollte besser keine Politik machen.»

Er spürt einen echten Richtungswechsel: «Die Politik ist offener und direkter geworden. Junge Leute sind weniger zurückhaltend, ihre Anliegen radikaler – und die Reaktionen darauf ebenso.»

Als Stadtpräsident von Aigle berichtet er von ernstzunehmenden Drohungen:

«Menschen, von denen ich wusste, dass sie bewaffnet sind, haben mir direkt in die Augen gesagt, dass sie mich und meine Familie für bestimmte Entscheidungen bezahlen lassen werden.»

Heute leitet er als Staatsrat das Waadtländer Departement für Unterricht und Berufsbildung (DEF) und wirkt gelassen. Trotzdem ist das Klima deutlich rauer geworden. Als Beispiel nennt er die Demonstrationen und Streiks, die Ende 2025 durch den Kanton gingen:

«Zwischen den Streiks zu Beginn der Legislatur (Anm. d. Red.: 2022) und den Demonstrationen Ende letzten Jahres habe ich gesehen, dass Gewalt und Aggressivität sich verdoppelt haben.»

Physisch angegriffen wurde er nie, aber im Laufe seiner Jahre als Exekutivchef habe er «einige unschöne Begegnungen mit schwierigen Leuten» hinter sich.

«Während einer Demo tauchte eine vermummte Person am Bahnhof auf und zeigte mir feindselige Gesten. Ich hatte sie nicht gesehen – sie musste mir gefolgt sein. Schon im stehenden Zug klopfte sie aggressiv ans Fenster, bevor sie davonrannte.»
Frédéric Borloz

Solche Fälle nehmen zu, sind aber noch lange nicht die Regel. «Ich bin viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs – und die meisten Leute bleiben höflich und respektvoll», betont Frédéric Borloz.

Le conseiller d'Etat vaudois Frederic Borloz parle lors de la conference de presse de presentation du projet de budget 2026 de l'Etat de Vaud ce mercredi, 24 septembre 2025 a Lausanne. (KEYS ...
In seinem politischen Leben hat Frédéric Borloz bereits einige unangenehme Episoden erlebt.
Keystone

Der Waadtländer Staatsrat hebt vor allem anonyme Schreiben hervor – und die Gewalt, die dadurch entstehen kann. Ähnliches beobachtet seine Kollegin Valérie Dittli. Die Chefin des Waadtländer Departements für Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Klima und Digitalisierung (DADN) erklärt in einer kurzen schriftlichen Stellungnahme: «Die meisten Nachrichten kommen elektronisch, per E-Mail oder über die Kontaktformulare meiner Website, seltener per Post – und oft sind sie dann direkter und konkreter.»

Auch wenn sie im Vergleich zu den zahlreichen Unterstützungsbekundungen nach wie vor deutlich in der Minderheit sind, versichert sie:

«Diese Angriffe sind inakzeptabel und müssen verurteilt werden.»

Frédéric Borloz hebt seinerseits «eine Generation hervor, die stark mit den sozialen Netzwerken verbunden ist»:

«Die Leute haben sich in den letzten zwanzig Jahren daran gewöhnt, alles zu sagen, was ihnen in den Kopf kommt – unter einem Pseudonym oder nicht, aber immer hinter dem Filter der sozialen Netzwerke.»

Er erklärt es so: «Irgendwann gewöhnen sich die Menschen daran, Dinge direkt von Angesicht zu Angesicht zu sagen. Dann werden die Worte spitzer, aggressiver.»

Auf die Frage, ob der Waadtländer seine Kommentare und privaten Nachrichten durchgeht, versichert er, sich nicht lange damit aufzuhalten:

«Sie spiegeln nicht wirklich die Meinung der Bevölkerung wider – nur die von einem Teil der Menschen, die gehört werden möchten. Wenn man ein wenig öffentlich exponiert ist, muss man sich auch darauf vorbereiten und eine gewisse Disziplin bewahren.»

Zwischen 13 und 14 Beschwerden von Céline Vara

Céline Vara prangert diese Praktiken schon seit Langem an – und das nicht ohne Grund. Auf ihrem politischen Weg zwischen Bern und dem Kanton Neuenburg, wo sie aufgewachsen ist, musste sie so einiges einstecken. Sie spricht offen über Angriffe auf sie als Frau und Politikerin: «Gegen linke und grüne Frauen wird richtig gehetzt, das ist die bittere Realität.»

Die Neuenburgerin kennt das Thema genau. «Ja, ich wurde belästigt.» Ein Fremder filmte sich stundenlang, während er sie kritisierte. «Meistens sind das Leute, die psychisch auffällig sind», erklärt sie.

Celine Vara, conseillere d'Etat de Neuchatel, parle lors d'une conference de presse du canton de Neuchatel et des Transports Publics Neuchatelois (transN) consacree a la situation de l' ...
Céline Vara hat wegen Hassnachrichten in den sozialen Medien bereits 13 oder 14 Mal Anzeige erstattet.
Keystone

Wenn wir sie bitten, einen Überblick über die Angriffe zu geben, die sie als Spitzenpolitikerin erleidet, unterscheidet sie zwei Arten davon:

«Die Angriffe kommen entweder aus der Bevölkerung – meist von Männern – oder von Journalisten.»

Der zweite Fall ist eine ganz andere Kategorie. «In den letzten Jahren traf ich Journalisten, die gezielt nach schlechten Infos über mich suchten, um mich blosszustellen. Erst kürzlich kontaktierte einer von ihnen verschiedenste öffentliche Institutionen, um eine Story gegen mich und meine Partei zu basteln.» Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: «Für mich ist das eindeutig Belästigung.»

Auch wenn sich Céline Vara «wie eine Zielscheibe» fühlt, macht sie deutlich, wie gross der Einfluss sozialer Netzwerke ist:

«Wenn über mich ein Shitstorm in den sozialen Medien losbricht, zeigt sich meist: Die meisten Kommentare stammen von russischen Trollen. Die Netzwerke werden instrumentalisiert und füttern eine kleine Gruppe Hasskommentatoren. Einige Journalisten springen auf dieses künstliche Phänomen auf, um daraus reisserische Artikel zu machen.»

Die Neuenburgerin teilt aus:

«Es gibt keinen Respekt mehr vor Politikern und vor Politikerinnen.»
Céline Vara

Ihr zufolge waren die Angriffe jedoch heftiger, als sie im Ständerat in Bern sass. 2021, während der Kampagne zu synthetischen Pestiziden, erhielt sie Todesdrohungen – auch ihre Töchter. Die ganze Familie wurde damals unter Polizeischutz gestellt. «Sechs Wochen unter Polizeischutz hinterlassen Spuren», erzählt die Neuenburgerin.

Nach zehn Monaten in der Kantonsregierung sieht sie einen klaren Unterschied zwischen ihrem jetzigen Amt und dem vorherigen:

«Als Ständerätin gehört mein Image der gesamten Schweizer Bevölkerung. Als Regierungsrätin bewege ich mich stärker in meinem Kanton, näher bei den Leuten, was schädliches Verhalten einschränkt.»

Auch Mathias Reynard wurde angegriffen

Mathias Reynard bestätigt watson, dass auch er mit solchen Situationen zu kämpfen hatte. «Ich habe tatsächlich schon Belästigungsformen erlebt, die denen von Franziska Biner ähneln», sagt er, bevor er eine besonders schwierige Phase thematisiert:

«Die Zeit der Pandemie war von sehr heftigen Angriffen und Drohungen geprägt, die spezielle Schutzmassnahmen nötig machten.»

Seitdem hat sich die Situation laut dem Walliser Regierungspräsidenten beruhigt: «Ab und zu passiert es noch, aber das ist nicht mehr vergleichbar.»

Les conseillers d'Etat valaisans, de gauche a droite, Franz Ruppen, Mathias Reynard, Christophe Darbellay, Stephane Ganzer, Franziska Biner, parlent, apres avoir observe une minute de silence pou ...
Mathias Reynard hat während der Covid-Zeit eine schwierige Phase durchlebt.Keystone

Während die Angriffe meist aus den sozialen Medien kommen, die «oft anonym genutzt werden», erlebt man auf der Strasse «ganz im Gegenteil Unterstützung und Dankbarkeit», erklärt der Walliser Regierungsrat.

Carole-Anne Kast kritisiert sexistische Angriffe

Carole-Anne Kast, Genfer Regierungsrätin und Leiterin des Departements für Institutionen und Digitalisierung, zieht eine ähnliche Bilanz. «Wie viele politisch engagierte Frauen war ich Ziel wiederholter Angriffe in den sozialen Netzwerken und wurde mit Kommentaren von Trollen konfrontiert», sagt sie.

La conseillere d'Etat genevoise Carole-Anne Kast, droite, accompagnee de Monica Bonfanti, gauche, commandante de la police genevoise, presente les statistiques policieres sur la criminalite de l& ...
Carole-Anne Kast.Keystone

Sie betont, dass sie «nie im strafrechtlichen Sinn während ihrer Amtszeit belästigt wurde», macht aber auf eine organisierte Vorgehensweise aufmerksam, die ihrer Ansicht nach von «xenophoben und rechtsextrem-identitären Kreisen» ausgeht. Solche Exzesse geschehen in einem Umfeld, in dem «Gender-Bias nach wie vor existiert, auch in der Medienberichterstattung», so Kast.

In diesem Bereich formuliert Kast eine klare Forderung an die Medien:

«Die Moderation der Kommentare unter Presseartikeln ist keine Option, sondern eine Verantwortung. Die Meinungsfreiheit darf nicht als Vorwand für Beleidigungen und diskriminierende Äusserungen dienen.»
Carole-Anne Kast

Eine Haltung, die für sie die grundsätzliche Frage der Online-Anonymität aufwirft.

Eine «wachsende Misstrauenskultur» in Freiburg

Im Kanton Freiburg wollte kein Mitglied des Staatsrats direkt Auskunft geben. Die Kanzlei bestätigt jedoch ein Gefühl wachsender Polarisierung: «Die Mitglieder des Freiburger Staatsrats stellen tatsächlich eine zunehmende Misstrauenskultur gegenüber den Behörden fest, ohne dass sich eines von ihnen speziell belästigt fühlt.»

Im Jura herrscht ebenfalls Schweigen – trotz mehrerer Anfragen und Nachfassaktionen. «Kein Minister hat zu diesem Thema etwas zu berichten», teilte uns der kantonale Informations- und Kommunikationsdienst mit.

Ängste unter jungen Politikerinnen und Politikern

Dieses belastende Klima wirft eine weitere Sorge auf, die von mehreren gewählten Vertretern geteilt wird: Hat es Auswirkungen auf das politische Engagement der neuen Generationen? Céline Vara berichtet:

«Für alle jungen Menschen, die in die Politik gehen wollen, ist das meiner Meinung nach beängstigend»

Carole-Anne Kast teilt diese Einschätzung: «Diese Angriffe können tatsächlich demobilisieren, und wir haben die Verantwortung zu reagieren und Lösungen zu finden, insbesondere auf rechtlicher Ebene.» Sie relativiert jedoch: «Ich sehe auch bei den neuen Generationen eine grössere Sensibilität für Fragen von Belästigung und persönlichen Angriffen. Das könnte zu mehr Entschlossenheit und konkreten Massnahmen führen.»

Frédéric Borloz beobachtet hingegen die Auswirkungen bis ins Parlamentsplenum. Auf einer zunehmend harten politischen Bühne «erleben die jungen Politiker dieses Klima sehr negativ». Er fügt hinzu:

«Ich sehe, dass sich der Ton im Grossen Rat verändert. Es gibt Leute, die sich nicht mehr ausdrücken können, ohne den politischen Gegner anzugreifen.»

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Die beliebtesten Kommentare
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Matt1988
07.04.2026 20:32registriert Juli 2020
Die NZZ lobt ja Trump in einem neuen Artikel und schreibt sinngemäss, dass Scham nur etwas für Woke ist und Moralapostel… damit schürt eine renommierte Zeitung das Bild… und Galaxus hat auch einen Artikel zum Thema Respekt gemacht und behauptet darin, dass Respekt nur eine Modeerscheinung war… traurig, dass man nicht wieder gemeinsam nach Lösungen sucht und den Dialog fördert…
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Idealisst, Fabulisst, Alchemisst
07.04.2026 20:27registriert Januar 2014
Was soll oder kann man anderes von Wutbürgern erwarten, wenn selbst Nationalräte unliebsame Lehrer oder Bürger ihrem Mob zum virtuellen Frass vorwerfen?
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Hohlraumverwalter
07.04.2026 21:10registriert August 2025
"Gegen linke und grüne Frauen wird richtig gehetzt, das ist die bittere Realität"


Und die gleichen Frauen machen das teilweise:

Gegen rechte und bürgerliche Männer und Frauen wird richtig gehetzt, das ist die bittere Realität.

Es würde ganz links und rechts mal gut tun, einfach die Klappe zu halten.
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